Marcel Hirscher

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Interview
08/24/2014

Marcel Hirscher zwischen Feuer und Eis

Der weltbeste Skirennläufer ortet irritierende Spuren im Schnee von morgen.

von Wolfgang Winheim

MünchenRomBuenos AiresUshuaia. Marcel Hirscher, 25, ist seit Freitag Abend zum südlichsten Zipfel Südamerikas unterwegs. Auf Feuerland sind 19 Tage Schneetraining geplant. Nach der Rückkehr des Salzburgers ist im Skizirkus vermutlich wieder einmal Feuer am Dach. Offen sprach der Gesamtweltcup-Sieger vor dem Abflug im KURIER-Interview über Gerüchte, Geld und Ungerechtigkeiten.

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Marcel Hirscher:
Mit Ausnahme vom Tauchurlaub auf den Malediven habe ich keinen einzigen Tag ohne Sport verbracht. Aber ich tu’ mir nicht leid.

Haben Sie Angst vor den Haien?
Am Anfang war’s eine Riesen-Überwindung, wenn so zwei Meter-Viecher einen halben Meter vor mir vorbeigeschwommen sind. Wer mich kennt, der weiß, wie scheu ich bei solchen Fischen bin. Ich bin auf der Alm aufgewachsen. Wenn eine Gams vor mir steht, weiß ich, was ich zu tun hab.

Haben Sie nach der Rückkehr von den Malediven nur noch in der Kraftkammer übernachtet oder täuscht der optische Eindruck?
Du musst dich immer weiterentwickeln. Aber Kraft kann man sich auch auf andere Art holen. Zum Beispiel beim Motocross. Für mich ist das eine Kombination aus Spaß und Training. Jeder der schon einmal auf der Maschin’ gesessen ist, weiß, wie brutal das sein kann. Da braucht man sich den Trainingseffekt nicht ausrechnen. Den spürt man.

Ihr Vater hat Mathias Walkner im Vorjahr zum Motocross-Weltmeister gemacht. Zuletzt hörte man wenig von Walkner.
Er ist etwas verletzt. Er wird aber ziemlich sicher die Paris-Dakar-Rallye fahren.

Facebook-Bilder lassen darauf schließen, dass Sie neuerdings auch über den Wolfgangsee schreiten. Oder handelte es sich um eine Fotomontage?
Ich hatte mit dem Seiltanzen schon komplett aufgehört. Bis ich von Burschen erfuhr, die auf 350 Meter langen Slacklines gehen. Dann haben wir das auch probiert. 30, 35 Meter über dem Wasser – also davon hab ich einen ganzen schiachen Muskelkater bekommen. Durch die Spiegelung des Wassers und die kleinen Wellen hat man keine Fixpunkte. Das strengt brutal an.

Warum sind Sie im Gegensatz zu Ihren Konkurrenten seit Monaten nicht mehr auf Skiern gestanden?
Klingt zwar spannend. In Wirklichkeit habe ich heuer mein Schneeprogramm nur anders verteilt und gleich 14 Tage nach der Saison ein intensives Skitraining angehängt. Das hatte ich in den letzten Jahren nicht gemacht. Da bin ich nach dem Weltcupfinale so fertig gewesen, dass ich mich gleich ins Bett gelegt habe. Heuer war ich viel besser beinand.

War die vergangene Saison Ihre beste?
Definitiv. Auch wenn das Kritiker anders sehen. Ich kenn’ schon die Mechanismen. Wenn ich heuer nix derfahren hätt’, wäre das Echo sicher größer gewesen. Für die Medien war mein erster Weltcupgesamtsieg der größte. Der zweite war auch noch cool. Und zuletzt der dritte, der war halt, naja, eh ganz nett. Dabei wird’s von Jahr zu Jahr schwieriger. Aber ich find’s toll, dass so gute Junge nachdrängen und Kristoffersen so super fährt.

Wie viele Paar Skier nehmen Sie nach Feuerland mit?
Sicher nicht zu wenig. Mein Servicemann Edi Unterberger und ich sind mit 700 Kilo unterwegs. Das sind natürlich diverse Maschinen auch dabei. Und 25 Paar Riesenslalom-Skier. Und 25 für den Slalom. Und fünf Paar für den Super-G.

Super-G? Gibt’s in Ushuaia überhaupt so lange Hänge, die ein Speed-Training ermöglichen?
Durchaus. Einen Tag will ich hier auch mit Matthias Mayer fahren.

Werden Sie im WM-Winter öfter als bisher in Speed-Bewerben zu sehen sein?
Nein. Nur wenn es Sinn ergibt. Wie zum Beispiel in Kitzbühel, wo der Super-G an eine Super-Kombination geknüpft ist.

Im Riesenslalom gab es vor zwei Jahren gravierende Material-Reformen. Sind erneut welche zu erwarten?
Ich hoffe nicht. Obwohl ich hörte, dass der neue Weltcup-Direktor, ein Herr Markus soundso, jetzt schon gemeint hat, dass die Riesentorläufe wieder weiter und schneller, also mehr in der Falllinie gesetzt werden. Das wäre der größte Irrsinn überhaupt. Dann hätten wir die verdammt beschissene Materialänderung nicht haben müssen, wenn wieder alles umgedreht wird.

Was steckt dahinter?
Weil viele gejammert haben, dass sie Riesenslalom nicht derfahren. Fehlt nur noch, dass die Slalom-Skier, wie auch schon herumgeredet wird, um zehn Zentimeter auf die Mindestlänge von 1,75 Meter erhöht werden. Aber wenn’s so kommt, würgt man das moderne Slalomfahren ab. Dann ist alles wieder so wie vor zehn Jahren.

Wären Sie Funktionär, was könnte man von Ihnen erwarten?
Mehr Individualismus und mehr Show würde ich zulassen. Um die jungen Leut’ anzusprechen. Aber grundsätzlich funktioniert das gegenwärtige Format. Abgesehen von der Bezahlung. Es ist lächerlich, wenn der Weltcupsieger 25.000 Euro kriegt. Und man mit an Würstlstand beim Weltcup das Fünffache verdienen kann. Da gehört a Hunderter her.

Fühlen Sie sich unterbezahlt?
Ich? Keinesfalls. Doch es hat nicht jeder Rennläufer das Privileg wie ich, dass er so viele treue Partner hinter sich weiß. Einer , der unter die Top 30 der Welt fährt, soll zumindest so viel verdienen, dass er ein geregeltes Einkommen hat und sich nicht am Saisonende Geld vom Vater ausborgen muss – was teilweise passiert. Wenn Rennfahrer mit 30 aufhören, dann sind es nur zwei, drei Prozent, die vom bis dahin Aufgebauten leben können.

Schielen Skirennfahrer neidig auf die Golfprofis?
Ich zieh’ meinen Hut vor Bernd Wiesberger. Aber er kriegt halt als 18. eine hohe Hundertersumme und der Gewinner 1,8 Millionen. Das ist eben Golf. Und das ist – so realistisch bin ich – eben viel, viel, mehr als Skifahren. Ich will gar keine 1,8 Millionen. Aber bei 1,8 Millionen zu 25.000? Da stimmen die Relationen nicht. Da darf sich niemand wundern, dass dem Skirennsport in Nordamerika der Stellenwert fehlt, wenn er sich so unter Wert verkauft.

Sie sind nicht zum ersten Mal in Ushuaia. Können Sie Feuerland als Urlaubsziel empfehlen?
Niemals. Grauslich, net sauber. Auch merkt man den Menschen an, dass man sich am Ende der Welt befindet. Sie wirken demotiviert, ohne Perspektiven.

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