Stars 05.12.2011

Frühstück mit Wolf Wondratschek

Der Dichter spricht - in München über Wien, seinen nicht lesenden Sohn, maßlos teure Gedichte, ordinäre Qualitäten von Worten und die Lächerlichkeit der Männer.

München statt Wien. Schumann's Bar am Hofgarten statt Café Aida am Opernring. Cappuccino statt kleiner Brauner. Es ist Sommer und die einzige Jahreszeit, die der 67-Jährige seit 1996 hier verbringt. "Seit ich in Wien lebe, habe ich mir einen Wunsch erfüllt: ein nomadisches Leben zu führen. Immer mit leichtem Gepäck. Immer fähig, die Wohnung zu wechseln." Wozu? "Um sich das Mindestmaß der Illusion, keine bürgerliche Existenz zu haben, zu erhalten." Die Kellner im Schumann's kennen ihn. Er nennt sie beim Vornamen. Aber kennt man ihn, der gerne mit Nachnamen angesprochen wird?

Den gebürtigen Thüringer, der in den 70er- und 80er-Jahren in München lebte und die Stadt prägte wie Patrick Süskind, als er noch kein Bestsellerautor war und Schumann noch hinter Harry's New York Bar stand?

Den Schriftsteller, dessen erstes Buch "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" 1969 in den Literaturbetrieb einschlug wie eine Bombe? Den Dichter, dessen Bände "Chuck's Zimmer", "Die Einsamkeit der Männer" oder "Carmen oder bin ich das Arschloch der Achtziger Jahre" gefeiert wurden ehe er 1992 für den Roman "Einer von der Straße" von der Kritik geprügelt, wie ein solcher behandelt wurde?

Verschrien als "Rock-Poet" und "Literatur-Macho in Cowboy-Boots", da er sich einer anderen Welt verschrieb - der der trunksüchtigen Männer, liebeshungrigen Frauen, Boxer, Prostituierten - prägten Kritik und Feuilleton lange Zeit ein Bild von Wolf Wondratschek. Es wird ihm vom ersten Augenblick an nicht gerecht.

Die Beine übereinandergeschlagen, taucht er nur für den Fotografen das Croissant nochmals in den Cappuccino, ehe es in die Tasse fällt, er den Blickkontakt wieder aufnimmt, um die Sonntagsfragen zu beantworten. "Das sind bürgerliche Fragen, die auf mein Leben nicht zutreffen." Welche noch? "Finden wir es raus", sagt er weniger kokett denn gespannt, gewinnt man den Eindruck.

Den Eindruck, dass sein jüngstes Buch "Das Geschenk" Parallelen zu seinem Leben aufweist, bestätigt er insofern: "Alle Kunst ist biografisch. Schönberg hat seinen Herzinfarkt vertont, Schostakowitsch seine Herzrhythmusstörungen, Bach den Grabstein seiner Frau," erklärt Wondratschek, der Cello spielt. Der Vater-Sohn Konflikt sei jedoch nur ein und nicht das Thema. "Die Leute wollen ein Buch ja nicht verstehen. Sie wollen es knacken. Wie viel Wondratschek ist da drin? War Wondratschek kokainsüchtig? Ist das sein Sohn? Das, was sich nicht ausdrücken lässt, was ein Geheimnis hat, in der Schwebe bleibt, ist das Kostbarste an der Literatur." Und an ihm, der nun auf dem Sessel leicht zu wippen beginnt.

Lautleser im Keller

Ich bin immer noch Underground
© Bild: KURIER/Schweinöster

Dass Chucks Sohn keine Bücher liest wie sein Sohn Raoul (20), der vom Vater "die klare, offensichtlich gesunde Seele geerbt hat", verrät er, und dass ihm bereits als Junge Familie nichts bedeutet hat. "Ich habe an ihr vorbeigelebt, den Tag herbeigesehnt, das Abitur zu haben, von zu Hause wegzugehen." Zur Frage, warum er zu seinen drei Brüdern "weder ein schlechtes, noch missratenes, sondern gar kein Verhältnis hat" oder Philosophie und Literatur studierte, "um zu keinem Ende zu kommen", kommt es nicht.

Wondratschek beginnt zu erzählen und damit in seinen Bann zu ziehen. Als Jugendlicher zog er sich in den Keller zurück, um laut Gedichte zu lesen. "Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, damit das Pack darauf rumlatscht!" zitiert er mit ausgebreiteten Armen Gottfried Benn und erinnert an seinen Wunsch als Abiturient "Vorleser bei einer blinden russischen Großfürstin zu sein". Heute hören ihm Leser zu.

Geschaffen in seiner Wohnung, "in der kein Privatleben stattfindet. Der Ort gehört der Stille, der Konzentration." Geschrieben früher auf einer mechanischen Schreibmaschine, für die es keine Ersatzteile gibt. Heute auf einem Laptop oder einer Reiseschreibmaschine, die schwer ist. "Sie macht ein anderes Geräusch." Welches das ist, ahmt er spielerisch am Holztisch nach. "Es ist schön, wenn Buchstaben klingen." Vor dem weißen Blatt Papier hat er keine Angst. Das Wort Schreibblockade ist ihm fremd. Einzig: "Es ist immer wieder so, als hätte man nie etwas geschrieben. Kaum finde ich das richtige Wort nicht, hole ich mir eine Tschick" und tut Selbiges jetzt nicht ohne Nachsatz: "Ich bin nicht wirklich ein Erzähler. Ich bin jemand, der Abschweifungen liebt. Ich nehme jede Möglichkeit, die ich finde." Seine nun ausgesprochenen Abschweifungen erzählen ausgesprochen viel über ihn.

