Thema | 2014
22.12.2014

Kino, Kabarett & Bücher: Die Besten der Besten 2014

Die schönsten Filme, die witzigste Programme, die wichtigsten Autoren.

Im Kino den Leuten beim Älterwerden zusehen – wie in Richard Linklaters Filmjuwel "Boyhood". Eine melancholische Reise ins alte Europa antreten – wie in Wes Andersons skurril-witziger Zeitreise ins "Grand Budapest Hotel". Oder das Duell zweier Schauspielerinnen miterleben – in "Die Wolken von Sils Maria". Zwei Amerikaner und ein Franzose drehten die besten Filme des Jahres 2014.

Andreas Vitásek machte sich Gedanken über den "Sekundenschlaf" in seinem mit dem österreichischen Kabarettpreis ausgezeichneten Solo. Gery Seidl lässt sich bei seinen Programmen am liebsten von der Realität inspirieren. So ist auch das aktuelle "Bitte. Danke" ein Spiegel realer Lebenssituationen. Und Günther Paal alias Gunkl plädiert in "So Sachen – ein Stapel Anmerkungen" für einen "Welttag des fröhlichen Kopulierens". Was man vom trockenen Philosophen nicht erwartet hätte. Aber Erkenntnis kann eben mitunter auch ein lustvollen Erlebnis sein.

Und welche Schriftsteller haben das jetzt zu Ende gehende Literatur-Jahr geprägt? Der Nobelpreisträger, der sich über die Vergangenheit beugt, gehört dazu.

1. Live zusehen beim Älterwerden – in Richard Linklaters „Boyhood“

Besonders originell ist es nicht, Richard Linklaters „Boyhood“ zum besten Film des Jahres zu küren. Fast jede internationale „Best of“-Liste reiht dieses exzellente Werk an die höchste Stelle. Über zwölf Jahre lang erzählt der US-Regisseur in seinem Opus Magnum aus dem Leben eines Buben und seiner Familie – und wir sehen dem sechsjährigen Mason und seinen Eltern live beim Älterwerden zu. Am Ende ist er 18 und zieht von zu Hause aus. Die großartige Patricia Arquette und der famose Ethan Hawke spielen die Eltern und leben bereits zu Beginn der Geschichte getrennt. Linklater beobachtet die Kinder auf dem Weg zum Erwachsensein, aber auch die Alten in ihrem Kampf, selbst erwachsen zu werden. Treffsicher findet er die Balance zwischen dem Optimismus jugendlicher Leichtigkeit und dem Erleiden jener Blessuren, die einem unweigerlich in der Kindheit geschlagen werden.

2. Elegant im „Grand Budapest Hotel“

Inspiriert von Stefan Zweigs Rückschau auf das untergegangene Habsburgreich in „Die Welt von Gestern“, entwirft der geniale Dandy-Regisseur Wes Anderson in „Grand Budapest Hotel“ seine exquisite Ansicht vom alten Europa. In einem Grandhotel regiert Ralph Fiennes als vornehmer Concierge über das Schicksal seiner noblen Gäste – darunter eine herrlich gealterte Tilda Swinton. Als man ihn des Diebstahls beschuldigt, wird’s turbulent. Elegant bis in die Fingerspitzen und mit dem ihm eigenen Hang zum Skurrilen erzählt Wes Anderson witzig-melancholisch über das Vergangene – jedoch ganz ohne Nostalgie.

3. Duell in „Die Wolken von Sils Maria“

Im Schweizer Ort Sils Maria, wo schon Nietzsche seine Werke schrieb, inszenierte Olivier Assayas („Carlos“) das Duell zweier überaus sehenswerter Schauspielerinnen: Juliette Binoche, Ikone des europäischen Autorenkinos trifft auf Kristen Stewart, Teenie-Schwarm von Millionen „Twilight“-Fans. Binoche spielt eine Schauspielerin, die eine Rolle einstudiert, Stewart ihre angriffslustige Assistentin. Assayas lässt nicht nur zwei Frauen und deren Star-Image aufeinander prallen (und einander begehren), sondern auch zwei Generationen und deren Verhältnis zu Kunst und Kino. Eine elektrisierende Psycho-Tragikomödie.

1. Andreas Vitásek: „Sekundenschlaf“ – ein Plädoyer für das Powernapping

Er nannte sein 12. Solo „eine kabarettistische Navigationshilfe zwischen Wirklichkeit und Traum“. Prompt war „Sekundenschlaf“ das beste Programm der Saison: Andreas Vitásek wurde für seinen satirisch-poetischen Mix aus Gedanken, Alltagsbeobachtungen und fantastischen Geschichten mit dem österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Der Unterhalter der „Old School“ propagiert dabei die Entschleunigung: „Die Zeit ist nicht auf unserer Seite, aber man kann sie sich zum Verbündeten machen. Man könnte glauben, die Zeit ist unser Feind: Sie hinterlässt Spuren, sie knabbert an uns, lässt uns hässlich aussehen und läuft uns davon. Es gibt sicher von Konfuzius oder Machiavelli ein Zitat – so ähnlich wie ,Wenn du deinen Feind nicht umbringen kannst, dann mach ihn zu deinem Verbündeten.‘ – Und so muss man es auch mit der Zeit machen.“

