Thomas Müller (rechts vorne) leitete das brasilianische Debakel mit seinem frühen Treffer ein.

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Thema | WM2014
07/09/2014

7:1! Deutschland stürzt Brasilien ins Tal der Tränen

Das Team von Jogi Löw zieht mit einem historischen Halbfinal-Sieg ins Endspiel der WM 2014 ein. In São Paulo kam es nach dem Aus zu Ausschreitungen, mehrere Busse brannten.

Nach dem Aus der brasilianischen Mannschaft bei der Fußball-WM hat sich der Frust der Fans gewaltsam entladen. In São Paulo ist es zu Ausschreitungen gekommen. Nach Polizeiangaben wurden am Dienstagabend an die 20 Busse angezündet sowie ein Geschäft mit Elektroartikeln geplündert. Zu Raufereien mit mehreren Verletzten und zahlreichen Festnahmen kam es in mindestens vier weiteren Städten. Auf den Fifa-Fan-Festen schlug die Partystimmung ebenfalls in Gewalt um. An der Copacabana löste eine Massenschlägerei kurzzeitig Panik aus.

Demütigung

Was sich zuvor im Estádio Mineirão zugetragen hat, wird wohl in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften eingehen. Zwischen Minute 23 und 29 erlebte die Seleção, erlebte Brasilien durch die deutsche Nationalmannschaft eine Demütigung, wie sie dem fußballbegeisterten Land in dieser Form zuvor noch nie widerfahren war. Sicher, da gab es vor Urzeiten einmal das verlorene Endspiel bei der Heim-WM 1950 gegen Uruguay, und 1930 und 1966 waren die Brasilianer sogar in der Vorrunde gescheitert – aber dass eine Seleção in sechs Minuten vier Gegentore hinnehmen muss, und das auch noch im Stile einer Schülermannschaft, das schlägt alles. Zu Tausenden flüchteten die brasilianischen Anhänger bereits zur Halbzeit aus dem Stadion in Belo Horizonte. Als Oscar in der Schlussminute der Ehrentreffer gelang, erntete er Pfiffe.

Die Szenen erinnerten phasenweise an launigen Hallenfußball. An lockere Spielchen, die man in dieser Form nur kennt, wenn es Amateurfußballer mit Profis zu tun haben. Aber im Semifinale einer Weltmeisterschaft? Und dann auch noch der Rekordweltmeister in der Rolle des Lehrbuben? Eigentlich unvorstellbar.

BRAZIL SOCCER FIFA WORLD CUP 2014

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Brazil's Luiz and goalkeeper Cesar hold jersey of

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Germany's goalkeeper Neuer makes a save past his t

Germany's Mueller scores against Brazil during the

BRAZIL SOCCER FIFA WORLD CUP 2014

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Germany's Miroslav Klose scores a goal during the

Germany's Toni Kroos scores his team's third goal

Germany's Kroos celebrates with his teammate Klose

Brazil's goalkeeper Julio Cesar can not stop a sho…

Germany's Khedira shoots to score his team's fifth

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Germany's coach Loew celebrates his team's fifth g

Brazil's Marcelo reacts after Germany scored durin…

Germany's goalkeeper Neuer makes a save next to hi

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Germany's Klose is substituted by Schuerrle during

Germany's Schuerrle scores his team's sixth goal a

Germany's Schuerrle celebrates scoring his team's

Germany's Schuerrle scores his team's seventh goal

Germany's Schuerrle celebrates after scoring the t

Brazil's Oscar reacts during their 2014 World Cup

Brazil's national soccer players react after their

Germany's Schuerrle gestures as he celebrates scor

Abfuhr

1:7 gegen Deutschland. Eins zu sieben. Und das wirklich Erschreckende daran: Damit waren die Brasilianer sogar noch gut bedient. Gegen diese deutsche Nationalmannschaft, die im Semifinale wieder einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, einen Schritt Richtung viertem WM-Titel. Pragmatisch und clever haben die Deutschen schon das ganze WM-Turnier über gespielt, gegen Brasilien brillierte die Mannschaft von Jogi Löw nun mit einem Spielwitz, der nur mit zwei Attributen beschrieben werden kann. Brasilianisch. Und weltmeisterlich.

