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Style Beauty
05/15/2019

Herr Doktor, können Sie meine Beine verlängern?

Knochen brechen, um größer zu werden – der Trend aus Asien könnte bald zu uns kommen.

von Julia Pfligl

Die Teilnehmerinnen des Klum’schen Modelbootcamps sind bekanntlich immer für ein Skandälchen gut. In der aktuellen 14. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ schockte die verdächtig langbeinige Kandidatin Theresia mit einem Geständnis in der Boulevardpresse: Vor zwei Jahren ließ sich die 26-Jährige ihre Beine um 8 Zentimeter operativ verlängern, heute misst sie 1,77 Meter.

Im Modelbusiness sind lange Beine ein Muss (Top-Mannequin Nadja Auermann hielt mit ihren 112-Zentimeter-Beinen lange den Rekord), aber auch abseits des Catwalks gelten sie als Schönheitsideal: Vor sechs Jahren ergab eine polnische Studie, dass Frauen, deren Beine um fünf Prozent länger sind als der Durchschnitt von 78 Zentimeter, attraktiver wirken. Großgewachsene Männer wiederum haben mehr Erfolg im Beruf, bewiesen Forscher aus den USA.

Nagelprobe

Studien wie diese und eine retuschierte Bilderflut auf Instagram führen dazu, dass sich Kleinere häufig minderwertig und unattraktiv fühlen. Im permanenten Optimierungswahn ist es daher wenig überraschend, dass mehr und mehr Menschen so wie GNTM-Kandidatin Theresia eine chirurgische, medizinisch nicht notwendige Beinverlängerung in Betracht ziehen. Auch Gerald Wozasek, Unfallchirurg in Wien und Spezialist auf dem Gebiet der Knochenverlängerung, verzeichnet „erste zaghafte Anfragen“. Bis dato werden rein ästhetische Verlängerungen in Österreich nicht angeboten, die meisten Patienten lassen sich in Deutschland „strecken“. In den vergangenen Jahren hat sich auf dem Gebiet der Knochenstreckung nach Unfällen oder bei Fehlstellungen viel getan: Während früher ein schmerzhaftes externes Metallgestell für die Verlängerung notwendig war, wird heute ein Teleskopnagel eingesetzt (siehe unten). Der Knochen wächst pro Tag um einen Millimeter.

Für Unfallchirurgen ein Routineeingriff, für Patienten äußerst kostenintensiv: 20.000 Euro muss man pro Bein und acht Zentimeter mehr hinlegen, es sei denn, es liegt eine medizinische Indikation wie Kleinwuchs vor. Wozasek: „Es gibt gewisse Normgrößen, auch in Österreich. Bei Frauen unter 1,50 Meter und Männern unter 1,60 Meter ist eine Verlängerung gerechtfertigt.“

Graubereich

50.000 Österreicher legen sich pro Jahr für ihre Schönheit unters Messer, Tendenz steigend. Wird die Beinstreckung bald so üblich sein wie Brustvergrößerung und Nasenkorrektur? „Der Markt ist da und wird sich bewegen“, glaubt Wozasek. Im asiatischen Raum, vor allem in China, sind kosmetische Beinverlängerungen schon lange gebräuchlich. „Wir leben einfach in einer Gesellschaft, in der es gewisse optische Ideale gibt.“

Ästhetische Medizin bewegt sich in einem Graubereich, den es individuell auszuloten gilt, erläutert Wozasek. Hat der Patient ein medizinisches, optisches oder doch psychisches Problem? „Wenn einer zu mir kommt und sich von 1,80 Meter auf 1,90 Meter verlängern lassen will, mache ich das nicht. Es müssen danach ja auch die Proportionen noch passen.“ Würde er die Beine der 1,57 Meter kleinen Redakteurin strecken, wenn sie ihn darum bitten würde? „Nein. Bei Frauen lässt sich das Problem ja auch anders lösen: Nehmen Sie das Geld, fahren Sie nach Paris und kaufen Sie sich ein paar schöne High Heels von Louboutin.“

Definition

Die Knochenverlängerung (Kallusdistraktion) ist die künstliche Verlängerung von langen Röhrenknochen, die am öftesten nach traumatischen Verkürzungen, also Unfällen, und Fehlstellungen gemacht wird. Dabei wird eine chirurgisch gesetzte Fraktur (Osteomie) extern oder mit Verlängerungsmarknägeln fixiert. Der Bruch wird mit Knochenmaterial wieder aufgefüllt, die postoperativen Schmerzen sind laut Spezialist Wozasek „tolerabel“.