Sport | Wintersport
25.01.2013

Nur Svindal schlägt Mayer

Der Norweger gewinnt den Super G von Kitzbühel 0,13 Sekunden vor dem Kärntner.

Aksel Lund Svindal konnte die Frage schon nicht mehr hören. „Wann wird’s was mit dem Sieg in Kitzbühel?“

„Bei jedem Interview, überall, wo ich war, bin ich immer nur danach gefragt worden“, erinnert sich der Norweger, der stets so locker und lässig wirkt. Doch dass die Streif so lange ein weißer Fleck auf seiner Erfolgslandkarte war, das hat dann auch den Mister Supercool ordentlich heißlaufen lassen. „Ehrlich gesagt hat mich das ziemlich unter Druck gesetzt.“

Svindal gab gestern die passende Antwort auf all die lästigen Fragen und warf mit seiner Triumphfahrt im Super-G zugleich noch eine Frage auf: Wer bitteschön soll den 30-Jährigen bei der Weltmeisterschaft in Schladming schlagen? Drei Siege und ein zweiter Platz – Svindal fährt in diesem Winter im Super-G ähnlich dominant wie einst Hermann Maier.

Überholspur

Ein entfernter Namenskollege entwickelt sich derweil im Eiltempo zum größten österreichischen Herausforderer des norwegischen Superstars im Super-G: Matthias Mayer. Der 22-jährige Kärntner, Sohn des einstigen Olympiamedaillengewinners Helmut Mayer, ist in diesem Winter auf der Überholspur unterwegs und ein Muster an Konstanz (immer in den Top Ten). In Kitzbühel bestand der Youngster nun eindrucksvoll die nächste Reifeprüfung. Erster Podestplatz im ersten Rennen auf der Streif – da schmerzten dann auch die 13 Hundertstelsekunden nicht mehr, die der Sensationszweite am Ende hinter Svindal lag. „Ich bin immer noch so aufgeregt“, strahlte der 22-jährige Senkrechtstarter, der für seinen zweiten Rang 23.000 Euro erhielt. „Ich habe den untersten Streckenteil perfekt erwischt.“

Matthias Mayer ist spätestens nach dieser Performance Fixstarter im ersten WM-Bewerb (6. Februar), auch Hannes Reichelt (14.) hat beste Karten. Dahinter kämpfen mit Georg Streitberger (11.), Romed Baumann (12.), Klaus Kröll (16.) und Joachim Puchner (21.) vier weitere österreichische Läufer um die restlichen zwei Plätze im Super-G. Jubilar Benjamin Raich (25.) der gestern sein 400. Weltcup-Rennen bestritt, scheint indes zumindest im Super-G endgültig aus dem WM-Rennen.

Leidgenossen

Für die Schweiz endete der Super-G mit einem weiteren Debakel. Nach 30 Läufern lagen die fünf Schweizer Starter auf den letzten sechs Plätzen, am Ende rutschten nur Sandro Viletta (29.) und Patrick Küng (30.) in die Punkteränge. Die Eidgenossen, sie werden zunehmends zu Leidgenossen. „Diese Entwicklung tut sehr weh“, sagt auch die Schweizer Skilegende Bernhard Russi im KURIER-Gespräch. „Es heißt immer: ,Die können das Skifahren ja nicht verlernt haben‘, aber ich behaupte: Man kann es sehr wohl verlernen. Wir hinken inzwischen skitechnisch der Konkurrenz hinterher, und in meinen Augen ist auch der Komfortbereich in der Mannschaft zu groß. Die Läufer müssen ja nie die Ellbogen ausfahren.“

Die ÖSV-Serie hält

1/8

WC SUPER G DER HERREN IN KITZBÜHEL: MAYER

Mayer of Austria reacts after competing in the men

Mayer of Austria reacts after competing in the men

WC SUPER G DER HERREN IN KITZBÜHEL: SIEGEREHRUNG -

Jansrud of Norway reacts after competing in the me

WC SUPER G DER HERREN IN KITZBÜHEL: JANSRUD

Innerhofer of Italy skis during the men's Super-G

Innerhofer of Italy reacts after competing in the

Mayer: "Bremsen war kein Thema"

Nach zwei sechsten und einem siebenten Rang in dieser Saison hat der 22-jährige Matthias Mayer mit Platz zwei im Weltcup-Super-G vom Kitzbühel nicht nur den ersten Podestplatz seiner Karriere errungen, sondern auch bewiesen, dass er mit dem Druck vor Heimpublikum umgehen kann. 30 Fans aus seiner näheren Heimat inklusive Vater, Ex-Skirennläufer Helmut Mayer, feierten den Kärntner. Den Interview-Marathon bestand der Filius mit Bravour.

