Auch Nastassja Kinski erhebt Vorwürfe

FRANCE CANNES FILM FESTIVAL 2012
Foto: APA/SEBASTIEN NOGIER Nastassja Kinski

Ihr Vater habe die Familie immer terrorisiert, so Nastassja Kinski.

Nach dem Enthüllungsbuch ihrer Halbschwester Pola über den jahrelangen sexuellen Missbrauch durch ihren Vater Klaus Kinski erhebt nun auch Nastassja Kinski schwere Vorwürfe. Zwar habe ihr Vater sie nicht vergewaltigt, doch seien seine Umarmungen mehr gewesen als liebevolle Gesten eines Vaters, sagte die 51-jährige der Bild am Sonntag.

"Er hat es versucht. Er hat mich immer viel zu sehr angefasst, mich ganz eng an sich gedrückt, so dass ich dachte, ich könnte nicht herauskommen. Damals war ich vier oder fünf Jahre alt."

Sie beschreibt Kinski zudem als unerträglichen Tyrannen: "Er war so unberechenbar, hat die Familie immer terrorisiert." Man habe nie gewusst, wann ein Wutausbruch käme. "Ich kann mich kaum erinnern, dass wir jemals zusammen an einem Tisch gesessen haben."

Würde ihr Vater noch leben, würde Nastassja Kinski nach eigenen Angaben "alles dafür tun, dass er auf Lebzeiten hinter Gitter kommt." Als er starb, hätten manche Leute ihr gesagt, dass es ihnen leid tun würde. "Mir tat es nicht leid." Sie habe sich stets eher als Einzelkind gesehen, nicht als Halbschwester von Pola, sagte die Schauspielerin weiter. Aber "vielleicht bringt uns diese Geschichte auf eine gute Art und Weise alle wieder zusammen."

Erschüttert über Missbrauch

Die Schauspielerin Nastassja Kinski hat sich bestürzt über den jahrelangen sexuellen Missbrauch ihrer Schwester Pola durch ihren Vater Klaus Kinski gezeigt. "Ich bin zutiefst erschüttert", schrieb Nastassja Kinski in der "Bild"-Zeitung (Freitagsausgabe). "Aber: Ich bin stolz auf ihre Kraft, ein solches Buch zu schreiben. Ich kenne den Inhalt. Ich habe ihre Worte gelesen. Und ich habe lange geweint."

Buch von Pola Kinski

Klaus Kinski und Tochter Pola Foto: dpa/Wolfgang Langenstrassen Pola Kinski Die 60-jährige Pola Kinski, die älteste Tochter des 1991 gestorbenen Schauspielers, hatte dem Magazin "Stern" gesagt, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht habe. Über diese Erfahrungen schrieb sie auch in ihrem bald erscheindenden Buch "Kindermund". Der Filmstar habe sich "über alles hinweggesetzt", auch wenn sie sich gewehrt habe, sagte Pola Kinski dem "Stern".

"Er hat sich einfach genommen, was er wollte."

Sie habe ihre ganze Kindheit mit einem permanenten Gefühl von Angst vor den Ausbrüchen ihres Vaters gelebt. Sie habe das Buch auch geschrieben, um sich gegen die Kinski-Vergötterung zu wenden.

Nastassja Kinski schrieb, die Angaben ihrer Schwester seien "ein schwieriger Moment für mich". "Ich stehe zu meiner Schwester, stehe hinter ihr." Dies sei "ein ernstes Thema". "Kinder und Teenager müssen beschützt werden. Sie müssen wissen: Es kann sofort Hilfe da sein, wenn etwas so Grauenvolles passiert." Ein Buch wie das ihrer Schwester helfe "allen Kindern, Jugendlichen und Müttern, die Angst vor dem Vater haben. Sie sollen wissen: Es kann Hilfe geben."

Ihre Schwester sei "eine Heldin", schrieb die 51-Jährige weiter. "Denn sie hat ihr Herz, ihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit. Diese Dinge passieren Kindern auf der ganzen Welt, jeden Tag. Und je mehr man darüber erfährt, desto mehr kann ihnen geholfen werden." "Auch Väter tun grauenvolle Dinge", schrieb die Schauspielerin. Der für seine Wutausbrüche bekannte Klaus Kinski war 1991 im Alter von 65 Jahren gestorben. Neben den beiden Töchtern hinterließ er auch einen Sohn, Nikolai Kinski.

