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09.03.2018

Julian Rachlin:"Musik ist meine Religion"

Leona König veranstaltet einen Wettbewerb für junge Talente und Stargeiger Julian Rachlin hilft dabei.

Was sich nach einer Musikshow aus der ehemaligen DDR anhört, ist in Wahrheit so viel mehr – Leona König hat mit viel Herzblut nicht nur den gemeinnützigen Verein "IMF – International Music Foundation" gegründet, sondern auch den klassischen Musikwettbewerb "Goldene Note" (findet am Sonntag, dem 11. März im Wiener Musikverein statt) für junge Talente im Alter von fünf bis vierzehn Jahren ins Leben gerufen. Eine seit den 1960er-Jahren im DDR-Fernsehen ausgestrahlte Samstagabendshow hieß wirklich so, Königs Tochter Jana hat den Namen aber quasi wieder neu erfunden. Und im Ehrenkomitee ist heuer auch Stargeiger Julian Rachlin vertreten.

Der KURIER hat die beiden zum Interview im Nobel-Hotel Sacher getroffen

Frau König, Sie haben sich von Ihrer Tochter, die ja auch sehr musikalisch ist, zur Gründung des gemeinützigen Vereins IMF inspirieren lassen. Warum glauben Sie, ist Musik für Kinder in der Entwicklung so wichtig?

Leona König: Das ist auch vor allem für die Seele sehr wichtig, dass ein Kind mit Musik aufwächst, der Intellekt wird einfach größer. Das ist das Schönste, was man einem Kind geben kann, finde ich. Also, ich bin jetzt keine Musikerin, aber ich liebe klassische Musik und die Oper und meine Tochter liebt auch die Oper. Sie spielt Piano. Man kann mit Musik auch die Emotionen sehr gut ausdrücken.

Herr Rachlin, warum haben Sie sich jetzt entschlossen, diesen gemeinnützigen Verein zu unterstützen?

Julian Rachlin: : Ich habe selber meinen eigenen Verein, der junge Talente unterstützt. Wir vergeben jetzt immer wieder Stipendien und das müssen nicht nur Geiger sein. Das kann egal wer sein. Nur mit Musik sollte es zu tun haben, also Fußballer werden wir jetzt nicht unterstützen. (lacht) Aber wir sind sehr aktiv und ich glaube, das ist das Mindeste, was man machen kann, einen Teil beizutragen, zurückzugeben. Wenn man das Glück hat auf der sonnigen Seite zu sein. Ich darf auf der ganzen Welt Konzerte spielen. Dieses Jahr feiere ich mein 30-jähriges Bühnenjubiläum und fühle mich noch immer jung und frisch – keine Abnützungserscheinungen, ganz im Gegenteil. Leona König hat mich kontaktiert und mir das Projekt beschrieben und dann ist das eine Sache der Selbstverständlichkeit, dass man das unterstützt.

Woran erkennt man denn eigentlich wirklich, dass ein Kind begabt ist?

Julian Rachlin: Naja, man erkennt es sofort. Der Ausdruck! Wenn das Kind eine besondere Gabe hat, etwas auszudrücken – entweder mit der Stimme oder einem Instrument. Wenn es etwas Besonderes sagt, musikalisch erzählt. Wenn man nicht weiß, woher das Kind das kann, woher das kommt – diese Gabe etwas so musikalisch auszudrücken, dass einen Erwachsenen fasziniert oder auch andere Kinder fasziniert. Etwas, dass die Emotion und die Seele berührt – wo man einfach staunt. Das ist das Unerklärliche, dass man nicht lernen kann. Das sind maximal 5 Prozent! 5 Prozent, die die Talentierten vom Rest unterscheiden. Aber 95 Prozent ist härteste Arbeit, das ganze Leben lang.

Wie fördert man richtig, ohne die Kinder zu überfordern?

Leona König: Ich probiere mit meiner Foundation einfach für die Kinder die richtige Umgebung zu schaffen, dass sie sich treffen, sich anhören, die Arbeit von den anderen hören, dass sie zusammenkommen. Dafür mache ich diese Workshops jedes Jahr – Masterclasses, damit die Kinder einfach eingebunden werden. Also jetzt nicht nur musikalisch, sondern auch sportlich, beweglich, stimmlich, einfach alles. Das ist schon wichtig. Und Disziplin ist natürlich auch wichtig, aber die Kinder sollen hauptsächlich einfach zusammen musizieren und vor allem musizieren wollen. Und Wettbewerbe machen, aber gesunde Wettbewerbe.

