Unterwegs mit Anne Bennent und ihrem Sohn

© Inge Prader

Unterwegs mit
07/21/2013

Anne Bennent: „Eigentlich wollte ich als Kind Bäuerin werden“

Bei einem Ausflug in den Böhmischen Prater erzählt die Künstlerin, warum Theaterspielen Urlaub, ihr Haus in Gars am Kamp die Erfüllung ihres Traums ist und ihr Sohn nicht in die Schule geht.

von Maria Gurmann

Fitnessprogramm? Nein, danke. Sie fährt in Gars am Kamp mit dem Radl zum Greißler, geht in den kalten Kamp baden und in den Wald.

Seit viereinhalb Jahren wohnt Anne Bennent mit ihrem Mann, dem begnadeten Akkordeonspieler Otto Lechner, und den beiden Kindern Anton (14) und Felix (8) in Gars am Kamp. Von dort kommen die Schauspielerin und ihr Sohn Felix heute auch nach Wien. Natürlich mit dem Zug. „Der Bahnhof gegenüber von unserem Haus war ein Grund, warum wir es gekauft haben.“

Felix freut sich auf den Tagesausflug in den Böhmischen Prater. Sein spitzbübisches Sommersprossengesicht wird, neben dem denkmalgeschützten ältesten Ringelspiel Europas, zum Lieblingsmotiv der bekannten Modefotografin Inge Prader, die uns begleitet.

Gelassen ist die Bennent. Ihr Handy liegt in der Garderobe in Stockerau, wo sie bei den Festspielen in „Der Besuch der alten Dame“ spielt. „Egal, in drei Tagen bin ich wieder in Stockerau. Es klappt auch ohne Handy.“ Sie schlendert an den Standlern vorbei, hebt ein Plakat von einem Roma-Konzert auf, küsst den darauf abgebildeten Künstler und sagt: „In meinen Adern fließt wohl auch Roma-Blut.“

Künstlerfamilie

Die 49-jährige gebürtige Schweizerin stammt aus einer Künstlerfamilie. Als Tochter des deutschen Schauspielers Heinz Bennent und der Schweizer Tänzerin Paulette Renou war Anne mit neun Jahren das erste Mal in einem Fernsehfilm zu sehen. Ihr Bruder David Bennent (47) wurde als 13-Jähriger („Die Blechtrommel“) berühmt. Welchem Elternteil ist sie ähnlicher? „Schwer zu sagen, die waren sehr verschmolzen. Aber ich lebe vielleicht eher das aus, was meine Mutter war – ein Freigeist“, sagt sie, während sie im Wirtshaus das Grillhendl zerlegt und ein Himbeer-Kracherl – „ich liebe dieses Rot“ – bestellt.

Unkonventionell und doch so unkompliziert wirken sie und ihre Patchworkfamilie. Das macht sie so sympathisch. Ihre Mimik wechselt von ernst bis traurig schlagartig zu einem hellen Lachen. Felix, Otto Lechners Sohn, hat zu Hause Unterricht. „In der Schule wird hauptsächlich für Noten gepaukt. Da hört es sich mit dem natürlichen Vorgang des Lernens, das jedem Menschen inne ist, auf.“

„Wenn man es anders machen will, muss man sich in manchem sehr einig sein.“ Darum geht Anton , dessen Vater der russischen Schauspieler und Regisseur Jewgenij Sitochin ist, in die Schule. Nachdem Anton die Volksschule der Wiener Sängerknaben besuchte, war er in einer Musik-Mittelschule in Langenlois und ab Herbst wird er bei seinem Vater in Wien leben und ein Musikgymnasium besuchen.

„Ich selbst bin nicht besonders konsequent in die Schule gegangen, habe nicht einmal die mittlere Reife. Eigentlich bin ich ein Wildwuchs, was Allgemeinbildung betrifft“, sagt die ehemalige Burgschauspielerin. Aufgewachsen ist sie in Lausanne und die meiste Zeit auf der griechischen Insel Mykonos. „Wir hatten ein Haus ohne Strom gemietet, von Touristen war damals noch keine Spur.“

„Eigentlich wollte ich Bäuerin werden. Ich hatte zwar schon einige Rollen mit 14, aber die Schauspielschule und die Entscheidung, Theater zu spielen, kam erst mit zwanzig.“ Felix hört interessiert zu und sagt: „Ich bin dem Otto ähnlich. Ich will DJ werden.“ Für Anne Bennent gäbe es einiges, was sie gerne machen möchte. „Es würde viele Leben brauchen. Warum bin ich nicht Malerin, warum lebe ich nicht in einem Olivenhain?“ Sie wünscht sich auch, die Gebärdensprache zu lernen. „Es ist eine fassbar erweiternde Art, sich auszudrücken.“

Einen ihrer Träume hat sie sich schon erfüllt. Die Villa in Gars. „Ich hab mich als Mama in der Stadt eingeengt gefühlt.“ Auf dem Land gehen die Kinder zwar auch nicht mehr in den Wald. „Aber wenigstens wachen sie auf und gehen barfuß in den Garten pissen.“

Otto Lechner ist seit seinem 15. Lebensjahr völlig blind. Wie spielt sich da der Alltag ab? „Bei der Abwasch und im Bad versuche ich, die Sachen an den gleichen Ort zu legen. Er hat da eine andere Ordnung als ich. Bei mir gibt es immer wieder Umordnung, nicht Unordnung. Ich bin ein Wesen, das immer alles umstellt.“ Am wohlsten fühlt sich Otto, wenn es stockfinster ist. „Weil er dann weiß, dass ihn niemand sieht. Da ist er in seinem Element, die anderen nicht.“ Die Finsternis ist auch Anne Bennent nicht fremd. „Ich bin als Kind im Dunkeln barfuß gegangen. Angst hatte ich nie vorm Dunklen.“

Sie habe eine ganz spezielle Art zu schauen. „Ich sehe Dinge, die andere Leute nicht sehen. Andererseits sehe ich auch vieles nicht. Otto tritt nie in ein Hundehäufl, ich schon. Weiß der Kuckuck warum!“ Mit Otto gibt es eben immer „die schöne Unbekannte, wo ich nicht weiß, wie er was wahrnimmt.“ Berührt man einander öfters, ist man körperlicher, wenn man mit einem blinden Mann zusammen lebt? „Das verrate ich nicht,“ sagt sie und schmunzelt.

Überraschung

Als Regisseur Zeno Stanek ihr die Rolle der alten Dame für die Festspiele in Stockerau anbot, war sie überrascht. Zwei Monate überlegte sie. „Ich sag’ ganz selten gleich ja, bin doch eine Waage. Jetzt, beim Spielen, merke ich, es ist einfach ein Geschenk.“

Im August fährt die ganze Familie nach Marokko. Otto Lechner spielt dort mit dem Sänger Kadero Ray auf einem großen Musikfestival. Und sie macht Urlaub? „Ich kenne dieses Wort nicht. Oder Theaterspielen ist für mich auch Urlaub“, sagt sie zum Abschied. Felix wird ungeduldig. Es gibt noch so viele Ringelspiele, mit denen er fahren will, bevor es mit der Bahn wieder nach Hause geht.

Info Festspiele Stockerau: „Der Besuch der alten Dame“, bis 10. August; außerdem: „querfeld1“, das Musikprogramm des Festivals, www.festspiele-stockerau.at

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