Über seinen Umgang mit Sprache, wenn er als Lyriker angesprochen wird. "Ich bin ein Poet oder ein Dichter. Lyrik ist wie Penis. Ein Fachausdruck, weil es keine sinnliche Qualität hat. Schwanz hat zumindest eine ordinäre Qualität."

Über seine Wahrnehmungen, wenn, wie während des Gesprächs, zwei Rollstuhlfahrer ihn grüßen. "Dieses Bild wird mich den ganzen Tag begleiten, mich demütig machen. Ich habe Glück gehabt!"

Über sein Verhältnis zu Geld, das er wie Lebenszeit in Bücher investiert und deshalb gerne für Privatleute schreibt. Egal, ob für einen Geigenbauer in Wien, ein Museum in Winterthur oder über den BMW Z8. "Ich bin maßlos teuer. 10.000 Euro für ein Gedicht. Da habe ich überhaupt keine Hemmungen. Poesie ist, wie man sagt, unbezahlbar."

Wenn der Poet über Geld spricht, das ihm nichts bedeutet, es sei denn für die Ausbildung seines Sohnes, kommt die Sprache wieder auf das Wort. "Geld hat etwas Schmutziges. Es hat eine Qualität. Ich will das unangenehme Wort ,geil' nicht verwenden, das nie in einem Buch von mir stehen würde."

Zauberblume im Milieu

Nicht länger unangenehm ist dem Dichter das Macho-Image, das ihm gerne angedichtet wird. "Ich selbst habe mich genug in Milieus herumgetrieben, in denen es Männer gab, die diesen Namen verdienen. Wenn ich denen erzähle, dass ich in meiner Branche als Macho gelte... Für die war ich eine Zauberblume", sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen, einem sichtbaren Beweis gleich, wie lächerlich er derlei Etikettierungen findet. Ähnlich denkt er über Schlagzeilen von früher als das Restaurant "Romagna Antica" und Wondratscheks Gedichte Regisseur Helmut Dietl zum Film "Rossini" inspirierten.

"Da hieß es plötzlich: ,Wondratschek treibt sich in Schickeria-Kreisen rum.' Wem soll ich erklären, dass das meine Mensa war? Man ist hingegangen, weil es der Italiener ums Eck war, bevor die Schönheitschirurgen kamen. Muss ich aus meiner Mensa, damit man mich nicht mit dem falschen Milieu in Verbindung bringen?" Muss er nicht.

Deshalb sitzt er jetzt in der Bar seines "Buddys Charles", mit dem er die Leidenschaft für das Boxen teilt - jedoch nur, bis mittags die ersten Prominenten kommen. "Ich will lieber anonym bleiben, kein Promi werden. Ich empfinde mich immer noch dem Underground zugehörig. Ich bin immer noch Underground." Und nicht Teil des Literaturbetriebs.

Macho im Literaturbetrieb

Das mag daran liegen, dass Wondratschek seit 1968 keinen Preis mehr bekommen hat, sich nie anerkannt fühlte. Mittlerweile empfindet er es als" eine Art Auszeichnung. Ich werde bald 68. Jetzt können sie mir nur mehr den Büchner-Preis geben. Der Förderpreis der Stadt Bremen kann es nicht mehr sein, oder?" Eine Facette seines Humors gefolgt von zwei zitierten Zeilen aus ,Chuck's Zimmer' - In Rom habe ich Dir unter den Rock gegriffen. In dieser Nacht wurden 2000 Katzen geboren. - und einer Frage: "Was hat das mit Machismo zu tun?"

Ein anderer Vorwurf lautete stets, dass er Frauen hasse. "Das muss man sich mal vorstellen! Jemand der ,Carmen' geschrieben hat. Das Klagelied einer Frau über die Lächerlichkeit der Männer. Ich habe übrigens meine besten Sachen aus Sicht der Frau geschrieben."

Zu lesen und zu hören in "Lied von der Liebe". Gemeinsam gelesen mit Christian Brückner, der deutschen Synchronstimme von Robert De Niro, den er ob seines Könnens und seiner Bescheidenheit bewundert. Bewundert wie all jene, die eine Hingabe zur Kunst haben. "Unerreicht die Callas. Und Oskar Werner. Das macht stumm!"

"Ich bin darauf angewiesen, dass ich etwas bewundern kann. Ich schließe auch Freundschaften aus Bewunderung." Wie zum Komponisten Hans Werner Henze, Regisseur Werner Schroeter, Ivan Liška, der 2012 sein "Das Mädchen und der Messerwerfer" auf die Bühne des Bayerischen Staatsballett bringen wird oder zum verstorbenen Filmproduzenten Eichinger. "Bernd war ein Freund, weil wir die gleiche Frau liebten." Was er an der Frau, der er die "Kelly-Briefe" schrieb und von der er drei Jahreszeiten getrennt lebt, liebt? "Sie muss ganz bei sich sein. Jemand, der mich nicht braucht, ist jemand, der mich interessiert." Wondratschek zitiert Wondratschek: "Für eine große Liebe braucht es zwei Einzelgänger und ein Gebet. Sei meines, wenn die Liebenden schlafen und in den Häusern die Stille steht."
Wondratschek macht stumm.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011