Nachdenklich bis heiter: Mikaela Shiffrin im Herbst 2021 (Archivbild)

© APA/AFP/JEFF PACHOUD

Interview
10/08/2021

Mikaela Shiffrin: "Ich habe noch Tage, an denen ich kämpfen muss"

Die erfolgreichste Skifahrerin der Gegenwart ist zurück in Europa. Ein Gespräch über ihre privaten Schicksalsschläge, Gitarrenstunden und die Stärke von Katharina Liensberger.

von Stefan Sigwarth

"She’s the real deal", weiß der KURIER seit dem 3. Jänner 2012 über Mikaela Shiffrin. Ron LeMaster, Computerwissenschaftler, Fotograf, Kameramann, Autor und Ski-Analyst für US-Ski- und Skilehrerverband, klärte am Vorabend des Slaloms in Zagreb auf, dass diese 16-Jährige aus Colorado die Frau der Zukunft sei. Da hatte sie gerade ihren ersten Podestplatz im Weltcup geholt, als Dritte des Slaloms von Lienz.

69 Weltcupsiege später ist "the real deal" wieder in Europa. Die "brutale" Zeit seit November 2019 hat sie inzwischen verarbeitet. Der Tod ihrer geliebten Großmutter Pauline und mehr noch jener von Vater Jeff im Februar 2020 hatten Mikaela Shiffrin schwer zugesetzt. "Im letzten Sommer war an eine Vorbereitung kaum zu denken. Ich war vor allem mit Büroarbeiten beschäftigt und musste schauen, wie ich das Training noch unterbringe."

Nun ist zwar noch nicht alles wieder gut, aber die Beziehung zum Norweger Aleksander Aamodt Kilde und der zeitliche Abstand zu den Schicksalsschlägen haben Mikaela Shiffrin neue Kraft gegeben. Dass sie ihre Beziehung selbst publik gemacht haben, hat einen einfachen Grund: „Die Fragen wären ja sowieso gekommen. Wir haben nicht viel zu verstecken, und so ist das Ganze für uns leichter zu kontrollieren", sagt Aleksander Aamodt Kilde. "Wir sind einfach, wer wir sind."

"Heute ist mein erster Tag in Europa", sagt Mikaela Shiffrin am Donnerstagnachmittag beim traditionellen Medientag ihres Ausrüsters Atomic in Altenmarkt, und da drängt sich eine Frage auf.

Wie war Ihr Kaffee?
 
Oh, gut war er (lacht).  Normalerweise trinke ich ja keinen, aber wenn ich wie im August im Trainingslager in Saas Fee um vier Uhr in der Früh aufstehen muss, dann geht es nicht ohne. Und heute spüre ich noch ein wenig den Jetlag. Also Kaffee.
 
Nach dem so schwierigen Sommer 2020 haben Sie heuer wieder mehr Zeit für das Basistraining im Sommer gehabt. Wo stehen Sie?
 
Das ist schwer zu vergleichen mit der Vergangenheit. Aber ich fühle mich stärker und stabiler in der ganzen Bewegung. Ich konnte wieder Feuer ins Work-out bringen und habe acht, neun Wochen in der Kraftkammer verbracht. Letztes Jahr musste ich viele Dinge erledigen, die ich nie zuvor gemacht hatte. Heuer hatte der Sport wieder Priorität, und die Athletin in mir fühlt sich wieder viel besser.
 
Angesichts der Umstände waren Sie ohne Erwartungen in den letzten Winter gegangen. Bei der WM in Cortina haben Sie dann in vier Rennen vier Medaillen geholt.
 
Das ist das Problem mit den Erwartungen: Du kannst immer auf mehr hoffen, aber du kannst dich nicht auf deine Vergangenheit und deine Geschichte allein verlassen. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder ein Rennen gewinnen würde, dann musste ich den Saisonstart in Sölden auch noch wegen Rückenproblemen auslassen. Es war schwierig, das alles geordnet zu bekommen. Und dann wurde es doch eine spektakuläre Saison. Ich habe immer noch Tage, an denen ich kämpfen muss. Aber es gibt immer mehr Momente voller Motivation, Freude und Vorfreude.

