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18.11.2018

St. Anton am Karlberg: Schranz wird 80

Wie der Ex-Abfahrts- und Riesentorlaufweltmeister auch Slaloms bis hin zur Politik beherrscht.

Normalerweise würde Karl Schranz Sonntagvormittag Marcel Hirscher bei dessen Saisonstart und am frühen Abend den Fußballern im Spiel gegen Nordirland zusehen. Jedoch: In seinem Viermäderlhaus haben die einzigen Damen, denen der Pistenmacho gehorcht, vermutlich anderes vor als ORF-Schauen. Weil der Skorpion vom Arlberg heute 80 Jahre alt wird.

Zur Info für Leser, die jünger sind als seine drei Töchter: Ihr Vater hätte vermutlich öfters als zwei Mal den Ski-Weltcup gewonnen. Nur wurde der erst gegründet, als Schranz so alt war wie jetzt Hirscher (29). Dazu wurde er – etwas chauvinistisch formuliert – um Olympiaerfolge geprellt. Das machte ihn weit über die Schneegrenzen hinaus bekannt.

1968 durfte Schranz in Chamrousse beim Olympia-Slalom (nachdem er sich von einem Pistenarbeiter irritiert gefühlt hatte) zwar nochmals starten. Und Bestzeit wedeln. Trotzdem wurde Lokalmatador Jean-Claude Killy zum Sieger gekürt.

Der Nebel-Slalom war eine undurchsichtige G’schicht. So wie andere Begebenheiten um Schranz.

Märtyrer

1972 flog er als Favorit zu Olympia nach Sapporo. Dort schloss ihn IOC-Präsident Avery Brundage aus. Wegen Verstoßens gegen den Amateurparagrafen.

Schranz hatte bei einem Jux-Kickerl wie seine Mitspieler ein Leiberl mit der Aufschrift „Aroma Kaffee“ getragen.Nach dem Ausschluss war der Rennlauf nicht mehr sein Kaffee. Er wurde zum Märtyrer. Seine Töchter saßen Jahre später kopfschüttelnd vor dem Video, als sie Bilder vom Staatsempfang für ihren Papa auf dem Wiener Heldenplatz sahen.

ORF-General Gerd Bacher war dem unfreiwilligen Heimkehrer nach Frankfurt entgegengeflogen. So wie der Autor dieser Zeilen als Ghostwriter für Schranzens KURIER-Olympia-Kolumne. In Wahrheit befahl im Flugzeug Skifabrikant Franz Kneissl als Karls Brötchengeber: „So, Bua. Du schreibst nur das, was ich jetzt sag.“ Schranz sagte, erste Reihe links am Fenster neben Bacher sitzend, gar nix. Auch später verschlug’s ihm die Red’, als Zigtausende am Weg vom Flughafen bis zum Ring Spalier standen.

Dass sich Schranz mit dem US-Milliardär Brundage anlegte, dürfte den damals schon skibegeisterten KGB-Nachwuchsmann Wladimir Putin beeindruckt haben. Und so überraschte es Insider – im Gegensatz zu überforderten Leibwächtern – 31 Jahre später in St. Anton wenig, als WM-Gast Putin gemeinsamen Skilauf mit Schranz stundenlangen Politgesprächen vorzog.

Seither wurde Schranz wiederholt nach Moskau eingeladen. Einmal empfing ihn Putin im Adidas-Trainingsanzug auf seiner Datscha zum Teetrinken und Eishockey-Schauen. Ein anderes Mal durfte Schranz den Kreml besuchen, wo ihn Putin fragte, ob er ein Mittel gegen Rückenschmerzen wüsste. „Ich hab’ ihm a paar Übungen gezeigt.“ Was Putin-Mitarbeiter irritierte, zumal sie ihren Boss mit Schranz auf dem Parkett liegend vorfanden.

Schranz’ Kontakt zu Putin hat ihm – wenig überraschend – auch Kritik eingebracht. Er kann damit leben. Der Tiroler Herr Karl hatte schon in aktiven Zeiten die Begabung, sich’s mit Politikern gut zu stellen. Nicht nur Bruno Kreisky – auch Chefs und Minister anderer Parteien gingen im g’mütlich feinen Hotel Karl Schranz ein und aus. Was zuweilen zu Neid im Ort führte. Dass Schranz in den 80-ern ein Auto mit dreistelligem Wiener Promi-Kennzeichen fuhr, legten ihm Einheimische als Verrat aus.

Als Mehrfach-Weltmeister soll er Talente eher gebremst als gefördert haben. Ich hatte – weil zu jung – das Glück, nie den Rennläufer Schranz kritisieren zu müssen. Vielmehr lernte ich ihn als kollegialen Reporter-Konkurrenten schätzen, der mir so manche Story und so manchen Trick verriet. Wie man z.B. Saufgelage im Skizirkus überleben konnte. „Schütt’ den Schnaps heimlich wie i in a Blumenkistl.“

Nüchtern betrachtet war Schranz seiner Zeit voraus.

Rebell

Als Erster bestand er auf einen eigenen Firmenservicemann. Als Erster startete er mit einem hautengen Rennanzug. Als Erster kämpfte er gegen das Skischul-Monopolgesetz vor Gericht an. Nachdem man ihn wegen seiner diktatorischen Führung (Skilehrer mussten zum Haar-Appell) als Skischulleiter abgesetzt hatte.

Unbekannte beschmierten sein Hotel mit Schmähschriften. Aus dem gegen alle Attacken so immun gewesener Dorffeind ist längst ein (bedingt durch Bluthochdruck) etwas zurückhaltender Ehrenbürger geworden, dem man nicht vergisst, dass St. Anton nicht zuletzt dank ihm die WM 2001 und damit die teure Verlegung der Bahntrasse außerhalb des Ortes bekam. Zuvor war das Zentrum 93 Mal täglich durch den Bahnschranken zweigeteilt gewesen.

Am 7. Dezember wird der 80-er von Schranz offiziell nachgefeiert. Vom ehemaligen Schweizer Bundespräsident Adolf Ogi bis zur obersten Nationalrätin Doris Bures – auch überregionale Politprominenz hat sich für den Festakt in St. Anton am „Karlberg“ angesagt.wolfgang.winheim