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Sport Wintersport
01/20/2020

Hochamt Kitzbühel: Party-Patriotismus und Heldenverehrung

In dieser Woche wird in Kitzbühel zum 80. Mal gerast, gefeiert und getrunken. Sporthistoriker Rudolf Müllner über das Phänomen.

von Bernhard Hanisch

Warum ist das Rennwochenende in Kitzbühel im Kalender der Gesellschaft rot angestrichen, warum hält es sich so hartnäckig in der Bewunderung der Skifans? Was macht das Phänomen aus, was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Was im wohl bekanntesten Skiort in den Tiroler Bergen so vor sich geht, und wie man so manches österreichische Phänomen des Skisports erklären kann, weiß Rudolf Müllner. Er leitet an der Universität Wien die Abteilung für Sozial- und Zeitgeschichte des Sports und hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.

KURIER: Was fällt Ihnen ein, wenn Sie Ihren ausländischen Kollegen Kitzbühel und den Hahnenkamm erklären müssen?

Rudolf Müllner: Österreich ist ein weitgehend katholisches Land, also plakativ ausgedrückt: Kitzbühel ist eine Art Hochamt des österreichischen Wintersports. Dort ist jedes Jahr die Messe, wie jeden Sonntag in der Kirche. Und das hat für viele nach wie vor eine große Bedeutung.

Und der Skisport half in der Außenwirkung, auch die Identität und den Ruf eines Landes nachhaltig zu formen ...

Das hatte immer enorme Wirkung, obwohl sie empirisch nur schwer zu erfassen ist. Der Skilauf hat eine wichtige Funktion für die Außendarstellung. Dabei geht es natürlich um die bekannten Österreich-Klischees, um die Alpen als vermeintlichen Rückzugsort, das „Wintermärchen“, „unberührte“ Natur, heile Welt, Après-Ski, aber auch um den Rennsport als Modernisierungsmotor und Leistungsnachweis des gesamten Landes.

Sie gelten als Ski-Liebhaber, schwanken zwischen beruflich kritischer Distanz und Konsument. Fasziniert Sie ein Ereignis wie in Kitzbühel noch?

Es wird schwieriger. Eigentlich bin ich im Mainstream der Leute. Wie alle anderen Sportarten, die in die Medien drängen, steht der Skisport im Kampf um Aufmerksamkeit. Dieser hat sich verschärft. Die Event-Kultur ist fokussiert auf ein paar spezielle Ereignisse wie Kitzbühel. Der Aufwand ist dabei immens, um die Aufmerksamkeit und die Einschaltziffern hochzuhalten.

Aber es wiederholt sich alles ...

Kitzbühel ist eine Event-Maschine, die mit dem üblichen Repertoire von Superlativen agiert. Es wiederholt sich die Ansammlung von Phrasen, von der steilsten, spektakulärsten Abfahrt, der härtesten Piste. Das wissen wir. Und hören es uns trotzdem immer wieder an.

Ist Kitzbühel ein eher gesellschaftliches oder sportliches Ereignis?

Das ist kaum zu trennen. Abfahrtslauf als Zugabe zu einer großen Party, man kennt das auch aus anderen Sportarten, ein Stück Party-Patriotismus. Andersherum gedacht wäre die Party ohne drei spektakuläre Skirennen auch nix. Es ist eine Art der Vergemeinschaftung vor Ort und via Bildschirm. So entstehen emotionale Identitätsräume. Der Skilauf ist natürlich der Anlass dafür.

Dienstag, 21. Jänner
11.30: 1. Abfahrtstraining auf der Streif.

Mittwoch, 22. Jänner
10.00: Hahnenkamm Juniors (1. Lauf, Riesentorlauf auf dem Ganslernhang), 11.30: 2. Abfahrtstraining, 13.00: Hahnenkamm Juniors (2. Lauf, Slalom  auf dem Ganslernhang).

Donnerstag, 23. Jänner
11.30: Abschlusstraining Abfahrt.

Freitag, 24. Jänner
11.30: Super-G auf der Streif, 18.00: Startnummernvergabe Abfahrt im Zielgelände, 18.30: Siegerehrung Super-G.

Samstag, 25. Jänner
10.30: Zuschauer-Vorprogramm, 11.30: Hahnenkamm-Abfahrt auf der Streif,  14.00: Kitz Charity Trophy, 18.00: Startnummernvergabe Slalom, 18.30: Siegerehrung Abfahrt.

Sonntag, 26. Jänner
10.30/13.30: Hahnenkamm-Slalom auf dem Ganslernhang, anschließend: Siegerehrung.

Donnerstag, 23. Jänner

Es geht los. Vom Niederösterreich-Heurigen (Hotel zur Tenne) über den Tirol-Empfang (Kitzhof) bis zum exklusiven Charity-Dinner von Arnold Schwarzenegger (Kitzbühel Country Club) wird der Auftakt  der Rennen gefeiert.  

Freitag, 24. Jänner

„Weiß wurscht is“ heißt es wieder bei der Weißwurstparty im Stanglwirt in Going. Die jodelnde Wirtin Rosi Schipflinger lädt zur A1 Kitz Night in ihre Sonnbergstub’n. Disco gibt’s bei Kitz ’n’ Glamour im Club Take Five.

Samstag, 25. Jänner

Es wird noch einmal ganz exklusiv. Da wird zur Kitz Race Night ins VIP-Zelt am Fuß der Streif geladen. Im Kitzhof wird Hummer serviert und in Rosi’s Sonnbergstub’n Schnitzel.

