Style
28.01.2018

Schluss mit Färben: Ist Grau das neue Blond?

Jahrelang mussten sich Frauen optisch verjüngen. Vieles deutet jetzt darauf hin, dass Grau das neue Blond ist.

Alle paar Wochen saß Karin H. beim Friseur. Stunde. Um Stunde. Um Stunde. Es dauerte, bis der graue Ansatz ihrer Wallemähne mit schwarzer Farbe eingepinselt, eingewirkt und ausgewaschen war. Kurz nach ihrem 50. Geburtstag machte sie Schluss mit der Färberei. Warum so viel Zeit und Geld investieren, um etwas zu verstecken, das jede Frau früher oder später trifft?

Dennoch: "Mutig" war das Wort, mit dem Karin H.s Entscheidung in ihrem Umfeld am häufigsten kommentiert wurde. Schließlich wird kaum ein Zeichen der Zeit so sehr mit nachlassender Lebenskraft assoziiert wie das weiße Haar. Als Barack Obama ein Jahr im Amt war, illustrierten Medien seinen strapaziösen Lebenswandel mit Vorher-/Nachher-Fotos – erst schwarzhaarig, dann ergraut. Wenig verwunderlich also, dass vor allem Frauen jahrelang alles daran setzten, graue Strähnen "wegzutönen". 73 Prozent, ergab eine Umfrage im Auftrag von Kosmetik transparent, färben ihre Haare zumindest gelegentlich, die meisten in der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen. In dieser Zeit, manchmal schon in den Zwanzigern oder Dreißigern, entdecken die meisten Frauen das erste graue Haar: Schuld ist Wasserstoffperoxid, ein Nebenprodukt des Stoffwechsels, das im Alter schlechter abgebaut wird und die Entstehung des Farbpigments Melanin verhindert. Gene und Umweltfaktoren können den natürlichen Alterungsprozess beschleunigen. Während weiße Schläfen bei Männern spätestens seit George Clooney als sexy und gefärbte Haare spätestens seit Donald Trump als affig gelten, fehlten weibliche Vorbilder in der Öffentlichkeit: Das Auftreten der prominenten "Silver Ladys" beschränkte sich auf Aufsichtsräte und Führungsetagen.

Dann überraschte die deutsche TV-Moderatorin Birgit Schrowange im vergangenen Oktober mit grauem Kurzhaarschnitt. Ein Jahr lang hatte die 59-Jährige eine Perücke getragen, um ihre Naturhaarfarbe unbemerkt herauswachsen zu lassen. Sie fühle sich "befreit", richtete sie in der Bunte aus; nicht ohne zu betonen, dass ihre Chefs anfangs gegen die Veränderung waren. "Man versucht immer, den Frauen einzureden, graue Haare machen alt. Bei Männern machen sie interessant. Das stimmt einfach nicht. Ich muss mit 60 nicht mehr aussehen wie mit 30."

Es braucht Rollenvorbilder wie Schrowange, die zeigen, dass Frauen mit grauen Haaren sowohl attraktiv als auch erfolgreich sein können, findet die Stil- und Imageberaterin Bettina Kohlweiss. Sie beobachtet den Trend zur Natürlichkeit mit Wohlwollen. "Zu seinen grauen Haaren zu stehen, zeugt von Individualität. Es signalisiert, dass man nicht mehr blutjung ist – was in unserer Gesellschaft Selbstbewusstsein voraussetzt." Die Formel "graues Haar = sich gehen lassen" gelte nicht mehr, sagt die Beraterin. Wer seine natürliche Haarfarbe trägt, strahle etwas aus, das sowohl im Job als auch im Privatleben positiv wahrgenommen wird: "Ein bewusster Umgang mit der eigenen Gesundheit, ökologische Verantwortung, Eigenständigkeit, Selbstbestimmung, menschliche Reife und ein großer Erfahrungsschatz."

Einen "allgemeinen Trend zu natürlichen Haarfarben" beobachtet auch der Wiener Friseur Christian Sturmayr. "Das klassische Färben geht zurück." Der Stylingexperte empfiehlt, naturgraues Haar mit feinen Akzenten durch Techniken wie Painting aufzupeppen, damit der Look nicht fahl wirkt. Oma-Locken machen unnötig älter, besser ist ein kurzer Schnitt wie bei Schrowange oder Jamie Lee Curtis sowie frisches Make-up. Bleibt noch ein Problem: Wie überbrückt man die Zeit bis zum vollständigen Ergrauen am besten? "Perücken sind heutzutage so hochwertig, dass sie selbst für das geschulte Friseurauge oft nicht erkennbar sind. Anstatt komplett zu färben, kann man auch auf Paintings umsteigen, also nur einzelne Strähnen färben lassen. Die Paintings können immer weniger werden, bis nur noch die eigene Farbe sichtbar ist."

So hat auch Karin H. die "Übergangszeit" gelöst. Seit einem Jahr geht sie nun schon silbergrau durchs Leben. "Mutig" hat sie sich dabei nie gefühlt. Sondern einfach nur: befreit.