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09.02.2017

Schlusskapitel für die unvollendete Michaela Kirchgasser

Michaela Kirchgasser:"Ich bin froh, dass ich jetzt alles im Griff habe." © Bild: APA/BARBARA GINDL

Die Kombination am Freitag (10 bzw. 13 Uhr) ist für die 31-Jährige der Höhepunkt des Winters.Warum eine Medaille bei ihrer letzten WM für die Salzburgerin der Glanzpunkt der Karriere wäre.

Je älter sie wird, desto öfter ertappt sich Michaela Kirchgasser dabei, dass sie in den Rückspiegel schaut und ihre Karriere hinterfragt. Hat sie, die Hochbegabte, vielleicht zu wenig aus ihren Fähigkeiten gemacht? Müssten in ihrem Lebenslauf eigentlich nicht mehr Medaillen (sechs, davon vier im Teambewerb) und Weltcupsiege (drei) aufscheinen? Und wird sie irgendwann ihre Laufbahn etwa gar einmal als Unvollendete beenden?

"Es ist ja die Wahrheit, dass mehr möglich gewesen wäre", gesteht Kirchgasser. Die Frage ist nur, ob sie als Seriensiegerin auch wirklich glücklich geworden wäre, ob ihr ein Leben im Rampenlicht überhaupt behagt hätte. "Ich denke mir oft: Was wäre gewesen, wenn ich 15 Rennen mehr gewonnen hätte? Würde ich mich dann daheim verstecken, weil ich von den Fans erdrückt werde? Wäre ich immer noch die offene, lustige Person?"

Frohnatur

Der Damen-Weltcup wäre unbestritten langweiliger ohne die Plaudertausche und Frohnatur aus Filzmoos. Michaela Kirchgasser hat immer etwas zu sagen, und sie spricht auch an, wenn ihr etwas nicht passt. Aktuell ärgert sich die 31-Jährige etwa darüber, dass sie immerzu auf ihr Karriereende angesprochen wird. Es mag ja stimmen, dass St. Moritz für die Salzburgerin – wie vielleicht auch für Marcel Hirscher – die letzte Ski-WM sein wird, "aber meine Motivation ist definitiv da. Ich habe die ganzen Monate auf dieses Rennen hingearbeitet."

Dieses Rennen, das ist die Alpine Kombination. Ein Bewerb, der in der Öffentlichkeit oft ein wenig verpönt ist, zumal die Kombination auch vom Weltverband FIS nur stiefmütterlich behandelt wird. Gerade einmal ein Rennen gab es vor der WM, nicht wenige fordern inzwischen die Abschaffung.

In den Augen der Läuferinnen stellt diese Disziplin freilich eine große Herausforderung dar. Der Stress am Renntag, die beiden so unterschiedlichen Disziplinen (Abfahrt und Slalom). "Wenn ich eine Abfahrt fahre, dann ist das für mich eine brutale Überwindung", erklärt Michaela Kirchgasser, "die Kombi hat vielleicht in der Öffentlichkeit nicht den Wert, aber die Athleten wissen, dass es extrem schwierig ist, die Kombination zu gewinnen."

Mutprobe

Es ist alles andere als Zweckoptimismus, dass sich Kirchgasser selbst ("ich wäre keine Überraschungskandidatin") zu den Medaillenanwärterinnen zählt. In den letzten Jahren hat sie in dieser Disziplin ihre besten Ergebnisse eingefahren, und der Umstand, dass in St. Moritz die Abfahrt vergleichsweise kurz und langsam ist, hat ihre Chancen auch nicht verringert. "Da hat auch die Kirchi nicht unbedingt Angst."

An der fehlenden Courage hat es der 31-Jährigen freilich ohnehin nie gemangelt. Eher waren es die beleidigten Kniegelenke, die Kirchgasser immer wieder ausgebremst haben. Knorpelschäden begleiten die Salzburgerin schon die gesamte Karriere, nahezu jeden Sommer muss sie sich einem Eingriff unterziehen. "Ich bin froh, dass ich jetzt alles im Griff habe."

Gesundheitsfrage

Angesichts der Umstände, angesichts der Abschiedsveranstaltung, hätte eine Medaille für Michaela Kirchgasser diesmal einen besonderen Glanz. "Höher als meine letzte Einzelmedaille. Weil ich weiß, das ist meine letzte Chance." Sie hätte zwar vor, 2018 auch noch einmal bei Olympia zu starten, sie würde sich auch gerne noch einmal in Speedbewerben versuchen, "aber meine Zukunft ist eine Gesundheitsfrage."

Nur eines ist sicher: Sollte Michaela Kirchgasser am Freitag tatsächlich eine Medaille holen, sollte sie wieder einmal ihre Kritiker Lügen strafen, dann wird die Feier ausgelassen ausfallen. "Ich weiß, dass nichts selbstverständlich ist. Daher kann ich mich mehr freuen als andere. Einige haben ja viel gewonnen, die können sich aber nicht mehr richtig freuen."