„Ich wollte in meinem Leben immer nur Spaß haben“: Im Jahr 2004 flog Kristian Ghedina mit 140 km/h und einer Grätsche über den Zielsprung in Kitzbühel. 

© EPA/EPA/EDDY RISCH

Sport Wintersport
02/16/2021

Kristian Ghedina, der Botschafter der guten Laune

Der 51-jährige Ex-Abfahrer ist das Gesicht der WM in Cortina d’Ampezzo. Ein Treffen mit einem echten Original, wie es sie in der Welt des Sports immer seltener gibt.

von Christoph Geiler

Kristian Ghedina keucht und stöhnt, als wäre er gerade die Abfahrtspiste heruntergerast. Mit Riesenschritten kommt er den Corso Italia dahergelaufen, dabei schreit er in sein Handy, das dieser Tage praktisch rund um die Uhr scheppert und vibriert. „Si, si, dopo, ich komme gleich!“

Kristian Ghedina ist zu spät dran, wieder einmal, er hetzt seinem Zeitplan hinterher. Eigentlich wollte er noch mit seinem Söhnchen eine ruhige Stunde verbringen. Natan, fünf Monate alt, ein aufgewecktes Kerlchen wie der Papa. „Schau her, das ist er“, sagt Ghedina und reißt sein Handy heraus, „im Lockdown war es besser. Da hatte ich viel Zeit für ihn. Im Moment ist’s schwierig. Übrigens: Entschuldigung, dass ich zu spät komme.“

Kosename Broco

Man kann Kristian Ghedina nicht einmal böse sein, dass er einen eine gute halbe Stunde hat warten lassen. Im Freien, bei minus 12 Grad. Ghedina hat gerade dermaßen viel um die Ohren, dass er sich klonen lassen müsste, um auf allen Hochzeiten tanzen zu können, auf denen er in Cortina gerade sein sollte.

Der ehemalige Abfahrtsstar ist der berühmteste Sohn der 5.800-Einwohner-Gemeinde und das Gesicht dieser WM in Cortina, das eigentlich Ghedina d’Ampezzo heißen müsste. Praktisch der halbe Ort heißt wie er, natürlich ist auch der Bürgermeister ein echter Ghedina. Damit in den Gesprächen jeder weiß, von welchem Ghedina gerade die Rede ist, haben sie sich untereinander Kosenamen gegeben. „Meiner ist Broco. Sogar Alberto Tomba nennt mich heute so“, verrät Kristian „Broco“ Ghedina.

Spaßvogel

Ein Gespräch mit ihm ist äußerst unterhaltsam, auch wenn man Kristian Ghedina nicht immer folgen kann. Der ehemalige Abfahrer fährt inzwischen gerne Slalom und wechselt zwischen Italienisch und Deutsch hin und her. Seine Freundin ist Südtirolerin, er selbst ist in jungen Jahren in Lienz in die Schule gegangen. Dorthin schickten die Cortineser früher die frecheren Kinder, um sie zu disziplinieren. Zumindest erzählt man sich das hier im Ort.

Bei Kristian Ghedina haben die Auslandssemester relativ wenig genützt: Der 51-Jährige ist ein Kind geblieben. „Wird schon sein, dass manche vielleicht sagen, ich wäre ein Dummkopf. Aber ich bin halt so. Ich bin immer lustig und wollte in meinem Leben immer nur Spaß haben. “

Sympathiepunkte

Eine coole Einlage oder ein guter Schnappschuss waren ihm immer schon wichtiger als Siege und Medaillen. Genau aus diesem Grund packte er seinerzeit beim Zielsprung in Kitzbühel seine berühmte Grätsche aus. Wäre er normal drübergesprungen, hätte er das Rennen womöglich gewonnen, aber die Sympathien, die er dadurch gewann, waren ihm lieber.

Typenschein

„Alle Sportarten brauchen Athleten, die ein bisschen verrückt sind. Nicht nur Arbeiter, die alle gleich sind“, sagt Kristian Ghedina. „Die Leute interessieren sich doch gleich viel mehr dafür, wenn es echte Typen gibt.“

Eben solche Originale wie ihn. Kristian Ghedina hat es geschafft, von Beruf Kristian Ghedina zu sein. Den musste er nicht erlernen, er musste einfach nur so sein, wie er ist: redselig, immer froh, authentisch, sympathisch – ein Botschafter der guten Laune.

Kameraläufer

„Mein Vater hat immer zu mir gesagt: Wann beginnst du denn endlich einmal zu arbeiten“, erzählt der 51-Jährige. Dabei ist Kristian Ghedina ohnehin ein viel beschäftigter Mann, nicht nur während einer Ski-Weltmeisterschaft. Er hat eine Pizzeria und eine eigene Skischule, er ist Werbetestimonial für eine Skifirma, eine Automarke, ein Modeunternehmen und noch zig andere Unternehmen. „Mir geht’s wirklich gut.“

Bei der WM-Abfahrt am Sonntag war er außerdem als Kameraläufer im Einsatz. Ohne Training raste Ghedina die anspruchsvolle Vertigine-Piste herunter. Vor zehn Tagen sei er das erste Mal seit dem 8. März 2020 wieder auf den Skiern gestanden, berichtet der 51-Jährige, der sein Sportlerleben längst hinter sich gelassen hat. „Ich mach’ gar nichts mehr: keine Gymnastik, kein Fahrradfahren, kein Laufen, ich habe einfach keine Lust mehr zum Trainieren“, gesteht Ghedina.

Vollgas-Athlet

Auch für die Kamerafahrt mit Tempo 100 hatte er sich nicht extra vorbereitet und auf das übliche Aufwärmprogramm und die detaillierte Streckenbesichtigung verzichtet. „Jeder Athlet schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, so wie ich das mache. Meine Freundin und meine Schwester waren sehr besorgt, weil sie mich ja kennen. Ich geb’ immer Vollgas.“

Mit seiner hemdsärmeligen Art passt Kristian Ghedina eigentlich gar nicht in das mondäne Cortina d’Ampezzo, dessen Fußgängerzone unter akutem Pelzbefall leidet und wo der Geldadel seine Nerzdamen ausführt. Der berühmteste Sohn des Ortes mag das Ete und Petete gar nicht. „Ich treffe mich ja lieber mit den Bauern und tu’ Holzschnitzen“, sagt der Jungpapa.

Der Mensch
Kristian Ghedina (* 20. November 1969) gehört zur ladinischen Volksgruppe, verlor 1984 seine Mutter bei einem Skiunfall und ist seit einem Jahr Vater. 

Der Sportler
Der Speedspezialist hält seit 1997 den Streckenrekord am Lauberhorn (2:24,23 Minuten). 13 Weltcupsiege, WM-Silber (Kombi 1991, Abfahrt 1996) und -Bronze (Abfahrt 1997).

Stressfaktor

Er könne diese WM vor der eigenen Haustüre nicht wirklich genießen, sagt Kristian Ghedina. „Aber ich habe früher auch als Läufer die Großereignisse nicht genossen. Aber jetzt ist der Stress gerade noch größer als damals.“

Aber Kristian Ghedina tut das gerne. Er ist gerne unter Leuten, er erzählt gerne aus seinem Leben. Und das wird er machen, so lange er die Menschen mit seiner Art begeistern kann. „Und wenn meine Popularität einmal vorbei ist, dann kann ich immer noch in meinem Restaurant als Pizzabäcker arbeiten.“

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