Sie wirken sehr entspannt. Überhaupt nicht aufgeregt? "Warum sollte ich nicht entspannt sein. Ich habe gerade ein Ziel erreicht, auf das ich mein bisheriges Leben hingearbeitet habe: dass ich auf das Podest fahre. Das ist jetzt ein bisschen Neuland für mich, die Aufmerksamkeit, die einem geschenkt wird. Es kommt mir bisher sehr positiv vor. Ich versuche, es in Ruhe anzugehen und mir das einmal anzuschauen. Und morgen steht noch die Abfahrt auf dem Programm, da muss man auch fixiert bleiben."

Wie ging es Ihnen vor dem Rennen? "Ich versuche vor einem Rennen immer ein normales Niveau zu halten. Denn wenn ich zu nervös bin oder wenn ich zu aufgeregt bin, funktioniert es bei mir nicht so gut. Und wenn ich heute nervös bin, dann werde ich es bei der WM auch sein. Und dann wird es hier und dort nicht funktionieren."

Sie haben am Donnerstag noch Super-G trainiert. Wie sah die weitere Vorbereitung für ihr Streifalm-Debüt aus? "Ich habe noch genaues Videostudium von den Super-G der vergangenen Jahre hier gemacht. Ich habe mir genau angeschaut, wie die gefahren sind, und da war der Didier Cuche die Nummer eins. Hermann Maier habe ich mir auch noch angeschaut, da sind sie beim Zielsprung noch fünfzig Meter gesprungen."

Wie erklären Sie die Konstanz im Super-G? "Ich habe eine irrsinnig gute Sicherheit am Super-G-Ski, die ich jetzt schön langsam vielleicht auch in der Abfahrt kriege. Und auch im Riesentorlauf wäre super. Die Geschwindigkeit ist ein bisschen weniger als in der Abfahrt, dadurch kann ich mich ein bisschen besser konzentrieren. Ich glaube, das ist mein großer Vorteil. Ich besichtige sehr genau, und es sind sicher auch sehr viele Instinkte dabei. Mit der Geschwindigkeit in der Abfahrt muss ich jetzt lernen umzugehen."

Ihre Linie ab der Hausbergkante war anders als bei den anderen, aber sauschnell... "Ich habe das Tor auf der Hausbergkante irrsinnig gut erwischt. Dann habe ich so Speed aufgenommen und es hat zwei Möglichkeiten für mich gegeben. Entweder bremsen oder einfach durchlaufen lassen. Und das ist zum Glück gut ausgegangen. Bremsen war kein Thema."

War es die perfekte Fahrt? "Bei ein paar Toren im Mittelteil war der Druck nicht optimal, da habe ich auch ein bisschen Zeit verloren, aber zum Schluss runter hat es mir schon irrsinnig getaugt."

Was bedeutet Ihnen der Stockerlplatz in Kitzbühel? "Ein Kindheitsraum hat sich da erfüllt. Als Kind sitzt du vor dem Fernseher, siehst die Rennen in Kitzbühel, siehst die Läufer gewinnen, siehst die Läufer verlieren. Und dann fahre ich hier das erste Mal auf das Podest."

Und die WM-Nominierung ist damit auch fixiert... "Ja, da gibt es jetzt keine Diskussion mehr. Ich kann mich voll darauf vorbereiten, jetzt freue ich mich auf den WM-Super-G."

In Ihrem Gesicht spiegelte sich so etwas wie Leiden wider, als Aksel Lund Svindal durch Ziel fuhr und die 1 für ihn aufleuchtete. Was haben Sie empfunden? "Leiden auf keinen Fall, aber 13/100 findet man da herunter sicherlich überall. Aber da brauchen wir jetzt nicht rummotschgern anfangen."

