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10.02.2017

Bernhard Russi: "Sieger sind heute fast verpönt"

Bernhard Russi: "Es wird traditionell viel verklärt." © Bild: REUTERS/WOLFGANG RATTAY

Der Schweizer Ski-Held über den Skisport im Wandel der Zeit, die perfekte Abfahrtspiste und das Dilemma von Olympia.

Bernhard Russi genießt in der Schweiz ein hohes Ansehen. Als TV-Experte, als Pistendesigner, und als Abfahrtsstar der 1970er Jahre, dem Allüren immer fremd waren. „Zu meiner Zeit war Erfolg noch positiv behaftet.“

KURIER: Ist er das denn heute nicht mehr?
Bernhard Russi:
Nicht mehr unbedingt. Für mich hat es manchmal fast schon den Anschein, dass Erfolg etwas verpönt ist. Sieger sind in der Öffentlichkeit verpönt. Dabei ist der Mensch im Grunde ein Leistungstier. Warum klettern zum Beispiel kleine Kinder immer auf Bäume? Da oben gibt’s nichts zu essen. Das ist ein Antrieb.

ARCHIV - Der österreichische Ski-Abfahrtsläufer Franz Klammer (l, Gold) und der Schweizer Bernhard Russi (Silber), aufgenommen a… © Bild: APA/dpa/dpa Oly
War denn der Antrieb zu Ihrer aktiven Zeit ein anderer?
Es wird traditionell viel verklärt. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Generation Klammer unbedingt wilder war als es die verrücktesten Hunde von heute sind. Ich behaupte, dass man in 50 Jahren darüber lachen wird, was die Skifahrer heute machen. Ich halte sowieso wenig von diesen Vergleichen: Es spielt keine Rolle, ob vor den Baumstämmen Strohballen liegen oder ob es A-Netze sind wie heute. Die Angst da hineinzufliegen ist die gleiche. Ich würde aber sagen, dass bei den Läufern früher die Eigenverantwortung eine Nuance größer war.

Woran machen Sie das fest?
Das kommt mir grundsätzlich so vor. Man sagt dir welches Mineralwasser du trinken sollst, wie du was machen sollst, anstatt dass du das selbst herausfindest. Ich kreide auch an, dass man im Skisport die Eigenverantwortung immer mehr zurücknimmt.

Nennen Sie ein Beispiel?
Sagen wir einmal es gibt wie hier in St.Moritz einen Sprung und es passiert dort ein Sturz. Eigentlich sollten das die Läufer selbst verarbeiten, sie sollten eine Lösung finden, wie sie die Passage am Besten bewältigen. Aber was passiert? Der Sprung wird abgetragen. Das ist eine schlechte Entwicklung, die am Ende nichts bringt.

Da kommt jetzt der Pistendesigner in Ihnen durch, oder?
Wir reden von genau den Passagen, die ich bei neuen Gebieten suche: Eine außergewöhnliche Topographie und spezielle Herausforderungen. Ich bin der Meinung, dass es für den Abfahrtssport ein Vorteil wäre, wenn wir noch mehr solche Passagen einbauen und provozieren würden. Diese lang gezogenen Kurven, die mit 100 km/h gefahren werden, die bringen dem Zuschauer nichts.

Wie würde denn Ihre perfekte Abfahrt aussehen?
Ich hätte am liebsten eine Abfahrt, die mit der Mausefalle und dem Steilhang von der Streif beginnt, von Wengen würde ich den Hundschopf, das Kernen-S, und den Hanneggschuss nehmen, dann natürlich von Gröden die Kamelbuckel, und das Ziel von der Birds of Prey in Vail.

APA11390666-2 - 10022013 - SCHLADMING - ÖSTERREICH: ZU APA-TEXT SI - ALPINE SKI-WM IN SCHLADMING: (v.l.) Franz Klammer und Bernh… © Bild: APA/HELMUT FOHRINGER
Sie sind auch wieder für den Pistenbau für die Winterspiele in Peking verantwortlich. Wie entdecken Sie eine Strecke?
Die FIS sucht einige Berge aus, die das Potenzial haben, und dann laufe ich mehrere Tage auf dem Berg herum. Überfliegen hilft dir nichts, da musst du mitten in die Bäume rein. Da spürst du schnell, was machbar ist. Irgendwann habe ich dann Variante rot, Variante grün und Variante blau, und am Ende kommt dann meistens eine gemischte Linie heraus.