Als Thomas Müller nach elf Minuten das Bestschießen einläutete, offenbarte sich bereits das ganze defensive Dilemma der Brasilianer. Der Bayern-Stürmer kam nach einem Corner im Fünferraum völlig unbedrängt zum Ball und durfte seelenruhig zum 1:0 einschießen.

Das reichte bereits , um alle Dämme brechen zu lassen. Panisch, hektisch, chaotisch – so lässt sich danach der Auftritt der Brasilianer beschreiben, die im Rausch der Emotionen und Versagensängste alle taktischen Vorgaben und das fußballerische Einmaleins über Bord warfen. "Das ist unerklärlich", stammelte Goalie Júlio César.

Spott und Häme für Brasilien

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Der neue WM-Rekordschütze Miroslav Klose (23.), Toni Kroos (24., 26.) und Sami Khedira (29.) wurden von den Brasilianern regelrecht zum Toreschießen eingeladen. Wie im Training konnten sich die Deutschen die Kugel zuschieben, ohne große Gegenwehr des WM-Gastgebers. Gnadenlos zeigte die DFB-Elf all die Schwächen auf, mit denen sich der fünffache Weltmeister bis ins Semifinale durchgeschummelt hatte. So schlecht, und so unbrasilianisch hat zuvor wohl noch keine Seleção gespielt.

Und obwohl die Deutschen nach der Pause einige Gänge zurückschalteten und Bundestrainer Löw bereits einige Kräfte schonte, erhöhte Schürrle mit einem Doppelpack (69., 79.) noch die brasilianische Schmach.

Mit dem 1:7 verdrängen die Brasilianer nun auch die Österreicher aus den WM-Geschichtsbüchern: Das rotweiß-rote 1:6 bei der WM 1954 gegen Deutschland war bis dato die höchste Semifinalniederlage der WM-Geschichte.

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Klose schreibt Geschichte

Die brasilianischen Fans hatten fürchterlich zu leiden. So groß waren die Erwartungen, sicher geglaubt war der Einzug ins Finale. Und dann setzte es ein historisches Debakel.

Doppelt schmerzt, dass der Brasilianer Ronaldo seinen Torrekord bei Weltmeisterschaften abgeben musste. Miroslav Klose ist mit seinem 16. WM-Tor alleiniger Rekordtorschütze. Mit seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 ließ der 36-Jährige den brasilianischen Weltmeister von 2002 hinter sich.

Zum Vergleich: Bester Österreicher in der WM-Torschützenliste ist Erich Probst (1927 – 1988), der in fünf Spielen bei der WM 1954 sechs Treffer erzielte. Hans Krankl hält bei fünf WM-Toren aus den Turnieren 1978 und 1982.

Der Treffer im Estádio Mineirao von in Belo Horizonte war das 71. Länderspieltor für Klose. Er hält mittlerweile vor Gerd Müller (68 Treffer, davon 14 bei Weltmeisterschaften) die deutsche Bestmarke. Allerdings benötigte Müller nur 62 Länderspiele. Für Klose, der seit 2011 bei Lazio Rom unter Vertrag ist, war es bereits Länderspiel Nummer 136. Sein Auftritt war der vierte in einem WM-Halbfinale. Auch das schaffte zuvor weltweit noch kein anderer Spieler.

Die besten WM-Torschützen
16 Tore Miroslav Klose (GER) 2002-2014 *
15 Tore: Ronaldo (BRA) 1998-2006
14 Tore: Gerd Müller (GER) 1970/1974
13 Tore: Just Fontaine (FRA) 1958
12 Tore: Pele (BRA) 1958-1970
11 Tore: Sandor Kocsis (HUN) 1954
Jürgen Klinsmann (GER) 1990-1998
10 Tore: Helmut Rahn (GER) 1954/1958
Teofilo Cubillas (PER) 1970-1978
Grzegorz Lato (POL) 1974-1982
Gary Lineker (ENG) 1986/1990
Gabriel Batistuta (ARG) 1994-2002
Thomas Müller (GER) 2010/2014 *
Weiter:
6 Tore: Erich Probst (AUT) 1954
5 Tore: Hans Krankl (AUT) 1978/1982

Müller: "Jetzt wird man uns in den Himmel loben"

Miroslav Klose (Deutschland-Torschütze/WM-Rekordtorschütze): "Ich kann es noch nicht so richtig fassen, das ist schwer nach so einem Spiel. Wir haben wirklich super angefangen, und dass wir toll harmonieren können, sieht man auch schon im Training. Wir sind wirklich eine Einheit. Wir haben den Gegner auch gut analysiert. Und Toni (Kroos) bringt die Standards genau dort hin, wo sie hingehören."

