Frauenpower für die Bretter, die die Welt bedeuten: Einzigartig: Elisabeth Orth (li.) / Übernahm das Burgtheater und schaffte dort ein Wunder: Karin Bergmann.

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Hauptsache, es war ein Theater
12/23/2014

Hauptsache, es war ein Theater

Die besten Schauspieler, Regisseure, Theatermacher des Jahres 2014.

von Guido Tartarotti

Das bestimmende Thema des abgelaufenen Theaterjahres waren die Querelen des Burgtheaters: Ein Burgdirektor, der wegen Mitwisser- oder sogar Mittäterschaft um "dolose" finanzielle Vorgänge fristlos entlassen wird und anschließend in einem showartig ablaufenden Gerichtsprozess um Millionen streitet – da freut sich der Wiener Theaterfreund. Gibt es eine schönere Inszenierung?

Ja, gibt es. 2014 waren an den heimischen Bühnen besonders viele herausragend gute Inszenierungen und Schauspieler zu sehen. Viel mehr, als wir hier würdigen können. Daher nur eine rein subjektive Auswahl: Von Elisabeth Orth bis Michael Niavarani, von Karin Bergmann bis Christoph Krutzler, von Peter Matić bis Anita Ammersfeld.

Für 2015 darf man sich wünschen: Tolle Inszenierungen von Klassikern und neuen Stücken, großartige Darsteller und Darstellerinnen auf großen und kleinen Bühnen, in Wien und in den Bundesländern. Und bitte keine neuen Finanzskandale. Und ein Gruß an die Politik: Auch in Sparzeiten muss man der Kultur zumindest die Inflation abgelten. Sonst endet das Stück tragisch.

1. Elisabeth Orth

Eine unvergleichliche, fantastische Schauspielerin, die Hauptrollen unvergesslich gestalten kann – aber auch jederzeit im Ensemble uneitel ihre Kunst zur Verfügung stellt. In Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus’ Monumentaldrama „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen und im Burgtheater stach sie aus einem großartigen Ensemble noch heraus: Ihre Darstellung des Lehrers etwa, der seine Schüler mit Kriegsbegeisterung indoktrinieren will – sie zeichnete ihn als ebenso bösartige wie hilflose, sehr menschliche Bestie – war schlicht atemberaubend.

2. Katja Jung

Die 1968 in Bonn geborene Schauspielerin glänzte im abgelaufenen Jahr gleich in mehreren Rollen im Wiener Schauspielhaus – ebenso wie ihre Kollegin Franziska Hackl, die hier ausdrücklich als ebenso auffällig erwähnt sei. So spielte sie im großen Erfolg, der Wiener Verbrecher-Ballade „Johnny Breitwieser“, seine Sehnsuchts-Frau Greta (die anderen Frauenfiguren wurden von Franziska Hackl und Nicola Kirsch ebenfalls großartig dargestellt). Man sieht: Das Wiener Schauspielhaus hat derzeit nicht nur hoch interessante Stücke, sondern ein ausgezeichnetes Ensemble.

3. Martina Ebm

Der Neuzugang im Ensemble der Josefstadt kam sofort beim Publikum an: Als Kathi in Nestroys „Der Zerrissene“ und als Sabina Spielrein in Christopher Hamptons „Eine dunkle Begierde“ fiel die Wienerin durch klares, wahrhaftiges, auf plakative Gesten verzichtendes Spiel auf. Und auch im Fernsehen zeigt die diplomierte Theaterwissenschaftlerin ihr Können, als Teil des Teams von „Vorstadtweiber“ ist sie ab 12. Jänner mit ihren Kolleginnen Gerti Drassl, Maria Köstlinger, Nina Proll und Adina Vetter zu sehen. Von ihr darf sich das Publikum in den kommenden Jahren noch viel erwarten.

1. Peter Matić

Für ihn gilt, was auch über Elisabeth Orth zu sagen ist: Er kann jede Hauptrolle adeln, ist sich aber nie zu gut, „im Ensemble“ zu spielen. Auch er war einer der auffälligsten Darsteller im großartigen Team von „Die letzten Tage der Menschheit“. Er spielt im Burgtheater, in der Volksoper, in Reichenau, er spricht Hörspiele und Radio-Texte, synchronisiert Filmstars, ist Ensemble-Sprecher in der Burg. Als er heuer endlich den Nestroy bekam, sagte er sarkastisch: „Ich muss ein Spätentwickler sein. Ich spiele über 50 Jahre und habe nie einen Theaterpreis gewonnen.“

2. Michael Niavarani

Wo er und ein Mikro sind, ist Theater (erlebt am Tag der offenen Tür des KURIER, als er, völlig unvorbereitet, aus einer öffentlichen Blattkritik eine hinreißende Komödie machte). In diesem Jahr ging der Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und Autor ein großes Wagnis ein: In seinem eigenen Theater – dem Globe Wien in St. Marx – zeigt er auf eigenes finanzielles Risiko, ohne Subventionen, eine selbst erstellte Komödienfassung von Shakespeares Tragödie „Richard III.“ und spielt selbst die komische Hauptrolle. Das Risiko lohnte sich: Die Vorstellungen werden gestürmt.