Und nicht selten regen sich die Umweltschützer auf.
Ich bin ein Naturmensch, aber in dieser Hinsicht auch ein Pragmatiker. Natürlich versuche ich so gut es geht Rücksicht zu nehmen. Wenn ich aber den Wald sehe und an Holz denke, Holz, das die Menschen brauchen und verwerten, dann habe ich kein schlechtes Gewissen. Wir Schweizer und Österreicher kommen aus Alpentälern, in denen der Tourismus eine ganz bedeutende Rolle spielt. Ohne Tourismus wären wir geknebelt. Andererseits ...

...andererseits
Andererseits ist es nicht notwendig, immer und überall neue Täler zu erschließen. Ich verstehe den Bürgermeister von Sotschi, wenn er sagt: ,Ihr braucht nicht auf uns zeigen, weil wir für Olympia Bäume umschneiden. Was habt ihr denn in der Vergangenheit gemacht? Ihr habt in der Schweiz 102 Skigebiete, dürfen wir vielleicht zwei haben?’ Einige Dinge sind mir erst durch den Pistenbau klar geworden.

Zum Beispiel?
Ich wollte eigentlich immer die großen, alten Bäume behalten. Dabei sind für den Wald eigentlich die Jungbäume wichtig. Manchmal mache ich aber eine Ausnahme und baue einen Umweg. Wenn sie die Olympiaabfahrt in Südkorea sehen, dann können Sie einen besonderen Baum entdecken.

Einen besonderen Baum?
Einen mächtigen Baum, der im Weg war. Die Linie der Abfahrtspiste wäre genau durch ihn durch gegangen. Aber dann haben sie mir dort die Geschichte von dem Magic Tree erzählt. Angeblich sind Frauen, die keine Kinder kriegen können, zu diesem Baum gepilgert und haben dort übernachtet. Und dann sind sie plötzlich schwanger geworden. Das war für mich der Grund, warum wir die Piste verlegt haben. Ich habe Höllenrespekt vor der Natur.

Sie machen Ihr Geschäft mit Olympia, wie geht’s Ihnen mit Spielen in Korea und China?
Ich kann die Leute in Europa verstehen, dass die Olympia nicht mehr wollen. Da hat das IOC in der Vergangenheit zu wenig den Daumen drauf gedrückt und den Gigantismus einfach laufen lassen. Immer wenn Olympia ist, dann wird immer noch eines draufgepackt. Ich finde, dass Olympia ortsbezogen angepasst werden muss.

Das heißt.
Warum zum Beispiel soll Lillehammer ein Eisstadion für 25.000 Leute haben? Das braucht’s nicht. Bauen wir eines für 7000 Leute, damit kann man auch nach Olympia etwas anfangen. Es ist höchste Zeit, dass die Nachhaltigkeit wieder mehr ins Spiel gebracht wird.

Sie sind in der Schweiz beliebt, Sie trauen Sich Ihre Meinung zu sagen: Warum sind Sie eigentlich nie in der Politik gelandet?
Es ist jetzt nicht so, dass ich mich nicht für Politik interessieren würde. Aber ich sage von mir, dass ich eher der Typ Stammtischpolitiker bin. Durch meinen Stellenwert in der Schweiz habe ich eine gewisse Bekanntheit erreicht, aber man muss aufpassen, dass man Bekanntheit nicht mit Kompetenz vermischt. Wenn ich mich zum Beispiel politisch äußere, dann meinen vielleicht 30, 40, 50 Prozent der Leute: Der Russi versteht was, der sagt ja, also sage ich auch ja. Das wäre nicht gut, weil das manipulativ ist. Und das möchte ich nicht sein.

Abschließend ein Wort zu Marcel Hirscher.
Ich mag ihn extrem. Einfach aus dem Grund, weil er so fantastisch an sich arbeitet. Weil er imstande ist, so zu begeistern mit seinen Läufen. Er hat die Latte dort hinaufgesetzt und er toppt sie für sich selbst immer wieder aufs Neue.