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Marc Girardelli 1989.

© APA/AFP/CHRIS WILKINS / CHRIS WILKINS

Sport Wintersport
01/22/2020

Ski-Legende Marc Girardelli: "Manchmal sind Ohrfeigen gut"

Der 46-fache Weltcupsieger über die Krise des ÖSV, Kitzbühel und den Weltcup in Zeiten des Klimawandels

von Wolfgang Winheim

Er siegte auf dem Lauberhorn in allen Disziplinen, triumphierte auch in Kitzbühel. Marc Girardelli wäre Ehrengast beim Hahnenkamm-Jubiläum, doch der Vorarlberger, der nicht weniger als fünf Mal den Gesamtweltcup für Luxemburg erobert hatte, kann heuer nicht nach Kitzbühel kommen.

Girardelli, 56, ist zu gleicher Zeit beim Damen-Weltcup in Bansko engagiert. Dort ist der vierfache Vater am bulgarischen Ski-Ressort beteiligt.

KURIER: Sie siegten in allen alpinen Weltcup-Disziplinen. Sehen Sie irgendeinen Ski-Herren, dem das noch einmal gelingen kann?

Marc Girardelli: Als Allrounder ist es heute wie auch in der Vergangenheit nicht einfach. Das Niveau ist in allen Disziplinen so hoch, dass es ein Ausnahmetalent braucht, um mit einem Minimum an Training und einem Maximum an Stress überall vorne mitzumischen. Der Letzte, dem das gelungen ist, war Bode Miller. Heute sehe ich bestenfalls Pinturault und Odermatt, die Ansätze für einen Allrounder erkennen lassen. Pinturault ist zu unbeständig, doch der Schweizer Odermatt könnte neue Maßstäbe setzen.

Schon während Ihrer Rennkarriere wurde Ihnen eine 15-prozentige Invalidität attestiert. Können Sie heute schmerzfrei Skilaufen?

Meine Verletzung in Lake Louise 1983 war katastrophal. Ich war 19 Jahre alt. Mein Knie wurde um 360 Grad um die Achse gewickelt. Die Kniescheibe war in meiner Kniekehle. Ein Riesenglück, dass Nerven und Aorta noch heil waren. Nur mit Spezialtraining konnte ich das Bein stabilisieren. Heute bin ich glücklich, dass ich meine Schmerzen so gut im Griff habe, dass ich Skifahren, wandern und Joggen kann und somit ein tolles Leben habe.

Der ÖSV droht erstmals in der 30-jährigen Ära von Peter Schröcksnadel den Nationencup einzubüßen. Ein Zwischentief oder bald Dauerzustand?

Ich glaube, dass sich die Athleten heuer noch steigern werden. Manchmal ist der Wurm flächendeckend drin. Vor allem auch, weil Hirscher ein Vakuum hinterlassen hat. Die Jungs haben sich das heuer vielleicht etwas zu leicht vorgestellt und kriegen jetzt eine Klatsche nach der anderen. Manchmal sind Ohrfeigen gut, um auf den Boden zu kommen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Zur Ihrer Zeit waren die Slalomskier fast um einen halben Meter länger. Welche Länge bevorzugen Sie heute?

Früher war das schon eher Akrobatik, die Skier um die Tore zu zirkeln. Heute fahre ich meistens mit Skiern um die 175 cm Länge. Aber ich gehe auch ab und zu auf Touren und in drei Wochen das erste Mal in den Kaukasus Heli-Skifahren. 30 Jahre bin ich nun schon Heli-Pilot, aber noch nie Heliski gefahren.

SKI WELTCUP IN KITZBÜHEL: KITZCHARITYTROPHY: LEITNER/GIRARDELLI/LANZINGER

Die Zahl von Kreuzbandrissen ist auch heuer alarmierend hoch. Worin sehen Sie die Hauptursachen?

Knieverletzungen sind ganz klar die Ursache von den Carvingskiern. Man kann sich das leicht vorstellen, wenn man in einen VW einen Porschemotor einbaut. Der Wagen geht dann zwar schneller, aber Bremsen, Fahrgestell, Hydraulik geben früher den Geist auf. Die Geschwindigkeit der Athleten ist insgesamt gesehen nicht höher als früher. Aber die Kurvengeschwindigkeiten und somit die Belastung auf den ganzen Körper sind gestiegen.

Vor 25 Jahren zeigten Sie sich bezüglich des Klimawandels besorgt. Wird es 2040 noch einen Skiweltcup in der heutigen Form geben?