Julian Rachlin: Leona plant ja nächstes Jahr Kammermusik. Also es ist nicht nur solo. Es soll eine Herausforderung sein. Wer sich in der Kunst und in der Musik zurücklehnt und glaubt, das alles nur Spaß ist, der irrt – das ist härteste Arbeit, stundenlang, jeden Tag und im Endeffekt musst du eine ziemlich starke Persönlichkeit haben, weil vorne bist du dann alleine vor dem großen Publikum und da musst du doch auch in dem Moment überzeugt von deiner Stärke sein. Obwohl man natürlich auch sehr demütig sein muss. Man darf nie arrogant sein oder glauben, dass man der Beste ist. Darum geht es nicht. Aber es ist eine Gratwanderung zwischen immer wieder versuchen sich zu entwickeln, neugierig zu sein und nie glauben: Ich kann das alles, ich bin so toll. Das ist der Anfang vom Ende, wenn man das glaubt. Aber eine Kombination von Demut, versuchen an sich zu arbeiten ein besserer Musiker zu werden, zu lernen und verschiedenste Eindrücke zu sammeln.

Leona König: Einige Kinder sind irrsinnig begabt, aber es ist schade, weil sie glauben, ,Ich bin fantastisch, ich bin ein Genie, ich kann es besser und ich höre nur die Hälfte, was der Professor sagt' und das ist schon einmal schlecht, weil da die Entwicklung gebremst wird.

Spielen da eigentlich die sogenannten „Eislaufmütter“ oder "Eislaufväter" auch eine Rolle?

Leona König: Das ist auch immer ein Thema. Es muss schon eine gewisse Disziplin herrschen. Wie soll ein Kind auch wissen, dass es etwas machen sollte? Bei meiner Tochter ist das zum Beispiel so, dass sie sagt: Ich liebe auf Wettbewerben und Konzerten zu spielen, aber ich mag nicht üben. Das ist jetzt ein bisschen diese Teenager-Phase. Jedes Elternteil muss wissen, wie es persönlich mit dem Kind umgeht. Man darf es nicht zu viel pushen, zuviel Druck ausüben, dass es daran zugrunde geht. Motivation spielt eine große Rolle. Ich schließe dich jetzt zuhause ein und du musst zwei Stunden üben, ist nicht gut. Man muss wirklich einen Mittelweg finden. Es ist nicht gut, wenn man ein Kind zu viel gegen seinen Willen machen lässt, das ist meine Erfahrung.

Bei dem Wettbewerb "Goldene Note" werden jungen Talente im Alter von fünf bis vierzehn Jahren ihr Können präsentieren. Ist das das Alter, wo man sich als Musiker herauskristallisiert? Sind das die wichtigen Jahre?

Julian Rachlin: Auf jeden Fall! Mit 14 kann man nicht beginnen, das ist schon zu spät. Man kann kein Skirennläufer werden, wenn man mit 14 beginnt. Also, für ein Hobby ist das wunderbar, aber auch Violine mit 14 zu beginnen, hobbymäßig, das wird nicht sehr schön klingen. Man muss schon mit sechs, sieben Jahren beginnen. Ich habe mit zwei Jahren angefangen. Ich habe noch nicht sprechen können, aber ich habe schon Geige gespielt. Aber das war eher aus Spaß. Ich muss sagen, ernsthaft habe ich ziemlich spät begonnen: sechs Jahre und neun Monate war ich alt.

War das auch der Zeitpunkt, wo Sie gesagt haben: Das ist das, womit ich mein Leben verbringen möchte?

Julian Rachlin: Das Instrument war mir egal. Die Violine ist nicht mein Lieblingsinstrument. Aber für mich ist das Instrument nie im Vordergrund gestanden und bis heute ist das nicht die Priorität. Das heißt nicht, dass ich das nicht ernst nehme. Um sich musikalisch auszudrücken, musst du dein Instrument einfach perfekt beherrschen. Egal, welches Instrument es ist. Ob es die Stimme ist oder ein anderes. Du strebst nach Vollendung. Aber für mich war mit zweieinhalb ungefähr klar, dass Musik meine Religion, meine Leidenschaft, mein Hobby ist. Das deckt alle Bereiche ab.