Was zu einem Gutteil auch an der Zeit mit Aleksander Aamodt Kilde liegt. Haben Sie ihm eigentlich schon Gitarrenstunden gegeben?

Er kann ein Lied der Band Green Day spielen, aber nicht viel mehr (lacht). Ich habe ihm sogar meine kleine Gitarre gegeben, die ich sonst immer dabei habe, wenn ich auf Reisen bin. Aber er kommt halt nicht oft zum Üben, das Training für den Winter geht vor. Gerade auch, weil er ja den Aufbau nach seinem Kreuzbandriss zu absolvieren hatte.

Er hat eine Wohnung in Innsbruck. Wäre das auch für Sie eine Möglichkeit, sich ein fixes Winterquartier in Mitteleuropa zuzulegen?
 
Ich habe darüber nachgedacht. Aber ich finde es besser, wenn ich nicht so gebunden bin. So kann ich in der Nähe der Rennorte trainieren und dorthin gehen, wo die Bedingungen am besten sind. Außerdem haben wir einige Hotels, wo wir mittlerweile fast schon zur Familie gehören. Dort können wir Wäsche waschen, sie tun so viel für uns. Das müssten sie nicht, es ist unglaublich – wie ein zweites Zuhause.

Das Reisen, ein Fluch im alpinen Skizirkus?
 
Ich reise gern, aber es ist frustrierend, wie wir reisen. Wir lernen die Orte nicht kennen, es ist nur Training, Rennen, Hotel, Essen. Ich würde lieber einmal abends um zehn in das nette Restaurant gehen, das uns die Einheimischen so empfohlen haben. Die Kultur kennenlernen, die Art, wie die Menschen leben, wie dort gekocht wird. Aber das ist dann eher etwas für Zeit neben der Saison oder nach der Karriere.
Katharina Liensberger hat Sie als Slalom-Weltmeisterin abgelöst – nach acht Jahren im Amt. Wo hat sie Vorteile Ihnen gegenüber?
 
Sie war die Stabilste über die gesamte Saison gesehen. Sie hat eine richtig gute Balance, sie ist schnell und scheut sich nicht, ans Limit zu gehen. Und: Sie macht nie einen Fehler, der sie Tempo kostet – es ist das perfekte Paket.

Während Sie ja vor allem am Start – sagen wir – noch Potenzial für mehr haben.

Oh, am Anfang meiner Karriere war ich noch viel verschlafener (lacht). Aber es stimmt schon. Und ich arbeite ja auch daran. Ich will halt in den Groove kommen und erst meinen Rhythmus finden, das geht für mich nur schwer beim ersten Schwung. Aber ich schaue mir natürlich die anderen an.

Alles bereit für den Saisonstart in Sölden in zwei Wochen also?
 
Ich fühle mich nicht bereit für Sölden, aber das geht wohl allen so. Aber ich spüre die Anspannung steigen.

Mikaela Shiffrin, geboren am 13. März 1995, stammt aus Vail im US-Bundesstaat Colorado und besuchte wie ihr um zwei Jahre älterer Bruder Taylor die Burke Mountain Academy in Vermont.

Schon früh zeichnete sich ihr Talent ab, das sie bis heute zu 69 Weltcupsiegen geführt hat. Vor ihr liegen nur noch der Schwede Ingemar Stenmark (86) und ihre Landsfrau Lindsey Vonn (82).

Gesamtweltcupsiege: 3 (2017 bis 2019)
Slalom-Weltcup: 6 (2013 bis 2015 und 2017 bis 2019)
Riesenslalom-Weltcup: 1 (2019)
Super-G-Weltcup: 1 (2019)

Olympia: Slalom-Gold 2014, Riesenslalom-Gold 2018, Kombi-Silber 2018
WM: Slalom-Gold 2013, 2015, 2017, 2019, -Bronze 2021, Riesenslalom-Silber 2017, -Bronze 2019, -Silber 2021, Super-G-Gold 2019, -Bronze 2021, Kombi-Gold 2021

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