Spurensuche: Reithmayer kam nach ihrem Erfolg von 2010 nicht mehr richtig in Fahrt.

© Reuters/ARND WIEGMANN

Nina Reithmayer
02/08/2014

Die Kehrseite der Silbermedaille

Rodlerin Nina Reithmayer wurde 2010 Zweite, der Erfolg hatte für sie aber auch viele Schattenseiten.

von Christoph Geiler

Es gab Tage, da wünschte sich Nina Reithmayer ihr altes Leben zurück. Als sie noch keine Olympia-Medaillengewinnerin war und sie nicht das Gefühl hatte, es allen Recht machen zu müssen. „Ich habe teilweise zu den Leuten in meinem Umfeld gesagt: ,Bitte seid’s mir nicht bös, aber wenn ich könnte, würde ich die Medaille gern wieder zurück geben.‘“

Reithmayer war 2010 in Vancouver überraschend zu Silber gerodelt. Nach dem Todessturz eines georgischen Rodlers war damals der Start nach unten verlegt worden. Die favorisierten Deutschen konnten ihre körperlichen Vorteile plötzlich nicht ausspielen, während Reithmayer den unorthodoxen neuen Startblock perfekt beherrschte. Die Tiroler Rodlerin wurde herumgereicht und im Österreich-Haus bejubelt, und der KURIER adelte Reithmayer damals in seiner Headline als „Eiseilige“.

Belastung

Heute sagt die 29-Jährige: „Im nachhinein war Silber eher eine Bürde.“ Reithmayer hatte den Wirbel um ihre Person nach den Winterspielen heillos unter-, zugleich aber die Spätfolgen einer Olympia-Medaille überschätzt. „Es war ja nicht Gold, sondern nur Silber. Deswegen rennen dir die Sponsoren auch nicht die Türen ein.“

Voll war eigentlich nur Reithmayers Terminkalender, in den Monaten nach Olympia war die Medaillengewinnerin ein gern gesehener Gast auf allen möglichen Veranstaltungen, und aus Angst, jemanden zu vergraulen, nahm die Tirolerin auch viele Einladungen und Termine wahr. „Jeder wollte etwas von mir, aber irgendwie hatte ich nicht die Stütze, die man in so einem Moment an seiner Seite bräuchte. Das überfordert einen, für mich war das eine riesige Belastung “, erzählt die 29-Jährige.

Richtig turbulent sollte es aber erst werden, als sich der erste Rummel um Reithmayer wieder gelegt hatte. In der Saison nach ihrem olympischen Traumlauf kam die Tirolerin nicht in Fahrt und mehr und mehr vom Kurs ab. Plötzlich war aus dem Liebling ein Sorgenkind geworden, und auf einmal sah sich die Eiseilige mit negativen Schlagzeilen konfrontiert. „Die Medien haben geschrieben: ,War das nur ein Ausreißer, war das nur eine Eintagsfliege?‘ Die Latte war so hoch, damit habe ich mich in Wahrheit brutal schwer getan.“

Selbstzweifel

Zumal irgendwann ja auch Nina Reithmayer selbst Zweifel überkamen, ob sie ihr Olympia-Silber möglicherweise nicht doch nur eine Verkettung glücklicher Umstände zu verdanken hatte. „Natürlich fängst du irgendwann zu grübeln an. Die Saison nach Olympia war eine Katastrophe. Ich war total blockiert.“

Bis heute ist die absolute Lockerheit und Leichtigkeit nicht mehr zurückgekehrt. Reithmayer rodelt seither den großen Erfolgen hinterher und schlägt sich mit Problemen herum. „Ich bin von Natur aus eine, die oft zu verbissen ist und dann das lockere Gefühl verliert. Ich habe auch keine Ahnung, wo das gute Gefühl der ersten beiden Saisonrennen hingekommen ist. Das war plötzlich, puff, wie verflogen.“

Verletzung

Dazu kommt die Knieverletzung, die sie sich im Jänner bei einem Sturz in Königssee zugezogen hatte. Reithmayer nimmt das olympische Einsitzer-Rennen am Montag mit einer Spezialschiene in Angriff, für die sie 3000 Euro ausgegeben hat.

Das ist sehr viel Geld für eine Rodlerin, die, obwohl sie seit einem Jahrzehnt zu den zehn weltbesten Läuferinnen im Eiskanal zählt. Kunstbahnrodler sind Idealisten, von Siegesprämien, wie sie Skifahrer, Skispringer oder Biathleten kassieren, können sie nur träumen. „Es ist nicht so, dass ich mir jetzt ein schönes Häufele auf die Seite legen kann. Ohne Gönner und Unterstützer ist es schwierig. Wir Rodler sind Kleinverdiener.“

Auch dieser Aspekt lässt Nina Reithmayer deshalb immer öfter über das Leben nach dem Spitzensport nachdenken. „Ich werde heuer 30, und natürlich fragst du dich, wie dein weiteres Leben aussieht. Familie, Beruf, fester Standpunkt. Da denkst du anders als mit 22.“

Heute, mit vier Jahren Abstand, ist Nina Reithmayer aber auch stolz, wenn sie Fremden als Silbermedaillengewinnerin von Vancouver vorgestellt wird.„Ich sag aber immer: ,Ich habe auch die andere Seite der Medaille kennengelernt.‘ Und eine Medaille hat nun einmal zwei Seiten. Das ist kein leerer Spruch, das ist so.“

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