Gab es je einen Plan B?

Julian Rachlin: Ich wollte Fußballer werden, aber ich war zu langsam. Ich hatte eine gute Technik, aber ich war immer zu langsam. (lacht)

Wie kann man Kinder und Jugendliche eigentlich in der heutigen Zeit zu klassischer Musik motivieren?

Julian Rachlin: Klassische Musik ist ja genauso spannend wie ein Jazz- oder Pop-Konzert. Es ist eben nur anders und es gibt das wunderbare Konzerthaus in Wien oder den Musikverein. Fast jedes Orchester hat wunderbare Initiativen. Da kommen mit den Bussen die Kinder und das ist toll. So wie man einen Schulausflug macht, einen Skikurs oder wenn man schwimmen geht mit der Schule, dann geht man auch in den Konzertsaal zu einer Probe. Manchmal spiele ich und da sind 4-jährige, 5-jährige. Und man glaubt, dass die irrsinnig laut sein werden. Zum Beispiel in Tel Aviv: Da kommen 3000 Kinder, aber wirklich so 5-,6-jährige und am Anfang, wenn die reinkommen, ist das ein Lärm. Und dann, in dem Moment, wo das Orchester auftritt, sind sie mucksmäuschenstill. Natürlich spielt man da nicht zweieinhalb Stunden für sie. Man macht so ein 30-Minuten-Programm, aber das funktioniert besser, als in einem Erwachsenen-Konzert. Man darf Kinder nie unterschätzen. Und natürlich ist es eine Illusion zu glauben, dass wir in der klassischen Musik vor 20.000, 30.000 Leuten spielen. Das wollen wir gar nicht. Kammermusik gehört nicht in ein Stadion. Natürlich versuchen wir alle Leute zu faszinieren. Und besonders die Kinder: Die sind die Zukunft, die nächste Generation. Für wen wollen wir spielen? Wenn man in den Saal blickt, ist dort eher älteres Publikum. Und wir lieben es. Aber man wünscht sich besonders in der klassischen Musik auch ein jüngeres Publikum zu erreichen.

Spielen da eventuell auch die Neuen Medien (Social Media) eine Rolle?

Leona König: Es ist klar, dass das irrsinnig wichtig ist. Ich kann ehrlich sagen, ich probiere es nur.

Julian Rachlin: Social Media ist wichtig, weil die ganze Jugend nur im Internet ist. Es findet eigentlich nur mehr alles im Internet statt. Ich bin da ziemlich aktiv.

Leona König: Bei mir ist es schon ein bisschen beschränkt, weil die kleinen Kinder jetzt noch nicht so viel in sozialen Netzwerken unterwegs sind.

Herr Rachlin, was sagen Sie eigentlich zu Kollegen wie David Garrett?

Julian Rachlin: Wir leben in einer freien Gesellschaft und David Garrett ist ein lieber Freund. Ich kenne David seit er acht Jahre alt ist. Wir telefonieren jetzt nicht täglich miteinander, aber wir kennen uns. Ich respektiere was er macht. Es ist unglaublich das aufzubauen. Alles, was er macht und geschafft hat, das darf man nie unterschätzen. Man kann sagen, er ist auf einer populären Schiene. Aber er geht jetzt auch wieder vermehrt in die seriöse Schiene. Er versucht beides abzudecken und ich wünsche ihm alles Gute auf diesem Weg.