Thomas Müller (Deutschland-Torschütze): "Das war natürlich nicht unbedingt zu erwarten. Aber da sieht man mal, wie unterschiedlich Spiele laufen können. Die Räume waren größer als gegen defensiv eingestellte Mannschaften. Das haben wir überragend ausgenutzt, irgendwann bist du als Gegner gebrochen. Jetzt müssen wir noch einmal durchziehen, Vollgas geben und uns das Ding holen. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Jetzt wird man uns in den Himmel loben."

Julio Cesar (Brasilien-Tormann): "Ich kann es nicht erklären. Es ist einfach schwierig, das zu erklären. Die Deutschen waren einfach stark, das müssen wir anerkennen. Nach dem ersten Tor sind wir zusammengebrochen, das hatte keiner erwartet. Ich bin wirklich sehr traurig, besonders ich. Ich hätte heute lieber 1:0 mit einem Fehler von mir verloren als ein 1:7 zu erleben. Ich bin aber sicher, dass die Spieler wieder aufstehen werden."

David Luiz (Brasilien-Kapitän/Innenverteidiger): "Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten, allen, die so viel zu leiden haben. Leider haben wir das nicht geschafft. Ich möchte mich bei allen Brasilianern entschuldigen."

Joachim Löw (Deutschland-Teamchef): "Es war wichtig der Leidenschaft und den Emotionen der Brasilianer mit Ruhe, Abgeklärtheit, Behaglichkeit zu entgegnen und auch mit Mut. Das haben wir auch gemacht. Brasilien war dann auch geschockt, das hatten sie nicht erwartet, von daher hatten wir dann leichtes Spiel. Wir haben gut geordnet gespielt und gewusst, dass wenn wir schnell kontern und schnell nach vorne spielen, die Abwehr der Brasilianer ungeordnet ist. Wir haben gewusst, wenn wir das gut machen, werden wir sie auch erwischen. Alle haben ihre Aufgabe wahnsinnig gut und konzentriert erfüllt. Es geht jetzt weiter, ein bisschen Demut ist auch gut. Man darf das jetzt nicht überbewerten und muss konzentriert bleiben bis am Sonntag. Die Spieler sind sehr geerdet und bereit, den nächsten Schritt zu machen.

Luiz Felipe Scolari (Brasilien-Teamchef): "Das ist die schlimmste Niederlage aller Zeiten. Das Leben geht weiter, auch mein Leben geht weiter. Das Ergebnis fällt auf mich zurück, ich bin der Verantwortliche. Dem brasilianischen Volk möchte ich sagen: Bitte entschuldigt diese Niederlage. Vielleicht wird es in die Geschichte eingehen, dass ich die schlimmste Niederlage für Brasilien zu verantworten habe. Ich habe das getan, was ich für das Beste gehalten habe. Auf diese Art und Weise haben wir eine Niederlage erhalten."

Toni Kroos (Deutschland-Doppel-Torschütze/Man of the match): "Wir haben ein tolles Spiel gemacht, sie ein bisschen überrannt, und im Minuten-Takt die Tore gemacht. Brasilien im Halbfinale im eigenen Land 7:1 zu schlagen - Respekt. Aber unser Weg ist noch nicht zu Ende, wir sind hier hergefahren, um Weltmeister zu werden.

Mats Hummels (Deutschland-Innenverteidiger): "So etwas gab es noch nicht oft und wird es auch nicht mehr oft geben. Von daher sollten wir das jetzt genießen. Das ist schon etwas Besonderes, was wir bis jetzt geleistet haben und jetzt versuchen wir alles, um am Sonntag auch noch den ganz großen Traum wahr werden zu lassen."

