Interview
11/17/2013

"Kindergarten muss Bundessache werden"

Heidemarie Lex-Nalis drängt die Politik zu Reformen. Was sich im Kindergarten ändern muss, sagt sie im KURIER-Gespräch.

von Ute Brühl

Heidemarie Lex-Nalis hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Kindergarten als bildungspolitisch bedeutsame Institution überhaupt wahrgenommen wird. Die ehemalige Direktorin der BAKIP Ettenreichgasse in Wien ist Mitbegründern des bundesweiten Netzwerks Plattform Educare. Dieses fördert den Austausch von Pädagogen und Kindergarten-Trägern. Diese würden normalerweise gar nichts voneinander hören. Schließlich ist der Kindergarten kommunal organisiert. Die Plattform ist aber mehr als ein Netzwerk. Sie stellt Forderungen, etwa die, dass die Pädagoginnen tertiär ausgebildet werden müssen.

KURIER: Der neuen Bürgermeister von New York, Bill di Blasio, will mehr Geld in die frühkindliche Förderung stecken, weil er sie als wichtige Investition in die Zukunft erachtet. Ist das eine Erkenntnis, die mittlerweile auch österreichische Politiker haben?
Heidemarie Lex-Nalis: Ja. Den Eindruck habe ich schon. Aus allen Parteien wird klar Position bezogen: Der Kindergarten ist als erste außerfamiliäre Bildungseinrichtung ganz besonders wichtig. Deshalb müssen wir da viel investieren.

Das sagen alle. Handeln sie auch so?
Es ist viel passiert in den letzten sieben, acht Jahren. Unglaublich viel. Dass der Kindergarten – zumindest im letzten Jahr verpflichtend und beitragsfrei geworden ist, zeigt eindeutig, dass man die richtigen Schlüsse gezogen hat. Dass es seit 2008 einen bundesländerübergreifenden Bildungsplan gibt und dass die KindergartenpädagogInnen in der kommenden neuen Ausbildung für alle PädagogInnen zumindest mit gedacht wurde, zeigt ebenfalls, dass das Thema in der Politik angekommen ist.

Aber dennoch können Elementarpädagogen nicht mit dem Status quo zufrieden sein.
Nein, weil die Umsetzung oft am Föderalismus scheitert. Z.B. gibt es seitens des Bundes einen klaren Auftrag zur Sprachförderung. Dazu wurden mit allen Bundesländern sogenannte 15a-Vereinbarungen geschlossen und er Bund hat spezielle Geldmittel dafür flüssig gemacht. Das heißt, dass der Bund für das zugesprochene Geld zwar Vorgaben und Empfehlungen machen kann, dass er aber keine Möglichkeit hat, zu überprüfen, was tatsächlich geschieht. Die Dienstaufsicht ist ausschließlich bei den Ländern.

Das ist ein Grund, warum die Plattform Educare fordert, dass Elementarpädagogik in die Bundeskompetenz fallen soll. Gibt es da schon Gespräche?
Mit wem? Es gibt keinen Ansprechpartner. Gespräche führten wir mit dem bisher zuständigen Minister Reinhold Mitterlehner, der im Rahmen der 15a Vereinbarungen den Auftrag hat, bundesweit gültige Qualitätsstandards zu erarbeiten. Es können aber wieder nur Empfehlungen sein, ob diese umgesetzt werden oder nicht, obliegt den Ländern.

Wie soll das konkret aussehen? Ähnlich wie die Verwaltung der Pflichtschulen?
Das Kindergartenwesen sollte wie in nahezu allen anderen europäischen Ländern dem Bildungsministerium unterstellt werden. Von der Zentrale gesteuert und regional ausgeführt.