Vorwürfe auch gegen ihre Mutter

Pola stammt aus der ersten Ehe Klaus Kinskis mit Gislint Kühlbeck, Nastassja aus der zweiten Ehe des Schauspielers mit Ruth Brigitte Tocki. Aus seiner dritten Ehe hat Kinski Sohn Nikolai. Im Magazin "Focus" erhebt Pola Vorwürfe auch gegen ihre Mutter. "Alle um mich herum haben erlebt, wie ich gelitten habe. Sie haben es nicht wahrhaben wollen. Ich wurde immer übergangen, in meiner Seele, in meiner Person."

Zwischen Genie und Wahnsinn - ein Portrait

War er schön oder hässlich? Pathologisch? Göttlich? Ein grotesker Scharlatan? Ein Exzentriker war er jedenfalls immer. In Filmen gab Klaus Kinski den Verbrecher oder Geistesgestörten, in Interviews verhielt er sich unberechenbar. Und beim Dreh war er gefürchtet als Wüterich.

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Bild: 1965 im Western "Für ein paar Dollar mehr" (bei Paramount auf DVD erschienen) "Und du, leck mich doch am Arsch. Der Moment ist gekommen, wo ich Dir in die Fresse haue", polterte Kinski am Filmset von "Fitzcarraldo". "Ich bin nicht euer Superstar. Du dumme Sau", rief er von einer Berliner Bühne. 

Bild: In der Berliner Deutschlandhalle am 21. November 1971 im Rahmen seiner skandalumwitterten Jesus-Show Als Kinski am 23. November 1991 starb, hinterließ der 65-Jährige ein Werk voller Spektakel und Rätsel.

Bild: Eine Schlagzeile, wie sie nur "Bild" hinbekommt. "Mit seinem Tod haben wir eine große Kraft der Natur und des Kinos verloren", schrieb der Filmemacher Werner Herzog nach Kinskis Tod. 

Bild: Szene vom Filmset von "Aguirre - Der Zorn Gottes" (1972) Fünf große Filme rangen sich Kinski und Herzog gegenseitig ab: "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972), in "Nosferatu" (1978) sah Kinski wie die echte Inkarnation Draculas aus.

Bild: Kinski und Isabelle Adjani "Woyzeck" (1979) mit Eva Mattes, die die Zusammenarbeit mit Kinski in guter Erinnerung hatte. Ein Meisterwerk des Deutschen Filmes ist mit Sicherheit "Fitzcarraldo" aus dem Jahr 1981. Und nicht zu vergessen: "Cobra Verde" aus dem Jahr 1987. Bekannt geworden war der Mann mit dem irren Blick wie aus der Stummfilmzeit und der metallischen Stimme als wilder Bösewicht in Edgar-Wallace-Verfilmungen. 

Bild: "Edgar Wallace - Die toten Augen von London" mit Joachim Fuchsberger (1961) Der Western wurde zu einem von Kinskis Leibgenres. In "Winnetou II" (1964) spielte er David 'Luke' Lucas. Auch in der Hochphase des Spaghetti-Westerns war Kinski mit von der Partie. In Sergio Leones "Für ein paar Dollar mehr" (mit Clint Eastwood) spielte er den Buckligen Juan Wild. In dem zweiten Film der "Dollars"-Trilogie von 1965 hatte Kinksi einen berühmten Kurzdialog: 

Lee van Cleef (als Kopfgeldjäger): "Die Welt ist klein ..."
Kinski (als Buckliger): "... und böse ist sie auch." Bis zu seinem Tod wirkte er in mehr als 130 Filmen mit. Darunter waren dann auch Machwerke wie "Die Früchte der Leidenschaft", "Kommando Leopard", "Diamant des Grauens" (2,1 von 10 Punkten auf IMDB.com) und sein vorletzter Film "Nosferatu in Venedig" (1986). Kinski selbst fand die meisten seiner Filme "zum Kotzen". In Interviews betonte er immer wieder, den Beruf nur des Geldes wegen auszuüben. Auch Herzog hielt Kinski nicht für einen Schauspieler. Er habe den Beruf gehasst. Klassikern des Autorenkinos wie "Fitzcarraldo" konnte aber nur er die nötige Exzentrik verleihen. Denn wer sonst könnte einen Operndirektor spielen, der ein Schiff über einen Berg ziehen lässt? Erste Bühnenerfahrung sammelte Kinski, der am 18. Oktober 1926 als Klaus Günther Karl Nakszynski im heute polnischen Zoppot geboren wurde, nach dem Krieg in einem britischen Gefangenenlager. Mit Versen von François Villon und Arthur Rimbaud zog er in den 50er Jahren als Ein-Mann-Wanderbühne durchs Land - und wurde bald zum Star. Vor allem junges Publikum kam, um seine Rezitationen zu sehen: brüllend, weinend und sich verbal überschlagend stand er auf der Bühne.

