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24.02.2018

Viererbob-Pilot Maier: "Wer lenkt, verliert"

Pilot Benjamin Maier erklärt die Faszination seiner Sportart, die mehr Geld verschlingt als viele andere.

Wer Benjamin Maier zu Weihnachten eine Freude bereiten will, der legt am besten keine Geschenke unter den Baum. Sondern drückt ihm lieber ein wenig Kleingeld in die Hand. Seit Jahren schon verzichtet die Familie Maier auf Pakete, Gutscheine oder irgendwelchen Ramsch, stattdessen zücken die Eltern, die Oma und alle anderen Verwandten die Geldtasche, um Benjamin Maier bei seiner Leidenschaft unter die Arme zu greifen. "Wenn du in unserem Sport erfolgreich sein willst, dann musst du viel investieren", erklärt der Bobpilot.

Man muss jedem höchsten Respekt zollen, der sich hierzulande für eine Karriere im Bob-Business entscheidet. Kein anderer Sport bei diesen Winterspielen verschlingt auch nur annähernd so viel Geld wie der Wettstreit der Hightechschlitten. Einen Eishockeyschläger gibt es bereits um wohlfeile 300 Euro. Die Kosten für ein Paar Skisprungskier belaufen sich auf ungefähr 600 Euro. Für ein Set Curlingsteine (acht Stück) muss man immerhin schon 5000 Euro berappen.

Schlitten um 60.000

Über solche Summen und Ausgaben kann ein Bobfahrer nur lachen. Um 5000 Euro geht sich in diesem Sport nicht einmal ein Satz Kufen aus. "Für Top-Material werden schon einmal bis zu 25.000 Euro verlangt", erklärt Manfred Maier, der Vater, Trainer und Sponsor von Pilot Benjamin.

Vom Bob einmal ganz zu schweigen. Ein Zweierschlitten kostet bis zu 60.000 Euro und damit schon so viel wie ein Auto aus dem Luxussegment. Für einen konkurrenzfähigen Viererbob muss man sogar eine sechsstellige Summe hinblättern. "Allein der letzte Winter hat uns 87.000 Euro gekostet", sagt Benjamin Maier. "Jeder Verwandte und Freund hat mitinvestiert. Anders wäre das nicht möglich gewesen."

Maier steht inzwischen doppelt vor einem Dilemma. Er hat schon so viel in seine Karriere investiert, dass er gar nicht mehr zurückkann. "Du hast keine Wahl mehr. Entweder du bleibst dabei, oder du bist quasi pleite. Man muss es durchziehen."

Das andere Dilemma ist ein erfreuliches: Der 23-Jährige ist inzwischen zu einem dermaßen guten Bobpiloten gereift, dass er schon allein deshalb keinen Rückzieher mehr machen kann. Obwohl Maier einer der jüngsten Lenker in der Bobszene ist, hat er sich in der Weltspitze etabliert, wie nicht zuletzt der achte Platz im olympischen Zweierbewerb gezeigt hat.

Auf dem Radar

Im Vierer sind Maier und seine Crew ( Kilian Walch, Danut Ion Moldovan und Markus Sammer) sogar noch stärker (Finalläufe am Sonntag ab 1.30 Uhr MEZ).

Auch die Bob-Großmacht Deutschland, wo es eine eigene Entwicklungsabteilung gibt und der Sport mit großem Finanz- und Personalaufwand betrieben wird, hat den jungen Tiroler schon auf dem Radar. "Wir wissen, dass die Deutschen unsere Fahrten auswerten. Das zeigt, dass es auch mit einem kleinen Team funktionieren kann."

Ohne freien Tag

Aber um welchen Preis? Die kleine heimische Bobfamilie ist ein Haufen von Idealisten, die für ihre große Leidenschaft viel in Kauf nehmen. Während andere Nationen eigene Videoanalytiker beschäftigen, helfen bei den Österreichern die Ersatzleute mit der Videokamera aus.

Während es im deutschen Team für jedes Schlittenfabrikat einen eigenen Mechaniker gibt, muss in Österreich Chefcoach Manfred Maier an den Bobs herumschrauben. Seit Oktober, erzählt der Polizist, habe er keinen freien Tag mehr gehabt. Auch das ist ein Grund, warum er nach dem Saisonende als Coach zurücktritt.

Sohn Benjamin schöpft durchaus auch Kraft und Motivation aus den schwierigen Bedingungen, mit denen er und seine Kollegen konfrontiert sind. "Man lernt alles viel mehr zu schätzen", sagt er, "man wird gezwungenermaßen auch professioneller, weil eben so viel Geld und Herzblut drinnen steckt. Es geht ja nur nach dem Motto: Ganz, oder gar nicht."

Rutschpartie

Österreich zählt zu den schnellsten Teams der Welt. Selbst der englische Bob mit einem Sprinter, der die 100 Meter in 9,97 läuft, kann am Start nicht mit mithalten. Während der Fahrt sind dann weniger harte Lenkmanöver gefragt als Fingerspitzengefühl. "Man rutscht eher herunter, lässt den Schlitten treiben", erklärt Chefcoach Maier. Oder in den Worten seines Sohnes Benjamin: "Wer lenkt, verliert."

Noch ist unklar, wohin der Weg der Bob- und Skeletonpiloten führt. Hinter den Kulissen wird eine Zusammenlegung mit dem Rodelverband vorbereitet. "Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich will jedenfalls bis Peking weiterfahren", sagt Maier.

Und das bedeutet für ihn: Frühestens Weihnachten 2022 liegen wieder Päckchen unter dem Baum.