Wie wird ein Adler zum Überflieger?

Kein Sport produziert so viele Seriensieger wie das Skispringen. In diesem Winter ist Andreas Kofler der Mister Perfect.

Wenn er`s bloß genau wüsste. Wenn er seine Leichtigkeit des Seins nur in Worte fassen könnte, Andreas Kofler wäre auf einen Schlag ein gemachter Mann. Jeder Athlet sehnt sich nach der Formel für die Unbesiegbarkeit.

Doch der Tiroler ist selbst verblüfft von diesem Auftakt nach Übermaß mit drei Siegen in Folge, er ist selbst fasziniert von seinem eindrucksvollen Höhenflug nach einer unkonventionellen Vorbereitung mit zwei Monaten Sprungpause. "Wahnsinn", stammelt er, "einfach genial."

Nachdenk-Pause

Andreas Kofler sitzt im Restaurant Blåmann im Herzen der Altstadt von Lillehammer. Eben hat er seinen dritten Sieg im dritten Bewerb gefeiert, Zeit für das Après-Skispringen. Es gibt Shrimps und frischen Lachs, das Kaminfeuer knistert, aus dem Lautsprecher kommt "Stille Nacht" auf Norwegisch. Der ideale Rahmen für einen stillen Genießer wie ihn. "Vielleicht", sinniert Kofler, "vielleicht kommt alles, weil ich beim Skispringen derzeit wenig nachdenke."

Es ist ein Phänomen der Schanzen, das sich alle Jahre wiederholt. Kaum ein Sport produziert so viele Seriensieger wie das Skispringen. Von Nykänen bis Ammann, von Malysz bis Morgenstern – jeder Winter hat seinen Serienhelden, einen Höhenflieger, der die Gegner zu Bodenpersonal degradiert.

Jetzt ist also Andreas Kofler an der Reihe. In Harrachov macht er (Freitag, 17.00, ORF eins) Jagd auf seinen vierten Streich.

Sind diese Erfolge am springenden Band nur purer Zufall? Nichts weiter als eine Verkettung glücklicher Umstände? Oder steckt doch mehr dahinter?

Perfektion

Schanzen-Doyen Anton Innauer: "Leute, die wie Kofler serienweise siegen, haben im Vorfeld viel richtig gemacht."
© Bild: APA/ANDREAS PESSENLEHNER

Anton Innauer, der Quer- und Vordenker im Springerzirkus, glaubt nicht an Zufallssieger und irgendwelche Glückssträhnen. "Solche Leute wie Kofler, die serienweise gewinnen, haben im Vorfeld in allen Komponenten – nämlich körperlich, technisch, mental – viel richtig gemacht", erklärt Innauer.

Trotzdem kann er das kollektive Rätselraten über die Überform, das allgemeine Staunen über Winnertypen nachvollziehen. "Alle denken sich ja: `Wie macht der das nur?`"

Auch Alexander Pointner sind diese staunenden Augen und fragenden Blicke nicht fremd. Der Cheftrainer der ÖSV-Springer hat schon viele Seriensieger erlebt, die meisten kamen aus seinem Adlerhorst.

Vulkanausbruch

Cheftrainer Alexander Pointner: "Abfahren, weghüpfen, landen – klingt simpel. Aber Skispringen ist viel komplexer."
© Bild: APA/BARBARA GINDL

Thomas Morgenstern startete 2007 mit sechs Siegen in den Winter, im folgenden Jahr gelangen Gregor Schlierenzauer 13 Erfolge in einer Saison. Und dann gab es da auch noch Wolfgang Loitzl, der 222 Weltcupspringen auf seinen ersten Sieg hatte warten müssen, um dann binnen sechs Tagen bei der Tournee gleich drei Mal zu gewinnen. "Der Vulkan ist ausgebrochen", erklärt der damalige Sportpsychologe der Springer, Christian Uhl.

Die Erfolge kommen den Seriensiegern freilich nicht nur so einfach zugeflogen. "Von außen schaut es meist einfach aus", weiß Cheftrainer Pointner. "Abfahren, weghüpfen, landen. Klingt im Grunde simpel, aber Skispringen ist viel komplexer und sensibler."

Vor allem auf dem Niveau, auf dem in der Weltklasse gesprungen wird. Das Schanzen-ABC, das beherrschen sie heute alle, aber den großen Unterschied zwischen einem Ottonormalspringer und einem Überflieger macht vor allem der Kopf aus, ist Pointner überzeugt. Nicht von ungefähr arbeiten die ÖSV-Springer seit Jahren mit Sportpsychologen zusammen und üben sich in der Audiovisuellen Wahrnehmungsförderung, mit der via Musik das autonome Nervensystem stimuliert wird. Pointner: "Es spielt sich bei uns viel auf der mentalen Ebene ab."

Autopilot

Zwangsläufig wird das Skispringen zum großen Abenteuer im Kopf.

Zumal ein Springer in einer ganzen Weltcupsaison (33 Bewerbe) insgesamt gerade einmal fünf Minuten in der Luft ist. "Ein Skispringer hat nicht viele Möglichkeiten, aktiv einzugreifen", präzisiert Pointner, "wir reden beim Absprungvorgang von maximal zwei Zehntelsekunden. Aber die entscheiden über die Weite. Diese Bewegungen sind alle automatisiert."

Umso wichtiger ist daher ein freier Kopf. "Wer zu viel nachdenkt, wird nicht weit springen", pflegt Andreas Kofler zu sagen. Der Tiroler wirkt in diesem Winter, als hätte er im Wettkampf den Autopiloten eingeschaltet. Nichts kann ihn scheinbar erschüttern oder aus der Flugbahn werfen. Bei seinem zweiten Sieg in Lillehammer hatte Kofler katastrophale Windverhältnisse – und gewann trotzdem. Weil er sich erst gar nicht darüber den Kopf zerbrach. "Der erste Erfolg gibt Sicherheit, dann kommt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und dann eine Überzeugung und eine Gelassenheit", erklärt Pointner.

Und der Rest? Ist Eigendynamik, der Lauf der Dinge. Nicht einmal die Adler selbst können ihre Dominanz oft nachvollziehen. "Ich kann`s nicht analysieren", meinte etwa Wolfgang Loitzl bei seinem Tourneesieg 2009. "Ich war irgendwie wie in Trance."

Flow-Effekt

Flow nennen die Springer diesen Zustand. Sportpsychologe Uhl hat einen anderen Ausdruck für dieses souveräne Auftreten. "Wir sagen: Der Sportler ist voll und ganz bei sich. Sein Handeln und Denken stimmen überein."

Doch jeder Flow-Zustand hat ein Verfallsdatum, noch jeder Höhenflieger ist irgendwann wieder auf dem Boden der Realität gelandet. Wie meint doch Thomas Morgenstern, der Dominator des vergangenen Winters: "Du hörst auf einmal von allen Seiten nur mehr: `Irgendwann reißt jede Serie.`" Der Anfang vom Ende. "Das Problem ist: Du wartest dann selbst darauf, dass sie zu Ende geht."

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( Kurier ) Erstellt am 09.12.2011