Die Interessen haben sich in den vergangenen Jahren gespalten. Hat der Skisport, die heilige Kuh, nicht an Stellenwert verloren?

Mit Sicherheit. Das hängt mit der Mediensituation zusammen. Nimmt man den Fußball her, den zweiten Massensport, können Sie Spiele zu jeder Tages- und Nachtzeit sehen. Am besten wäre für Mediensportunternehmer, es würde alle zwei Tage Manchester City gegen Liverpool antreten. Das konkurriert zwar nicht mit dem Wintersport. Nur findet im Winter 2022 die Fußball-WM in Katar statt. Da wird der Wintersport ein Problem kriegen. Die Mediatisierung des Sports bewirkt das Streben nach dem Spektakulären. Und das hält sich an keine Jahreszeiten mehr.

Nagt diese Überfütterung nicht auch am Interesse an dem, was früher einmal etwas Besonderes war?Was früher außergewöhnlich war, wird immer selbstverständlicher. Damit verliert es an Bedeutung, an Aura, an Besonderheit. Die Veranstalter und die Vermarkter betreiben immer mehr Aufwand, um das Außergewöhnliche hervorzustreichen. Die Spirale der Heldenerzeugung führt zu einer Heldenbanalisierung, aus jeder Ecke springt einer heraus.

Hat sich die Hysterie um Kitzbühel gelegt?

Würde man nur ORF schauen, der Haupttrommler, das Sprachrohr des Skiverbandes, eher nicht. Jeder zappt aber jetzt herum, insofern verpufft die Hysterie ein bisschen. Im Kern ist sie geblieben, weil man sich jetzt auf dem Handy halt einen Zusammenschnitt mit den drei spektakulärsten Stürzen anschauen kann.

Sind es die Stürze, die den Mythos Streif ausmachen, die schwere Strecke, oder Kitzbühel-Legenden wie Sailer oder Hinterseer?

Woraus zieht denn der Sport seine Faszination? Er schafft künstlich Gefahren und Notsituationen. Kein normaler Mensch begibt sich in eine Situation, in der er mit 140 km/h über eine Eisplatte rast. Menschen mit außergewöhnlichen Eigenschaften tun das aber. Beim Betrachten der Bewältigung der Notsituation passieren Vergemeinschaftung und Verschmelzungsfantasien: Das ist ja einer von uns, der da über die Mausefalle sticht. Das erzeugt die Spannung. Schafft er es? Wie schnell, oder gar nicht? Das funktioniert im Sport immer wieder.

Und fördert die Verehrung des Helden?

Der Held bewältigt für uns stellvertretend die Notsituation. Aber diese Helden ziehen sich auch ganz radikale Verletzungen zu. Das ist kein Spiel. Im Kino wird jemand erschossen, ist tot, aber eben nur der Schauspieler. Im Sport hingegen liegen wirklich Menschen am Boden. Sport lebt von seiner inszenierten Authentizität.

Ein Held, Marcel Hirscher, fehlt heuer zum ersten Mal. Die Einschaltquoten sind seit seinem Abschied massiv zurückgegangen. Funktioniert die Maschine nur mit Serienhelden?

Das geschieht alles auf einem sehr hohen Level. Ja, man will Sieger sehen, und man ist Seriensiege gewohnt. Wenn der Manuel Feller noch so eine super Frisur hat, aber 17. wird, interessiert das keinen. Stefan Kraft wird bei der Vierschanzentournee Vierter, keiner spricht darüber. Oder Beate Schrott wird Fünfte im Hürdenlauf, das erregt Aufmerksamkeit, aber zum Star wird sie noch nicht. Für die großen Analysen der realistischen Leistungen ist im täglichen medialen Sport meist zu wenig Zeit.

Seit 1949 wird die Sportlerwahl durchgeführt, und es wurden insgesamt 66 Skifahrerinnen und Skifahrer zum Sportler des Jahres gewählt. Erfolge, die den Volkssport begründen?

Erfolge sind ein Puzzlestein der nationalen Identitätskonstruktion. Ein WM-Titel, ein Olympiasieg im Skisport wird auf den Philippinen oder in Uganda gar nicht wahrgenommen. Doch es ist trotzdem eine Weltmeisterschaft, es sind Olympische Spiele. Im Vergleich zum Skisport hat Österreich in anderen Disziplinen eher bescheiden abgeschnitten. Die Alpinen gaben die Möglichkeit zur Selbsterhöhung, die im Nationalstolz mündet. Die Sailer-Geschichte hält ja nur so lange, weil er nach einer langen Besatzungszeit in den Fünfzigern plötzlich mit drei Mal Olympischem Gold zur Nationswerdung beigetragen hat.

Kitzbühel und überhaupt dem ganzen Skisport wird ein Umdenken wohl nicht erspart bleiben. Stichwort Klimawandel – wie wird er sich auswirken?

Ein Riesenthema. Skigebiete in niederen Regionen haben schon ihre Probleme oder sperren zu. 70 Prozent der Pisten sind bereits kunstbeschneit. Rundherum herrscht die Klimakrise, und die EU propagiert den Green Deal, da muss der Skisport und eben auch der Rennsport darauf reagieren, sonst ist das für die Werbeindustrie negativ. Das heißt, der weiße Sport ist nicht mehr unbefleckt. Er wird es auch zu spüren bekommen.

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