3. Christoph Krutzler

Bisher als verlässlicher und origineller Nebenrollen-Darsteller im Volkstheater bekannt, bekam der gewichtige Burgenländer heuer seine große Chance in der Inszenierung von „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen und im Burgtheater. Und er nutzte sie: In einem starbesetzten Ensemble fiel er nicht nur nicht ab, sondern im Gegenteil durch sein klares, bei aller Wucht nie effekthaschendes Spiel auf. Seine Darstellungen des Dichters Ganghofer oder des Lebensmittelhändlers waren ebenso komisch wie gruselig. Bitte bald eine große Rolle für Krutzler!

1. Dušan Parízek

Der tschechische Regisseur Dušan David Parízek machte sich einen Namen mit tschechischen Erstaufführungen österreichischer Autoren wie Thomas Bernhard und bald auch mit bemerkenswerten Klassiker-Inszenierungen in Deutschland. Im Akademietheater gelang ihm die vielleicht ungewöhnlichste Regiearbeit des Jahres: Die Uraufführung von Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ wurde zu einer packenden, zwischen Erhabenheit, Lächerlichkeit und purem Wahnsinn wechselnden Zumutung, die niemand vergisst, der sie gesehen hat – und in der ein Holzhäcksler eine Hauptrolle spielt.

2. Georg Schmiedleitner

Ihm fiel eine unmögliche Aufgabe zu: Als Einspringer übernahm er von Matthias Hartmann die prestigeträchtige Inszenierung von Karl Kraus’ Weltkriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen und im Burgtheater. Dieses Stück ist an sich schon eine kaum zu lösende Aufgabe, selbst, wenn man genügend Vorbereitungszeit hat. Schmiedleitner gelang mithilfe eines erstklassigen Ensembles bis zur Salzburger Premiere eine hoch anständige Aufführung, die bis zur Wiener Premiere eine packende wurde. Einzelne gehässige Verrisse waren unfair.

3. Alexander Charim

Er inszenierte eine der interessantesten Produktionen des abgelaufenen Jahres: „Johnny Breitwieser – eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ im Schauspielhaus. Charim gestaltet die wahre Geschichte vom Meidlinger Verbrecher-König als Hommage an den Film Noir. Der Abend wurde so zum echten Ereignis, auch Dank der Darsteller (etwa Martin Vischer in der Hauptrolle), des klugen Textes von Thomas Arzt, der mitreißenden Musik von Jherek Bischoff und der Stahlstreben-Bühne von Ivan Bazak. Zu sehen ist eine kluge, tragische, aber auch romantische Geschichte rund um den Wiener Robin Hood.

1. Karin Bergmann

Der Skandal um die Burgtheater-Finanzen war das bestimmende Theaterthema des Jahres. Direktor Matthias Hartmann wurde deshalb abberufen und prozessiert seitdem gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber. Karin Bergmann übernahm die Leitung des Hauses zuerst interimistisch und wurde dann als neue Direktorin bis 2019 berufen. Ihr gelang ein Wunder: Die Panik im Haus legte sich, die Burg steht seitdem wieder für spannende Aufführungen und weniger für Ermittlungs-Akten. Bergmann – die vom Ensemble geliebt wird – ist es zuzutrauen, den nötigen Sparkurs ohne künstlerische Verluste zu fahren.

2. Werk X

Harald Posch und Ali M. Abdullah machen seit Jahren mit ihrer Garage X auf dem Wiener Petersplatz engagiertes Off-Theater. Im Sommer übernahmen sie unter dem Titel Werk X die brach liegende Spielstätte Kabelwerk in Meidling (und öffneten die Garage X für freie Gruppen). Ein sehr, sehr spannendes Experiment: Der neue Spielort bietet fast ideale Bedingungen für modernes Theater, die ersten Inszenierungen gelangen durchwegs gut. Allerdings findet das Publikum noch nicht den Weg zum „Theater am Arsch der Welt“. Ausgang: ungewiss. Erfolg ist der sympathischen Truppe zu wünschen.

3. Anita Ammersfeld

Zehn Jahre lang führte sie das traditionsreiche Stadttheater Walfischgasse (hier spielten schon Qualtinger, Bronner, Farkas ...) mit großem Erfolg (und wenig Subventionen). Im Herbst kam der Knalleffekt: Ammersfeld möchte es gut sein lassen, das Haus schließt (ob es, wie geplant, als Spielstätte für Kinderoper weiterbetrieben wird, ist unsicher). In die große Anerkennung für Ammersfelds Verdienste mischt sich Wehmut: Wien verliert ein bestens geführtes und ausgestattetes Haus für intelligente Komödie, zeitgenössisches Drama, Uraufführungen, Kabarett, Musik und Diskussionen.

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