Franz Ferdinand in Sarajevo\r honorarfrei laut Georg Markus

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Sarajewo
05/11/2014

Zehn Minuten Todeskampf

Die minuziöse Schilderung des Attentats durch den wichtigsten Zeitzeugen ist aufgetaucht.

Niemand war der Katastrophe so nahe wie Franz Graf Harrach, der während der Todesfahrt durch Sarajewo am Trittbrett des Autos stand, während das neben ihm sitzende Thronfolgerpaar erschossen wurde. Jetzt, 100 Jahre später, taucht Harrachs Korrespondenz auf, die er nach dem Attentat mit seiner Familie führte und in der er den Mordanschlag in allen Details schildert. Die historisch einzigartigen Schriftstücke gelangen im Wiener Dorotheum zur Versteigerung.

Erstes Lebenszeichen

"Bin ganz wohl. Franz." Das waren die erlösenden Worte, auf die seine Angehörigen sehnsuchtsvoll gewartet haben. Das erste Telegramm nach dem Attentat traf noch am Abend des 28. Juni 1914 in Karlsbad ein, wo seine Frau gerade zur Kur weilte.

Nikolaus Dreihann-Holenia ist Franz Harrachs Enkel. "Mein Großvater war mit dem Thronfolger eng befreundet und hat ihm daher sein privates Auto für die Fahrt durch Sarajewo zur Verfügung gestellt." Harrach selbst stand neben Franz Ferdinand im Wagen, einem Gräf & Stift mit dem amtlichen Kennzeichen A 111 118. "Da sich die Meldung vom Attentat wie ein Lauffeuer in der Monarchie verbreitete, war meine Großmutter voller Sorge um ihren Mann, der ihr daher sofort telegrafierte."

Unverletzt überlebt

Graf Harrach versuchte sogar das Leben des Thronfolgers zu schützen, indem er ihn mit seinem eigenen Körper abdeckte. Da er auf dem linken Trittbrett stand, die Kugeln des Mörders Gavrilo Princip jedoch von rechts kamen, schlug sein Heldenmut fehl.

Harrach überlebte das Attentat unverletzt. Doch der Schock, wenige Zentimeter neben dem sterbenden Thronfolgerpaar zu stehen, ohne es retten zu können, saß tief. Kaum in Wien angekommen, schrieb Franz Harrach am 3. Juli 1914 das Erlebte in einem vierseitigen Brief an seine Frau. Es ist ein berührendes Dokument, zumal niemand sonst der Tragödie so nahe war wie der Graf, dessen Erinnerungen in den vielen einander widersprechenden Zeugenaussagen besonderes Gewicht haben:

"Liebster Schatz", beginnt der Brief, "unter dem Drucke des Entsetzlichsten, was Menschenphantasie sich bilden kann, schreibe ich Dir, gedrückt von dem Gedanken, selbst unberührt geblieben zu sein im Kugelregen in des Wortes höchster Bedeutung... Es war ein Geknatter, wo man hinsah, krachte etwas, Kapsel, Bombe und Browning, so waren die Hohen hineingelocht in ein gesperrtes Jagen, aus dem es kein Entrinnen gab, die Würfel waren gefallen... Sie starben in Ausübung ihres Berufes, ihrer Pflicht, und als sich vor den zwei Särgen die Fahnen neigten... da dachte ich im Herzen: Ihr großen Helden seid nicht umsonst als Opfer Eures Vaterlandes geschlachtet worden, Nein!"

Und so schildert Harrach den Tathergang: "Sie (die Frau des Thronfolgers) sagte zu ihm, als sie beide die Schüsse trafen: ,Um Gotteswillen, was ist dir geschehen?’, sank auf ihre Knie, mit dem Gesicht auf seinen Knien, und es war vorbei. Aus seinem Munde spritzte sofort ein dünner Blutstrahl auf meine Backe, er wurde steif mit aufgerissenen Augen und sagte, die Hände auf ihren Schultern: ,Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleib mir für meine Kinder.’ Ich hielt ihn am Kragen hinten und sagte: ,Kaiserliche Hoheit müssen furchtbar leiden?’"

"Oh nein, es ist nichts!"

"Er sagte: ,Oh nein, es ist nichts.’ Dann murmelte er weiter, schwieg, worauf Blutröcheln begann, das mit einem Blutsturz endete. Erst nach zehn Minuten starb er. Ihre Kugel hatte die Carosserie durchbohrt, die Kugel traf ihre Bauchschlagader, bei ihm die Halsschlagader."

Im nächsten Absatz schildert Harrach die Chronologie der Ereignisse: "Beim ersten Attentat (einem Bombenanschlag, kurz vor den tödlichen Schüssen, bei dem das Thronfolgerpaar noch unverletzt blieb) sauste mir die Bombenkapsel um die Ohren, das Auto hatte sechs Kugeln in der Carosserie, der Effekt der Bombe, die von unserem zurückgelegten Dach hinabfiel, dank Loykas (Harrachs Chauffeur) verblüffender Geistesgegenwart, der sofort Vollgas gab, war verheerend. Im 2. Stocke waren die Fensterkreuze eingedrückt."

Für Harrach war "alles wie ein böser Traum... Alsdann wird man sich fragen: Wozu lebe ich noch? Wozu sind die Großen gestorben, wenn auf dem mit ihrem Blut getränkten Acker Zwietracht und Hass gesät wird. Es umarmt Dich", endet der Brief, "Dein vernichteter Gatte".

Rückgabe abgelehnt

Franz Harrach sollte den Weltkrieg, den die beiden, auf seinen Wagen gezielten Schüsse auslösten, in seiner vollen Tragweite miterleben. Er starb 1937. Sein Auto, in dem das Thronfolgerpaar starb, wurde ihm nach dem Attentat erstaunlicherweise nicht rückerstattet, es befindet sich heute im Heeresgeschichtlichen Museum Wien (und wird ausgerechnet jetzt, vor dem 100. Gedenktag, restauriert und somit nicht ausgestellt). Die Forderung von Harrachs Enkel, den Wagen an die Familie zu retournieren, wurde vor einigen Jahren vom Gericht abgelehnt.

"Stück Weltgeschichte"

Nikolaus Dreihann-Holenia bringt die Schriftstücke seines Großvaters zur Versteigerung, "weil es sich, wie ich meine, weniger um einen privaten Nachlass, als um ein Stück Weltgeschichte handelt. Da ich nicht weiß, wie sehr sich spätere Generationen meiner Familie dafür interessieren werden, wäre es am besten, wenn die Unikate an ein Museum oder ein zeitgeschichtliches Institut gingen."

Auktion: Zwei unmittelbar nach den Schüssen von Sarajewo gerichtete Telegramme und ein ausführlicher Brief des Grafen Franz Harrach an seine Frau Alice gelangen am Montag, 2. Juni um 14 Uhr im Wiener Dorotheum zur Versteigerung. Ausrufpreis des Konvoluts: 3000 €.

TV-Tipp: Nikolaus Dreihann-Holenia ist am Dienstag, 3. Juni, um 20.15 Uhr Gast in Karl Hohenlohes TV-Sendung "Was schätzen Sie?" in ORF III.

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