Oliver Bierhoff (Deutschland-Team-Manager): "Es war unglaublich, hing aber auch damit zusammen, dass die Brasilianer ein bisschen den Faden verloren haben, geschockt waren und dass wir diese Momente gut genutzt haben. Ich dachte auch, dass das heute eine ganz heiße, enge Kiste wird. Ich kann mich nicht an so ein Halbfinale erinnern. Aber es ist noch nichts erreicht. Wir können uns nichts dafür kaufen, egal ob 7:1 oder 2:1. In ein Finalspiel geht man wieder mit 50:50 rein."

Wolfgang Niersbach (Deutschland-Verbandspräsident): "Das ist ein historischer Tag für den deutschen Fußball. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sensationell, märchenhaft, das ist alles zu schwach. Das war irgendwie Fußball von einem anderen Stern. Ich freue mich so für die Trainer und die Mannschaft. Jetzt wollen wir auch den nächsten Schritt machen."

Nicht dabei und doch allgegenwärtig

Der größte Star des Semifinales war der große Abwesende: Neymar hatte zwar auf einen Besuch seiner Teamkollegen verzichten müssen, trotzdem war der am Rücken verletzte brasilianische Volksheld im Estádio Mineirão allgegenwärtig.

Neymar hatte wenige Stunden vor dem Spiel eine Grußbotschaft auf Facebook veröffentlicht und die Fans aufgerufen, die Mannschaft zu unterstützen. Er werde einer von 200 Millionen Fans an diesem Tag sein und wünsche sich "mehr als alles andere, am Sonntag beim Endspiel im Maracanã zu sein".

Alle Spieler der Seleção trugen in Belo Horizonte Schirmmützen mit der Aufschrift "Força Neymar" ("Vorwärts Neymar"), und auf den Tribünen wurden Masken des Superstars verteilt. Kapitän Luiz und Goalie César hielten bei der Hymne demonstrativ ein Leiberl mit der Nummer 10 in die Höhe. Mehrmals wurden im Stadion Neymar-Sprechchöre angestimmt. Genützt hat dies letztlich alles nichts.

Nach wenigen Minuten regierte Fassungslosigkeit. Und die Fans versteckten ihre Tränen hinter den Masken ihres gefallenen Superstars.

Brasilien-Deutschland 1:7

Belo Horizonte, Estadio Mineirao, 57.000, SR Rodriguez (MEX)

Tore:

0:1 (11.) Müller 0:2 (23.) Klose 0:3 (24.) Kroos 0:4 (26.) Kroos 0:5 (29.) Khedira 0:6 (69.) Schürrle 0:7 (79.) Schürrle 1:7 (90.) Oscar

Brasilien: Julio Cesar - Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo - Fernandinho (46. Paulinho), Luiz Gustavo - Bernard, Oscar, Hulk (46. Ramires) - Fred (70. Willian)

Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels (46. Mertesacker), Höwedes - Khedira (76. Draxler), Schweinsteiger, Kroos - Müller, Klose (58. Schürrle), Özil

Gelbe Karten: Dante bzw. Keine

Die höchsten deutschen Siege

Die höchsten deutschen WM-Siege
8:0 Saudi-Arabien 2002 Vorrunde
7:1 Brasilien 2014 Halbfinale
6:0 Mexiko 1978 Vorrunde
7:2 Türkei 1954 Vorrunde (Entscheidungsspiel um Viertelfinale)
6:1 Österreich 1954 Halbfinale
5:0 Schweiz 1966 Vorrunde
5:1 Vereinigte Arabische Emirate 1990 Vorrunde

Die höchsten brasilianischen Niederlagen

Die höchsten brasilianischen WM-Niederlagen
Datum Ort Begegnung Ergebnis Runde
08.07.2014 B. Horizonte Brasilien - Deutschland 1:7 Halbfinale
12.07.1998 Paris Brasilien - Frankreich 0:3 Finale
03.07.1974 Dortmund Brasilien - Niederlande 0:2 Zwischenrunde
15.07.1966 Liverpool Brasilien - Ungarn 1:3 Zwischenrunde
19.07.1966 Liverpool Brasilien - Portugal 1:3 Zwischenrunde
27.05.1934 Genua Brasilien - Spanien 1:3 Achtelfinale
27.06.1954 Bern Brasilien - Ungarn 2:4 Viertelfinale