Ich bin diesen Weg nie gegangen. Ich hab auch sehr viele Interessen und ich erfinde mich immer wieder neu, aber sicher nicht in dem Bereich wie David. Das mache ich nicht, weil ich in der konservativen Schiene unterwegs bin. Ich sage immer, man muss seine Grenzen immer wieder definieren. Wissen, was man kann und was man nicht kann. Innerhalb dieser Grenzen kann man aber unglaublich viel machen. Und diese Grenzen verschieben sich aber auch. Ich hätte nie gedacht, dass ich 30 Wochen im Jahr große Orchester dirigieren werde. Wenn mir das jemand vor 15 Jahren gesagt hätte, hätte ich gelacht. Und heute stehe ich vor 20 verschiedenen großen Symphonieorchestern. Und von den 54 Wochen im Jahr dirigiere ich 30 Wochen. Ich habe mich neu erfunden, aber ich mache nicht Crossover, das ist nicht meine Sache. Aber es ist toll und viele Leute lieben Crossover, weil es leichter für die Masse, für das breite Publikum zu hören ist. Es ist leichter ,Pirates of the Carribean' auf der Geige zu hören. Nur das darf man nie im Leben vergleichen mit einem Opus 130 Streichquartett. Das ist etwas ganz anderes. Dem muss man das ganze Leben widmen. Das ist wie eine Religion. Wenn man sich Gott verschreibt, dann dient man.

Ich diene der klassischen Musik, den großen Meistern wie Mozart, Schubert, Brahms, Tschaikovsky usw., die es geschafft haben, diese Musik seit 300 Jahren leben zu lassen. Seit 300 Jahre ist diese Musik aktuell. Und wir sind die kleinen Ameisen, die Musiker, die Orchester, die Dirigenten, die Solisten. Wir alle sind die kleinen Ameisen, die dienen. Wir müssen schauen, dass diese großen Komponisten weiterleben. Und dem müssen wir unser ganzes Leben widmen. Und das ist ein anderes Arbeitsgebiet als ,Pirates of the Carribean', was sicher auch viel Arbeit ist, aber es ist ganz anders. Es ist eine andere Baustelle. Aber ich sage das mit allem Respekt. Was sich David aufgebaut hat, ist großartig und ich finde das toll und ich verneige mich, weil das musst du auch einmal schaffen vor tausenden Leuten zu spielen. Man darf nie die Arroganz haben als Musiker eine andere Musikrichtung oder ein anderes Musikgenre kleinzumachen. Das habe ich nie getan. Einer meiner engsten und besten Freunde meines Lebens, das war Udo Jürgens, den man sehr gerne als Schlagersänger bezeichnet hat, der aber für mich persönlich, ja auch Schlager gemacht hat, aber auch die bewegendsten, unglaublichsten Lieder geschrieben hat, die großen Tiefgang gehabt haben. Darum ist das immer so eine Geschichte, Schubladen entstehen zu lassen. Und David Garrett ist ein fantastischer Geiger.

Gibt es bei Ihnen noch so den einen großen Traum?

Julian Rachlin: Ich habe noch 100 Millionen große Träume. Das ist ja so, wie wenn Sie Marcel Hirscher fragen: Du hast ja eh schon alles gewonnen. Was willst du sonst noch? Aber es geht ja nicht ums Gewinnen und in der Musik schon gar nicht. Wir haben keine Rankings, wo wir Punkte verteidigen müssen. Wobei, in gewisser Weise ja schon, weil du immer wieder auf die Bühne gehen musst. Du beginnst jedes Konzert bei Null. Und es ist für das Publikum völlig egal, was du gestern gemacht hast und es soll auch so sein. Ich gehe heute ins Konzert, ich zahle viel Geld und ich möchte unterhalten werden, auch wenn es Unterhaltung mit Beethoven ist. Es gibt so viel Humor in der klassischen Musik. Es gibt so viel Leichtigkeit und es gibt einen Tiefgang. Aber es ist nicht alles ernst und schwer und fad. Ich glaube, das ist die Message. Viele Leute glauben, iiihhh, klassische Musik. Aber es verändert sich mit der Zeit. Es hängt auch an uns sehr viel, wie wir damit umgehen.

Zum Abschluss, Frau König, was würden Sie sich von der österreichischen Politik im Bereich Musik und Jugendföderung wünschen?

Leona König: Es ist mein großer Wunsch und auch eine Herausforderung für mich und die Foundation, dass man das gut kombinieren kann. Dass einfach Politiker davon wissen und unterstützen wo sie nur können und sich vielleicht auch für ihre Veranstaltungen die jungen Musiker einladen und sie dadurch noch bekannter machen.

Alle Infos zum Verein unter: im-foundation.com