Die Plattform Educare fordert, dass die Kindergartenpädagogen zukünftig auf Hochschulen ausgebildet werden. Doch es fehlen die Ausbildner an den Pädagogischen Hochschulen. Was wäre der erste Schritt in Richtung Akademisierung?
Es ist keine Rede davon, dass alle Pädagogen akademisch ausgebildet werden sollten. Im ersten Schritt sollten die Führungskräfte die Möglichkeit bekommen, berufsbegleitend einen Bachelor-Abschluss zu machen. Wir haben österreichweit ca 8500 Kindergärten, da lässt sich leicht ausrechnen, wie lange es dauert, bis alle Leitungen akademisch ausgebildet wären. Wenn wir alle akademisieren wollen, ist das eine Geschichte von 30 Jahren.

Außerdem: Wir benötigen nicht nur akademisch ausgebildete PädagogInnen im Kindergarten, sondern unterschiedliche Berufsprofile. In ganz Europa hat man nicht nur akademisches Personal, sondern unterschiedliche Hilfs-und Zusatzkräfte. Psychologen, Sozialarbeiter, Muttersprachler etc., also ein multiprofessionelles Team. Die Klammer, bildet die Elementarpädagogin, die den Überblick darüber hat, welche Angebote oder Hilfestellungen gebraucht werden.

Und wie viele können derzeit ausgebildet werden?
Im Herbst 2014 nehmen die ersten akademischen Studiengänge „Elementarpädagogik“ für LeiterInnen ihren Betrieb am FH-Campus in Wien und an der Universität Salzburg auf. Das bedeutet, dass 2017 ca. 60 akademisch ausgebildete LeiterInnen im Berufsfeld stehen werden. Es gibt aber auch bisher schon akademisch ausgebildetes Personal im Kindergartenbereich – zumeist PsychologInnen und PädagogInnen.

Die Kommunen befürchten, dass die Kosten steigen, wenn sie Akademiker anstellen müssen.
Egal ob akademisch ausgebildet oder nicht. Die PädagogInnen im Kindergarten müssen angemessen bezahlt werden. Das sieht man in Wien. Dort verdienen Kindergärtnerinnen gleich viel wie Volksschullehrer.

In dem Beruf arbeiten überwiegend Frauen. Auf der anderen Seite wachsen immer mehr Buben und männliche Bezugsperson auf. Wie könnte man Männer dazu bewegen, in den Beruf einzusteigen?
Das ist ein europaweites Problem. Wir sehen aber, dass dort, wo man in höherem Alter die Ausbildung beginnt, mehr Männer einsteigen. Es gibt halt nicht viele 14-Jähriger Buben, die unter lauter Mädchen und Frauen ihre Schulzeit verbringen wollen. Wir brauchen also einen späteren Beginn der Ausbildung und mehr Quereinsteiger. Dafür würde es eine nicht so rein weibliche Institution wie es der Kindergarten jetzt ist, brauchen. In den BAKIPs sind aus meiner Sicht viel zu viele brave Mädels, denn auch die unangepassten Mädchen kommen mit dieser „braven Welt“ nicht zurecht. Ähnliches höre ich seit Jahren auch von Zivildienern.

Kehren wir zurück zum Kindergarten: Was lernen Kinder hier, was sie später nicht mehr so leicht lernen können?
Eigentlich lernen Kinder in diesem Alter alles leicht und schnell, weil sie unendlich neugierig und wissbegierig sind. Sie brauchen dazu andere Kinder, eine phantasieanregende Umgebung, die genügend Platz zum Spielen und zum Ausleben des Bewegungsdranges bereithält und sie brauchen die Erwachsenen. Menschen, die auf sie eingehen, die ihre Fragen, Sorgen, Ängste aber auch ihre Ideen ernst nehmen und die bereit sind, gemeinsam mit ihnen nach Antworten und Lösungen suchen.

Deshalb ist der Kindergarten keine Einrichtung ist, in der Wissen vermittelt wird. Es wird die Grundlage dafür erworben, die notwendig ist, um später in der Schule und im Leben lernen zu können und zu wollen.

Wie hoch ist der Anteil der Elementarpädagogik im gesamten Bildungsbudget?
Rund neun Prozent – das sagt schon viel über die Wertigkeit des Kindergartens aus.

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