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13.02.2018

Nagano 1998: "Wie gesalbt lag der Hermann im Bett"

Heute vor zwanzig Jahren wurde Hermann Maier in Nagano zur Ski-Legende. Sein damaliger Arzt im Interview.

Vor zwanzig Jahren erlebte Andreas Lotz einige der turbulentesten Stunden in seinem Ärzte-Leben. Der Allgemeinmediziner aus dem Burgenland hatte großen Anteil daran, dass Hermann Maier in Nagano zum Herminator wurde. Lotz war der Mann, der wenige Stunden nach Maiers berühmtem Sturz in der Olympia-Abfahrt von Nagano grünes Licht für einen Start im Super-G gab. Der renommierte Arzt widersprach damals der Diagnose eines Kollegen, der den Salzburger Skistar schon nach Hause schicken wollte.

Nicht die einzige kuriose Anekdote rund um Hermann Maiers spektakulären Sturz. Für den späteren Doppel-Olympiasieger war damals auch heimlich, still und leise die Nennfrist für den Super-G verlängert worden. Wäre das hinter den Kulissen nicht passiert, dann gäbe es heute die Legende vom Herminator gar nicht.

KURIER: Herr Lotz, was sind Ihre Erinnerungen an diesen Tag und an diesen Sturz?

Andreas Lotz: Ich wäre damals eigentlich gar nicht für den Hermann zuständig gewesen. Wir waren in Nagano drei ÖSV-Ärzte, ich hätte mit den Medaillengewinnern zur Dopingkontrolle gehen sollen. Es wissen ja die wenigsten, dass wir am Tag von Maiers Sturz auch drei Medaillen gewonnen haben. Gold und Bronze durch Mario Reiter und Christian Mayer in der Kombination, Hannes Trinkl war Dritter in der Abfahrt.

Apropos Abfahrt: Was ist Ihnen damals als Mediziner durch den Kopf gegangen, als Sie den Abflug von Hermann Maier gesehen haben?

Ich glaube, dass ein Arzt einen Sturz grundsätzlich mit anderen Augen sieht als ein Skifan vor dem Fernseher. Es gilt: Je besser jemand ausrollt, desto größer sind seine Chancen, dass ihm weniger passiert. Ich habe mir mittlerweile den Sturz vom Hermann ewig oft angesehen.

Und zu welchen Schlüssen kommen Sie?

Dass der Hermann, wenn man so sagen will, vorbildlich gestürzt ist.

Vorbildlich?

Insofern vorbildlich, weil es ihm gelungen ist, alle negative Energie in Bewegung umzusetzen. Anders gesagt: Er hatte das Riesenglück, dass er nicht irgendwo in einem Fangnetz hängen geblieben ist. Und vor allem natürlich, dass er im Tiefschnee gelandet ist. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn es in den Nächten vorher nicht geschneit hätte.

Wenn Sie, wie Sie gesagt haben, eigentlich gar nicht für Maier zuständig waren, wie und warum sind Sie dann zu ihm gekommen?

Weil Werner Margreiter, der damalige Chefcoach, mich ganz aufgeregt ins Hotel bestellt hatte. Er hatte den Stress mit dem Nennschluss für den Super-G am nächsten Tag, und dann hat er noch gemeint, dass der andere Arzt inzwischen bereits eine Pressekonferenz gegeben hätte. Der Hermann müsse heim nach Österreich.

Wie wir heute wissen, ist Maier nicht abgereist. Wie hat er sich Ihnen im Hotel präsentiert?

An dieses Bild im Hotelzimmer kann ich mich heute noch erinnern. Das werde ich nie vergessen: Der Hermann liegt wie gesalbt in seinem Bett, seine damalige Freundin ist neben ihm gehockt und hat Handerl gehalten, der Pum Hans ist im Eck auf einem Stockerl gesessen. Und der Kollege hat gerade erzählt und doziert, was der Hermann nicht doch alles hat. Und dass er auf jeden Fall heim muss.

Und dann kamen Sie ins Spiel.

Hans Pum hat mich gebeten, den Hermann bitte doch noch einmal anzuschauen. Zwei Meinungen sind immer besser. Ich habe ihn mir angeschaut, habe alles geprüft, vor allem das rechte Knie, um das es gegangen ist. Und dann habe ich festgestellt, dass funktionell eigentlich alles in Ordnung ist. Dass weder Bänder gerissen oder gezerrt sind. Was er hatte, das war eine starke Prellung im Knie. Ich habe Hans Pum gesagt: ,Ich glaube, dass ich ihn hinkriege.‘

Wie hat Pum reagiert?

Er hat sich nicht mehr ausgekannt und gesagt: ,Das gibt’s nicht, der eine Arzt will ihn krank betten und du sagst er kann am nächsten Tag wieder Skifahren. Wem soll ich glauben?‘

Wie haben Sie ihn und Hermann Maier überzeugt?

Ich habe Maier aufgefordert, mit dem rechten Knie eine einbeinige tief Kniebeuge zu machen.

Und hat er das geschafft?

Er hat sogar fünf gemacht. Hans Pum hat solche Augen gekriegt, ist wortlos hinaus und hat den Hermann sofort für das Rennen angemeldet. Den Rest der Geschichte kennen wir.


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