Wie hört es sich an, wenn Svindal so lobende Worte über Sie findet? "Cool. Aksel ist ein großes Vorbild. Wenn man am Podium ist und nur 13/100 hinter ihm und er sagt, er hat einen der schönsten Siege seiner Karriere gefeiert, dann stimmt dich das natürlich sehr positiv. Jetzt war ich einmal dabei, natürlich möchte ich das noch öfters erleben. Von den ganz Großen bin ich noch weit weg, aber es ist sicher ein guter Anfang, in Kitzbühel auf das Podest zu kommen."

Sie haben infolge einer reaktiven Arthritis vergangenen Frühling und Sommer von 87 auf 73 Kilogramm abgenommen und sind erst im November wieder voll ins Training eingestiegen. Haben Sie schon wieder alles aufgeholt? "Ganz mein normales Gewicht habe ich noch nicht, aber ich bin voll zufrieden, ich glaube nicht, dass ich noch was ändern werde. Ich habe vor allem durch die Medikamente das Gewicht verloren - fünf Infusionen am Tag drei Wochen durchgehend. Das reicht. Jetzt habe ich wieder eine ganz normale Sportlerernährung."

Was trauen Sie sich in der Abfahrt zu? "Im Training war ich voll zufrieden, aber auf ein Podium bin ich nicht aus. Aber einen Top-15, Top-10-Platz möchte ich auf jeden Fall erreichen. 120 Prozent werde ich nicht geben, denn das kann ein schlimmes Ende nehmen. Es wird sehr schlagig. Ruhigbleiben, nichts riskieren, aber hart pushen."

Matthias Mayer

Matthias Mayer wurde am 9. Juni 1990 geboren und lebt in Afritz am See in Kärnten. Im Jahr 2009 maturierte Mayer am Sport-BORG in Spittal an der Drau.

In der Saison 2006/07 wurde er in den ÖSV-Nachwuchskader aufgenommen, nach der Saison 2007/08 stieg er in den B-Kader des ÖSV auf. Bei der Juniorenweltmeisterschaft 2008 machte der Kärntner erstmals international auf sich aufmerksam, als er bei der Junioren-WM Silber im Super-G gewann.

Am 13. Februar 2009 stand Mayer als Dritter des Super-Gs von Sarntal/Reinswald zum ersten Mal im Europacup auf dem Podest und startete eine Woche später bei der Super-Kombination in Sestriere erstmals im Weltcup.

Der erste Sieg im Europacup gelang Mayer Anfang 2011 beim Super-G in Méribel. Zwei Wochen später holte er seine ersten Weltcuppunkte – den Super-G von Hinterstoder beendete er als 23.. Im selben Jahr stieg er in den A-Kader des ÖSV auf.

Die erste volle Weltcup-Saison absolvierte er im Winter 2011/12 und konnte drei Top-Ten-Ergebnisse im Super-G einfahren. In der Super-G-Spezialwertung beendete er die Saison auf dem 13. Platz und wurde in die Nationalmannschaft des österreichischen Ski-Verbandes aufgenommen. Am 25. Jänner 2013 fuhr er mit Platz zwei im Super-G von Kitzbühel erstmals im Weltcup auf das Podest.

Kitzbüheler Testpiloten

Geh leck!" Christian Höhenwarter erinnert sich noch gut an seine Begrüßungsworte an die Streif. Als der Salzburger 2010 das erste Mal vorsichtig aus dem Starthaus lugte und freie Sicht auf die Mausefalle hatte (mit 85 Prozent Neigung die steilste Stelle des Ski-Weltcups), da verließ den selbsternannten Draufgänger ("ich war immer auf der verrückten Seite") dann doch der Mut. "Wie ich da oben gestanden bin, habe ich nur gedacht: ‚Geh leck, wie willst du da runterfahren?‘"

Drei Jahre später kann Höhenwarter über seine Berührungsängste schon wieder schmunzeln, heute verbindet der 34-Jährige mit Mausefalle und Steilhang Pistenspaß, heute ist Höhenwarter einer der routiniertesten Vorläufer in Kitz’ und der Streifzug im Renntempo fast schon Ski-Business as usual. "Aber an die Streif kann man sich sowieso nie gewöhnen. Man muss ihr immer Respekt entgegenbringen."