2. Gery Seidl pointiert mit „Bitte. Danke“

Eine vergnügliche Tour durch die Unwegsamkeiten des Lebens. Und Fragen über Fragen: Warum findet man gerade die langsamsten Autofahrer immer auf der vierten Spur? Warum regen wir uns über die NSA-Überwachung auf und geben gleichzeitig intimste Geheimnisse auf Facebook bekannt? Wie recht Gery Seidl doch hat: „Hin- und hergerissen zwischen Luxusproblemen und täglich angekündigter Apokalypse rudern wir durch unsere Welt und sagen freundlich: Bitte. Danke.“ Seidl ist mit seinem 5. Solo ein sehr humorvoller Ausflug in die Seelenlandschaft eines jungen Paares und in dessen Umfeld gelungen.

3. Gehirn-Jogging mit „Gunkl“

Wie ist es denn wirklich? Diese Frage steht am Beginn, wenn GüntherGunklPaal, der Philosoph auf der Kabarettbühne, ein neues Programm austüftelt. Im Monolog „So Sachen – Ein Stapel Anmerkungen“ sorgt „der Experte für eh alles“ scharfsinnig wie eh und je für erheiternde Aha-Erlebnisse. Da versucht sich Gunkl als Welterklärer und -verbesserer und wagt sich an die großen Themen Religion, Sex, Tod. Die Menschheit befinde sich noch in der Pubertät und müsse erst ihre Wimmerln los und erwachsen werden, lautet die Diagnose. Und der Tod sei für uns deshalb unbegreiflich, weil wir das Leben schon nicht verstehen.

1. Lutz Seiler

Der beste Roman des Jahres „Kruso“ kommt vom Deutschen Lutz Seiler, einem gelernten Maurer und Zimmermann, der während der Wehrdienstzeit überraschend Lyrik kennenlernte, der dann Germanistik studierte und 2007 Bachmann-Preisträger wurde. Sein Requiem für die DDR-Bürger, die auf der Flucht nach Dänemark ertrunken sind, hat dem 51-Jährigen den Deutschen Buchpreis gebracht.

2. Patrick Modiano

Geboren 1945, während Städte zerstört und ganze Bevölkerungen verschwunden sind, hat den Franzosen sensibel für Themen wie Erinnerung und Vergessen gemacht. So hat er sich selbst analysiert, als er Anfang Dezember in Stockholm den Literatur-Nobelpreis entgegennahm. Patrick Modiano bittet in seinen Büchern, die Beschwörungen sind, um Stille und beugt sich über die Vergangenheit ...

3. Thomas Pynchon

Der Sound des 77-Jährigen öffentlichkeitsscheuen Amerikaners tönt seit Herbst aus seinem bisher achten Roman: Jung, frisch, übermütig, laut, paranoid – wobei Paranoia, so Pynchon, der Knoblauch in der Küche des Lebens ist. „Bleeding Edge“ spielt in New York vor und nach 9/11. In der Hauptrolle: das Internet. Ob Pynchon es wirklich ernst meint, dass „Volare“ der größte Popsong aller Zeiten ist?

1. Robert Seethaler

Dass er im Ausland, seit heuer auch in Frankreich (wo ihmLe Mondeeine Doppelseite widmete), mehr Erfolg hat als in Österreich, wundert den 48-jährigen Wiener Robert Seethaler ein wenig. Das war bei „Der Trafikant“ so, als er Sigmund Freud mit einem Buben über die Liebe reden ließ. Das ist aktuell bei „Ein ganzes Leben“ so. Der Roman zeigt, mehr oder weniger, unser recht armseliges Leben. Seethaler lebt in Berlin.

2. Gerhard Roth

72 ist der Grazer heuer geworden, und nach wie vor sucht er die Sprache und findet sie sogar in Krähenspuren im Schnee und Wasserflecken in Katakomben. Heuer erlaubte Gerhard Roth einen langen Blick in seinen Kopf bzw. in seine Wunderwelt: „Grundriss eines Rätsels“ ist zum Versinken schön (und ein Krimi obendrein). Hier hat ein Schriftsteller alles gegeben und ist zum Dichter geworden.

3. Heinrich Steinfest

Im März kommt schon sein nächstes Buch, „Das grüne Rollo“. Dabei muss erst „Der Allesforscher“ genossen werden: die Geschichte vom explodierenden Wal und dem glücklichen Bademeister, die heuer im Finale um den Deutschen Buchpreis war. Heinrich Steinfest, 53, ist Wiener und lebt, malt und schreibt seit eineinhalb Jahren in Stuttgart. Zu lang (und zu Unrecht) war er als Krimi-Autor schubladisiert worden.