Sport | Wintersport
02.12.2018

Wie der einst weltbeste Skispringer Form und Glück sucht

Gregor Schlierenzauer hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Sein letzter Sieg ist vier Jahre her. Wie konnte das passieren?

„Wen die Götter prüfen wollen, den überhäufen sie am Anfang mit Geschenken.“

nach Oscar Wilde

Dieses Zitat kommt Anton Innauer in den Sinn, wenn er in wenigen Worten die Karriere von Gregor Schlierenzauer skizzieren soll. Da gab es einmal einen Skispringer, der in jungen Jahren in eigenen Sphären unterwegs war und mit einer verblüffenden Leichtigkeit Maßstäbe gesetzt und nahezu alle Bestmarken geknackt hat.

Dem gegenüber steht der Gregor Schlierenzauer von heute, ein fragiler und bisweilen ratlos wirkender Athlet, bei dem kaum noch etwas daran erinnert, dass er einmal das Skispringen ähnlich dominiert hat wie Landsmann Marcel Hirscher den alpinen Skirennlauf.

Am Donnerstag werden es vier Jahre sein, dass Gregor Schlierenzauer das letzte Mal ein Weltcupspringen gewonnen hat. Als er 2014 in Lillehammer triumphierte, wo er 2006 als 16-Jähriger seinen ersten Erfolg gefeiert hatte, hieß der Bundeskanzler Werner Faymann und im Fernsehen lief noch Wetten, dass..?.

Einst auf Wolke sieben

Vier Jahre ohne Sieg sind eine halbe Ewigkeit für einen, der lange den Hauptwohnsitz auf Wolke sieben hatte. Und es ist ja nicht nur so, dass Gregor Schlierenzauer plötzlich nicht mehr gewinnt. Er wurde regelrecht degradiert von einem Überflieger zu einem Otto-Normal-Springer und hat dabei einen Absturz fabriziert, wie man ihn in dieser Form im Spitzensport selten einmal erlebt hat.

In Nischni Tagil verpasste er am Samstag den Finaldurchgang, mitunter schaffte es der 28-Jährige zuletzt nicht einmal in das Starterfeld der besten 50. „Im Skifahren würde es so ein Phänomen nicht geben. Es würde nicht passieren, dass ein ehemaliger Seriensieger nicht mehr unter die ersten 30 kommt“, sagt Innauer, „aber das Skispringen ist ein Hund. Und dieser Hund kann gemein sein.“

Was Gregor Schlierenzauer erlebt, ist auch der Fluch der frühen Erfolge. Die Prüfung durch die Götter, wie sie Anton Innauer bezeichnet hat. Als der Tiroler 2006 wie ein Senkrechtstarter im Weltcup aufgetaucht war und gleich bei seinem dritten Einsatz gewann, brachte er neben seinem außergewöhnlichen Talent auch die perfekten körperlichen Voraussetzungen für das damalige Material (Ski, Bindung, Anzug) mit. „Er war seiner Zeit voraus und hat sich gespielt“, erinnert sich der damalige Nordische Direktor Anton Innauer.

Aber schon damals war beim Stubaier ein Wesenszug zu erkennen, der ihm gerade jetzt bei seiner Suche nach der Leichtigkeit und Form früherer Tage gerne auf den Kopf fällt: Schlierenzauers Hang zur Perfektion.

Drang nach Perfektion

In seinem Drang, alles richtig zu machen, erlebten seine Trainer oft die seltsamsten Momente. „Sogar nach Siegen sind bei ihm manchmal die Tränen geflossen, weil er mit den Sprüngen persönlich nicht zufrieden war“, erinnert sich der ehemalige ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner. „Er wollte, dass jedes Detail passt, und er wollte immer alles im Griff haben.“

Diese Besessenheit war schon in seiner erfolgreichen Ära ein Handicap. In der Situation, in der sich Schlierenzauer aktuell befindet, ist sie ein richtiger Hemmschuh. „Gregor muss verstehen, dass er im Skispringen nicht alles unter Kontrolle haben kann“, sagt Innauer.

Vor allem aber muss sich der Tiroler auch eingestehen, dass er mit seiner alten Sprungtechnik nicht mehr konkurrenzfähig ist. „Für jemanden, der lange so erfolgreich war, ist es extrem schwierig, sich auf neue Dinge einzulassen“, weiß Innauer, „aber vielleicht muss sich der Gregor ja wirklich komplett neu erfinden.“

Der neue Chefcoach Andreas Felder sieht in Schlierenzauer zwar einen Athleten, der nichts unversucht lässt, der aber zugleich auch wenig Geduld aufbringt. „Es geht ihm meistens nicht schnell genug, deshalb tut er sich auch schwer, an einer Sache dranzubleiben – und er stellt gerne wieder etwas um.“ Augenscheinlich war das bei den Olympischen Spielen in Korea, als Schlierenzauer plötzlich im Training einen Ski mit der alten Band-Bindung sprang, mit der er einst seine großen Erfolge gefeiert hatte.

Rat von Ex-Trainer Pointner

Alexander Pointner glaubt, dass Schlierenzauer vor allem einen anderen Zugang zum Skispringen benötigt. „Ein bisschen von der Lockerheit, die sein Trainer Andreas Felder als Springer hatte, würde dem Gregor sicher nicht schaden.“

Andreas Felder warnt übrigens davor, Gregor Schlierenzauer schon abzuschreiben: „Einen Mann mit seinen Qualitäten muss man immer auf der Rechnung haben. Ein Sieger verlernt nämlich das Siegen nicht.“