Knochenjob

Höhenwarter ist einer von elf Vorläufern, die auf der Streif für die Stars den Ernstfall üben sollen. Als ehemaliger Testläufer von Atomic beherrscht er das Ski-Einmaleins so perfekt, dass er sofort in das Team der Vorläufer aufgenommen wurde. Einige seiner erfahrenen Kollegen hatten sich einem Casting stellen müssen, das der Kitzbüheler Skiclub vor Jahren veranstaltet hatte.

Denn nicht jeder Otto-Normalskifahrer, der sich für einen halben Rennläufer hält, taugt auch zum Vorläufer. Die Vorgaben an die Herren sind gleichermaßen klar wie streng. "Wir sollen eine vernünftige, kontrollierte Fahrt hinlegen, nicht vor der Mausefalle bremsen oder die Ski querstellen, und zu langsam sollten wir natürlich auch nicht sein", berichtet Christian Höhenwarter.

Der Pongauer, der im Anzug des ehemaligen schwedischen Rennläufers Patrik Järbyn daherkommt und am Freitag mit einer speziellen Helm-Kamera unterwegs ist, verliert im Schnitt zwischen acht und zwölf Sekunden auf die Bestzeit. Im ersten Trainingslauf am Dienstag war laut der internen Zeitmessung der flotteste Vorläufer sogar schneller als der langsamste Rennläufer.

Ehrenamt

Doch die Zeit ist nebensächlich. Was wirklich zählt, sind die Eindrücke, die Höhenwarter und seine Kollegen während der Fahrt sammeln. Deshalb geht der erste Weg im Ziel zum Rennleiter. "Die bekommen von uns immer ein Feedback von der Strecke", erklärt er.

Für ihre wichtige Mission erhalten die Vorläufer in Kitzbühel lediglich Kost und Logis. Der Hochrisiko-Job ist ein Ehrenamt. "Wer kann schon sagen, dass er im Renntempo die Streif runtergefahren ist", fragt Höhenwarter.

Wie groß Herausforderung und Überwindung tatsächlich sind, zeigte ein ehemaliger Hahnenkamm-Sieger. Daron Rahlves, der amerikanische Abfahrtsgewinner von 2003, feierte ein Comeback auf der Streif. Rahlves, 39, versuchte sich als Vorläufer und war nur fünf Sekunden langsamer als der Trainingsschnellste Klaus Kröll. "Es war mental eine harte Geschichte, mich darauf vorzubereiten", erzählt Rahlves, "aber am Ende war es wunderbar."

Super G in Kitzbühel

Name Land Zeit
1. Aksel Lund Svindal (NOR) 01:14,5
2. Matthias Mayer (AUT) 0,13
3. Christof Innerhofer (ITA) 0,40
4. Kjetil Jansrud (NOR) 0,64
5. Erik Guay (CAN) 0,70
6. Ted Ligety (USA) 0,83
7. Peter Fill (ITA) 0,98
. Adrien Theaux (FRA) 0,98
. Johan Clarey (FRA) 0,98
10. Siegmar Klotz (ITA) 1,04
11. Georg Streitberger (AUT) 1,05
12. Romed Baumann (AUT) 1,06
13. Alexis Pinturault (FRA) 1,08
14. Hannes Reichelt (AUT) 1,09
15. Jan Hudec (CAN) 1,17
16. Klaus Kröll (AUT) 1,20
17. Werner Heel (ITA) 1,41
18. David Poisson (FRA) 1,49
19. Andreas Romar (FIN) 1,53
20. Thomas Mermillod Blondin (FRA) 1,66
21. Joachim Puchner (AUT) 1,73
22. Manuel Osborne-Paradis (CAN) 1,76
23. Florian Scheiber (AUT) 1,79
24. Ivica Kostelic (CRO) 1,82
25. Benjamin Raich (AUT) 1,84
26. Gauthier De Tessieres (FRA) 1,90
. Steven Nyman (USA) 1,90
28. Benjamin Thomsen (CAN) 1,94
29. Sandro Viletta (SUI) 1,97
30. Patrick Küng (SUI) 2,00