Felix Gottwald

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Sport Wintersport
06/25/2022

Olympia-Legende Gottwald: "So schaufelt man sich das eigene Grab"

Der dreifache Olympiasieger ist irritiert, dass die Nordischen Kombiniererinnen nicht zu Olympia dürfen. "Wir haben schon wieder keine Gleichberechtigung"

von Christoph Geiler

Felix Gottwald ist der erfolgreichste Olympiasportler des Landes. Der 46-Jährige Salzburger wurde im Laufe seiner erfolgreichen Karriere drei Mal Olympiasieger in der Nordischen Kombination und holte zudem bei Winterspielen noch eine Silbermedaille und drei Bronzemedaillen.

Mit Sorge verfolgt Felix Gottwald die Entwicklungen in seiner geliebten Sportart. Am Freitag verweigerte das IOC den Nordischen Kombiniererinnen die Aufnahme ins Olympia-Programm für Milano-Cortina 2026. Damit ist die Nordische Kombination die einzige Sportart bei Winterspielen, die nur durch Männer vertreten ist.

++ ARCHIVBILD ++ OLYMPISCHE WINTERSPIELE VANCOUVER 2010 - NORDISCHE KOMBINATION/TEAMBEWERB

Dem nicht genug. Auch den Kombinierern, die augenscheinlich innerhalb der FIS keine große Rückendeckung genießen, wurde seitens des IOC die Rute ins Fenster gestellt. Dabei wurde moniert, dass bei den vergangenen drei Winterspielen nur vier Nationen in den Medaillenrängen gelandet waren und das Zuschauerinteresse überschaubar gewesen wäre.

Bis zu den Winterspielen 2030 erwarte sich das IOC deshalb eine "signifikante positive Entwicklung" der Sportart. Wie ortet Felix Gottwald die Sache ein?

KURIER: Wie haben Sie die Entscheidung aufgenommen?

Felix Gottwald: Ich würde behaupten: Diese Entscheidung, die Frauen nicht zu Olympia zu lassen, zeugt nicht gerade von viel Weitblick der IOC-Familie.

Wobei man zur Ehrenrettung des IOC sagen muss: Die FIS hat sich auch nicht gerade für die Kombiniererinnen stark gemacht.

Natürlich gibt's immer mehrere Beteiligte. Die Frage ist, ob es Sinn macht, nach Schuldigen zu suchen, oder ob man nicht gescheiter Lösungen ausarbeiten sollte. Offenbar traut man es den Frauen nicht zu, dass sie zwei Disziplinen unter einen Hut bringen. Deshalb gibt man ihnen erst gar keine Chance. Vielleicht ist das auch nur eine Metapher für die Situation und die Gleichberechtigung per se. Man braucht ja nur innerhalb des IOC blicken und sich das Verhältnis zwischen Männer und Frauen anzuschauen. Das ist schon einmal erschreckend.

Erstaunlicherweise ist das Frauen-Doppelsitzerrodeln für 2026 ins Olympia-Programm aufgenommen worden. In dieser Disziplin gab es bislang noch keinen Weltcup.

Man könnte jetzt sagen: Das IOC muss die teuren Bobbahnen rechtfertigen. Andererseits ist so eine Sprungschanze auch nicht billig, und im Sinne der Nachhaltigkeit sollten diese Anlagen auch genützt werden. Aber noch einmal zurück zu den Schuldigen: Klar muss sich die FIS auch bei der Nase nehmen.

Inwiefern?

Zwischen echter Förderung und Entwicklungsarbeit sind wir sehr weit entfernt. Gewissen Sportarten muss man die Zeit geben, dass sie wachsen. Das beste Beispiel ist für mich das Frauen-Skispringen. Und die Nordische Kombination ist für mich ein Kulturgut, da braucht man nur auf die lange Geschichte dieses Sports zurückblicken. Man sieht halt auch, wie mit dem Kulturgut umgegangen wird. Jetzt den Männern die Rute ins Fenster zu stellen, heißt auch: Wir haben schon wieder keine Gleichberechtigung.

Felix Gottwald

Fehlt der Nordischen Kombination die Lobby?

Die hat die Nordische Kombination mit Sicherheit nicht. Vielleicht hat es auch an den Strategien gefehlt. Dabei sollten man aber eines nicht vergessen.

Nämlich?

Mit die spannendsten Entscheidungen bei den letzten Spielen in Peking waren die Bewerbe in der Nordischen Kombination. Das heißt: Man tut sich nichts Gutes, wenn man jetzt sagt: Einmal noch die Kombination bei Olympia und dann schauen wir weiter. Es ist auch sinnbildlich für die Haltung und den Zeitgeist: Man will auf Trends setzen, man will Quote, und das möglichst schnell. Aber das ist nun einmal nicht die Nordische Kombination. Das ist ein Sport, wo man nur langfristig mit Geduld und Ausdauer etwas erreicht.

Welche Konsequenzen zieht diese Entscheidung nach sich. Für die Kombiniererinnen, aber zugleich für die gesamte Nordische Kombination?

Was ist das für eine Botschaft, wenn man einer jungen Generation die Perspektive nimmt? Eine Sportart entwickelt sich exponentiell anders, wenn sie olympisch ist. Die FIS sollte behutsam weiter arbeiten, damit das IOC in Zukunft gar nicht an der Nordischen Kombination vorbeikommt und sich die Frage ob Ja oder Nein gar nicht stellt.

Hatte die Nordische Kombination zu Ihrer aktiven Zeit einen größeren Stellenwert?

Ich habe den Stellenwert gar nie hinterfragt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass die Kombination in Frage gestellt wird. Man braucht  jetzt definitiv nicht stolz darauf sein, dass die Kombination heute die einzige Männerdomäne bei Olympia ist. So schaufelst du dir als Kombination das eigene Grab. Das darf aber nicht passieren.

Was wäre eine Lösung?

Man müsste es breiter denken und überlegen: Welche Geschichte können wir mit der Nordischen Kombination der Frauen erzählen? Wie können wir das verkaufen? Das passiert halt leider nicht. Ich finde schon, dass das IOC da voraus gehen und die Message transportieren könnte: Zwei Sportarten zu meistern, das ist etwas, was Frauen eh die ganze Zeit machen müssen. Stichwort Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Aber nicht einfach sagen: In dem Sport gibt's zu wenig Athleten und das Niveau ist zu schlecht. Wenn's ums Niveau geht, könnten wir über viele Sportarten reden.

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