Klimawandel ist heute im wahrsten Sinne des Wortes ein heißes Thema. Genauso wie das Waldsterben vor 40 Jahren oder das Ozonloch. Ich bin kein Wissenschafter und kann nicht in die Zukunft sehen. Aber in der Vergangenheit konnte man nie genau alle Ursachen für solche großen Fragen wissenschaftlich erklären. Und ich denke, dass es auch heute noch nicht möglich ist. Erst wenn wir mehr vom Gesamtsystem wissen, können wir solche Monsteraufgaben wirkungsvoll angehen. Ich sage nur kalte Fusion. Vielleicht sollte man ein wenig mehr Aufmerksamkeit in diese Richtung lenken.

Der Vorarlberger (*18. Juli 1963) wechselte als Zwölfjähriger zum luxemburgischen Verband, da sein Vater dem ÖSV vorwarf, seinen Sohn nicht ausreichend zu fördern. Nach einer Knieverletzung wurde er 1983 als Teilinvalide erklärt, ein Jahr später siegte er erstmals im Weltcup.

Insgesamt feierte Girardelli 46 Weltcupsiege (3 x Abfahrt, 9 x Super-G, 7 x RTL, 11 x Kombination, 16 x Slalom), den Gesamtweltcup holte er fünf Mal. Bis heute zählt der vierfache Weltmeister und zweimalige Silbermedaillengewinner bei Olympia zu den erfolgreichsten Skirennläufern der Geschichte.

Seit seinem Rücktritt 1997 ist der vierfache Familienvater als Unternehmer und Investor tätig. 

Stimmt es, dass Sie Hauptaktionär des bulgarischen Weltcup-Skiressorts Bansko sind? Und stimmt es, dass dort der Andrang bulgarischer Skifahrer immer größer wird?

Bansko ist ein sehr modernes Skigebiet und es stimmt, dass der Andrang immer größer wird. Deshalb versuchen wir seit langem die zweite Gondelbahn vom Dorf ins Skigebiet zu bauen. Was bisher leider verhindert wurde. Ich habe Anteile am Skigebiet. Und ich hoffe, dass die Weltcup-Veranstaltungen uns genügend Lobby im Land geben, damit wir diesen wichtigen Schritt mit der Gondelbahn bald machen können. Bulgarien kann von gutem Tourismus enorm profitieren.

Ist Skilauf in Bansko billiger als in den Alpen?

Skifahren in Bansko ist ungefähr halb so teuer wie in Österreich. Wobei es auch hierzulande ein Gefälle gibt. In den Alpen sind vor allem die Schweiz und Frankreich die Spitzenreiter, was den Preis anbelangt. Nicht so sehr beim Service und der Gemütlichkeit. Da haben Österreich und Südtirol die Nase vorne. Bansko hat einen guten Mix von Gästen aus Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Mazedonien, Türkei und England. Die Hotels und Pensionen bemühen sich um eine angenehme Atmosphäre.

Als Luxemburger One-Man-Show waren Sie zwangsläufig etwas isoliert gewesen. Wie sieht heute der Kontakt zu ehemaligen und aktuellen Rennläufern aus?

Das war bei mir früher wirklich fast ein Einsiedlerleben. Ich denke oft daran, dass es nach einem tollen Sieg wunderschön gewesen wäre, in einer Mannschaft zu feiern. Auf das musste ich leider verzichten. Aber ich hatte immer guten Kontakt zu anderen Athleten und Personen im Zirkus. Heute pflege ich noch Kontakt zu einigen alten Haudegen, die beruflich in meine Richtung gehen. Meine Events mit Kunden, der Vertrieb von Skibekleidung für Skischulen und Clubs, das sind alles tolle Gelegenheiten, ein bissel in Nostalgie zu schwelgen.

Kitzbühel schüttet das bisher höchste Preisgeld aus. Wie wurden früher Sieger von Veranstaltern belohnt?

Belohnung in den 80ern? Einen feuchten Händedruck von Rudolf Sallinger und anderen Polit-Bonzen. Man könnte fast sagen, dass wir damals um die Ehre gefahren sind im Verhältnis zu heute. Aber Geld ist auch nicht alles. Ich habe meinen Sport geliebt und ich bin deshalb immer an meine Grenzen gegangen, manchmal auch darüber hinaus. Den „wertvollsten“ Preis, den ich bei einem Sieg je gewonnen hatte, war ein Blech-Aschenbecher in Sarajewo 1987. Der war aber so krumm, dass den nicht mal mein Vater als Kettenraucher benutzt hatte.

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