Im peruanischen Gefängnis arbeiten die Insassinnen mit Alpakawolle – und bekommen ein für das Land überdurchschnittlich hohes Gehalt

© Carcel

Style
04/02/2019

Warum diese Modekollektion im Gefängnis produziert wird

Auf das Etikett "Made in Europe" verzichtet Carcel-Gründerin Veronica D'Souza ganz bewusst. Ihre Mode wird von Insassinnen gefertigt.

Den aktuellsten Modetrends zu folgen, wird für immer mehr Kunden zweitrangig. Gut aussehen soll ein neues Kleidungsstück, jedoch zunehmend auch fair und nachhaltig produziert sein. Ein Blick auf das Etikett soll sicherstellen, dass das Stück nicht in Asien, Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa produziert wurde. Ist ein Produkt als "Made in Italy", oder aus einem anderen EU-Mitgliedsstaat stammend, deklariert, wird guten Gewissens zugegriffen. Dass die in Billiglohnländern lebenden Menschen ebenso ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, wird dabei häufig vergessen.

Veronica D’Souza, Gründerin des dänischen Labels Carcel, produziert ihre Kollektionen ganz bewusst nicht in ihrem Heimatland. Ihre Pullover aus hochwertiger Wolle und luxuriöser Seide werden von Frauen genäht, die in Gefängnissen in Peru und Thailand sitzen. Nicht, um Kosten einzusparen, sondern um den Insassinnen die Möglichkeit zu geben, für ihre Kinder zu sorgen und für die Zeit nach der Haft eine finanzielle Grundlage zu schaffen.

Familie ernähren

Auf die Idee kam die 35-Jährige als sie 2014 in Nairobi ein Frauengefängnis besuchte. "Mir fiel sofort auf, dass jede von ihnen irgendeine Form von Handwerk ausübte, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber niemand brachte es ihnen bei oder zeigte, wie man die Produkte verkaufen könnte", erinnert sich D’Souza. Eine weitere Erkenntnis: Alle saßen dort aufgrund nicht gewalttätiger Verbrechen. Ihre Armut hatte sie zu Diebstahl und Drogenverkauf verleitet, um die Familie ernähren zu können. "Sie kamen aus ärmlichen Verhältnissen und hatten eine geringe Bildung", sagt die ehemalige Wirtschaftsstudentin.

Damals habe sie angefangen, zu überlegen, wie die Zeit, die diese Frauen absitzen müssen, für etwas Gutes genützt werden könnte – und kam auf die Idee, ein eigenes Modelabel zu gründen. D’Souza: "Mir war es wichtig, dass es Produkte sind, die aufgrund ihrer hohen Qualität gekauft werden. Sie müssen für sich selbst sprechen." Sie startete eine Suche nach den weltweit hochwertigsten und nachhaltigsten Stoffen in Kombination mit den höchsten nicht gewalttätigen Kriminalitätsraten bei Frauen. Einer dieser Orte war Peru.

Der Präsident des dortigen Gefängnissystems willigte ein, mit Veronica D’Souza und ihrer Kreativdirektorin Louise Van Hauen zusammenzuarbeiten. Im Frauengefängnis in Cusco lassen die beiden seit 2016 Strickmode aus Wolle der in den Anden heimischen Alpakas herstellen. Seit 2018 arbeiten auch die Frauen einer Haftanstalt im thailändischen Chiang Mai an den Kollektionen. Dort wird die heimische, hochqualitative Seide verarbeitet.

Gehalt hinter Gittern

Die von Carcel angestellten Insassinen werden von Mitarbeitern des Modelabels über mehrere Monate hinweg eingeschult, um in Ruhe jeden einzelnen Produktionsschritt zu lernen. "Manche von ihnen sind mittlerweile selbst zu Ausbildern geworden", zeigt sich D’Souza stolz. "Ihr Selbstbewusstsein aufzubauen, ist uns sehr wichtig." Jede der insgesamt 25 Mitarbeiterinnen bekommt einen für das jeweilige Land überdurchschnittlich hohen Lohn. "Wir arbeiten nur mit Gefängnissen zusammen, wo ein faires und freiwilliges Angestelltenverhältnis garantiert ist", sagt die Dänin.

Die Gehälter orientieren sich an den Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Bei der Auszahlung ist Flexibilität gefragt: Da es im Gefängnis in Cusco keine Bankkonten gibt, werden die Frauen vom Carcel-Team bar ausgezahlt. Sie behalten einen Teil für persönliche Einkäufe, wie beispielsweise Hygieneprodukte. Den restlichen Betrag bringt einer der Produktmanager zur Bank und überweist ihn an die jeweilige Familie.

Für ihre Taten verurteilt Veronica D’Souza die Insassinnen nie: "Die Gesellschaft hat bereits über sie gerichtet." Wenn sie das Gefängnis verlassen, sollen sie genug Geld angespart haben, um sich eine eigene Nähmaschine kaufen zu können. Viele von ihnen kommen nicht aus Cusco oder Chiang Mai, sie wollen zurück zu ihren Familien, die oft in entlegenen Dörfern leben. Ihre in der Gefangenschaft erlernten Fähigkeiten sollen sie dort weiter einsetzen können, um aus der Armutsspirale auszubrechen.

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