Bild: "Edgar Wallace - Die toten Augen von London" (1961) Bis heute werde die Jugend von dem Darsteller mit der expressiven Mimik angesprochen, sagt Kinskis Nachlassverwalter Peter Geyer. "Kinski hat diese rebellische Qualität, die nach ihm niemand mehr in der Unterhaltungsindustrie geliefert hat." 

Geyer hat Kinskis drei Kilo schweres "Vermächtnis" (Edel Books, 51,40 Euro) herausgebracht. ... Manches wird beantwortet, aber es bleibt genügend offen, um das Geheimnis dieses Künstlers und Selbstvermarktungsgenies zu wahren. Nicht nur seine Stimme und der "Fitzcarraldo"-Film sollen weiterhin interessant bleiben. Der monumentale Band beeindruckt durch private Fotos (Bild: mit Sohn Nikolai 1976), durch Zeichnungen und autobiografische Texte. Kinski repräsentiere Freiheit in jeder Form, sagt Nachlassverwalter Geyer. Millionenfach wurden Youtube-Videos von seinen öffentlichen Auftritten im Internet angeschaut. Gefeiert wurde vor drei Jahren auch der Kinski-Dokumentarfilm "Jesus Christus Erlöser". Zu sehen ist Kinski am 20. November 1971 auf einer Bühne in der Deutschlandhalle in Berlin, mit einer eigenen Interpretation des Neuen Testaments. Vier Ehen Kinskis scheiterten. In seiner Selbstbetrachtungsschrift "Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund" schürt er sein Image eines Erotomanen. Sein Motto: "Sex ist überall". 

Bild: Romy Schneider und Klaus Kinski in dem Film "Nachtblende" (Filmszene aus dem Jahr 1974) - Symbolfoto. Kinski und Schneider waren lediglich ein Filmpaar Wie vergangenes Jahr bekannt wurde, hat Kinski auch vor seiner Tochter nicht halt gemacht. Die 60-jährige Pola Kinski, die älteste Tochter des Schauspielers, hat ihr Schweigen gebrochen: Ihr Vater habe sie vom 5. bis zum 19. Lebensjahr sexuell missbraucht. Polas Schwester Nastassja, die zweite Tochter von Klaus Kinski, zeigt sich über diesen Vorfall "zutiefst erschüttert". Ihre Schwester sei "eine Heldin", so die 51-Jährige weiter. "Denn sie hat ihr Herz, ihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit. Diese Dinge passieren Kindern auf der ganzen Welt, jeden Tag. Und je mehr man darüber erfährt, desto mehr kann ihnen geholfen werden." Nikolai, der Bruder von Pola und Nastassja, hat sich hingegen noch nicht zu Wort gemeldet. Sein letztes Werk war 1988 "Kinski Paganini", der einzige Film unter seiner Regie. 30 Jahre lang hat er an dem Film über den Teufelsgeiger gearbeitet, hatte jahrelang Schundfilme gedreht, um Geld für das unerhörte Projekt aufzutreiben, das Werner Herzog für unverfilmbar hielt.

Bild: Szene aus "Paganini" mit Sohn Nikolai Am 23. November 1991 starb Kinski an einem Herzinfarkt in seinem Haus in Kalifornien. In seinem Gedicht "Abschied" schrieb er: "Ich richte mich auf - ganz steil - wie es Bäume tun, wenn sie wissen, dass es Zeit zum Sterben ist - ich muss weg von hier!!"
Was nun von Kinski in Erinerung bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack.

Bild: Klaus Kinski als Kunstwerk, Art Cologne, 2009

(APA / cka) Erstellt am
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