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Sport Wintersport
01/06/2019

Heinz Kuttin soll China auf die Sprünge helfen

China macht sich für die Olympischen Heimspiele winterfit. Der ehemalige ÖSV-Chefcoach verleiht den Frauen Flügel.

von Christoph Geiler

Als Heinz Kuttin nach der vergangenen Saison sein Amt als ÖSV-Chefcoach niederlegte, hätte er nicht gedacht, dass er wenige Wochen später schon wieder an der Schanze stehen würde. Die heftige Kritik nach den schwachen österreichischen Leistungen im Olympia-Winter (kein Weltcupsieg, keine Medaille) hatte dem Kärntner arg zugesetzt. Am Ende war Kuttin richtiggehend „erleichtert“ über die vorzeitige Vertragsauflösung. „Es hat mich innerlich aufgefressen.“

Da, wo er jetzt arbeitet, werden ihm genug Respekt und Vertrauen entgegengebracht. Heinz Kuttin ist der Auserwählte, der den Chinesinnen das Fliegen beibringen soll. Am besten so schnell wie möglich. „China will 2022 bei den Olympischen Spielen in Peking ein Frauen-Skisprungteam stellen“, erklärt Kuttin. „Und die wollen auch Ergebnisse sehen.“

Ostwind

Es ist im Wintersport seit einiger Zeit ein kräftiger Ostwind zu spüren. Chinas Beitrag zu Winterspielen hatte sich in der Vergangenheit zumeist auf die Eisbewerbe beschränkt. Die Großveranstaltung im eigenen Land veranlasst die Chinesen nun auch in anderen, bislang vernachlässigten Disziplinen zu enormen Kraftanstrengungen.

Trainer aus Europa werden abgeworben, Experten angeheuert, Sportstätten aus dem Boden gestampft, Athleten um die halbe Welt geschickt – China will sich in drei Jahren keine sportliche Blöße geben. Staatspräsident Xi Jinping höchstpersönlich hat seinem Volk den Wintersport ans Herz gelegt. Bis ins Jahr 2030, so der ambitionierte Plan, sollen 300 Millionen Chinesen das Skifahren erlernen.

Zweiter Anlauf

Auch im Skispringen werden plötzlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um bereits bei den Winterspielen in Peking gute Haltungsnoten zu bekommen. Dass die Nationen, mit denen Chinas Springer auf der Schanze konkurrieren, einen jahrzehntelangen Wissensvorsprung haben, scheint dabei egal zu sein.

Der ehemalige österreichische Cheftrainer Mika Kojonkoski hat seit Herbst in Kuopio (FIN) 30 junge Chinesen zusammengezogen, denen er bis Olympia auf die Sprünge helfen soll. Es ist bereits der zweite Anlauf, den China unternimmt, um im Skisprungsport Fuß zu fassen. Von 2003 bis 2006 hatte der frühere ÖSV-Chefcoach Heinz Koch Entwicklungshilfe in Sachen V-Stil und Telemark betrieben, die Erfolge blieben genauso aus wie am Ende das Geld.

Neuland

Über mangelnde Unterstützung kann sich Heinz Kuttin jedenfalls nicht beklagen: Wenn’s um Olympia geht, dann wird das Reich der Mitte zum Reich der Mittel. Als Mastermind des chinesischen Damen-Skispringens hat der Kärntner inzwischen ein großes Team um sich geschart. Arzt, Servicemann, Physiotherapeut, Dolmetscher, Assistenten, es fehlt eigentlich an nichts – außer am notwendigen Skisprung-Fachwissen.

„Wir sind gerade dabei, eine Sportart komplett neu aufzubauen“, sagt Kuttin. Ihn Trainer zu nennen, würde seiner Tätigkeit nicht annähernd gerecht werden. Der 48-Jährige müsste sich eigentlich klonen lassen, um sämtliche Aufgaben erfüllen zu können. „Ich mach’ die komplette Bandbreite.“ Er organisiert die Reisen, kümmert sich um die Visa der Springerinnen, checkt das Material, schreibt Trainingspläne, schult die chinesischen Betreuer. „Viele haben keine Ahnung vom Skispringen. Das ist für die Neuland.“

Heimvorteil

Der Kärntner hat sich auf den Sprungschanzen in Villach und Planica (SLO) einen Stützpunkt eingerichtet. In ganz China finden sich im Moment nur zwei Schanzenanlagen, die obendrein in die Jahre gekommen sind. Also hat Kuttin sein Damen-Team in Kärnten stationiert, meistens bleiben die acht Springerinnen im Alter zwischen 13 und 24 Jahren gleich für mehrere Wochen dort.

Kuttin ist aber bereits aufgefallen, „dass die Springerinnen immer mehr Energie haben, wenn sie wieder einmal einige Tage daheim in China waren. Zwei Monate am Stück in Europa zu sein, das ist nicht einfach für sie. Aber für uns wäre es wahrscheinlich auch nicht leicht, wenn wir zwei Monate in China verbringen müssten.“

Casting-Show

Der Kärntner war inzwischen schon mehrmals im Land seines Arbeitgebers. Im Frühjahr zur Präsentation seines Strategieplans, im Herbst zu einem groß angelegten Athleten-Casting. „Die Chinesen nennen das Selektion.“

Dabei laden die Sportverbände aus dem ganzen Land Schüler ein und testen sie auf ihre Tauglichkeit. Danach wird entschieden, für welche Sparte sie in Frage kommen. „Ich habe gesagt, ich bräuchte Leute mit Sprungkraft“, erzählt Kuttin. Nicht alle Kandidaten hatten dann auch tatsächlich das Zeug zum Skispringer. „Da waren welche mit 100 Kilo dabei, die waren natürlich nichts für mich.“

Wintersport-ABC

Am Ende der Tests machte der Österreicher bei sechs hoffnungsvollen Sportlern „ein Hakerl“, im Idealfall sollen diese jungen Chinesen in einigen Jahren über Sprungschanzen fliegen. Vorerst sind sie noch mit dem Wintersport-ABC beschäftigt. Kuttin schickte die gecasteten Sportler zunächst in die Skihalle und ließ sie auf Langlaufskiern die Piste herunterfahren. „Damit sie ein Gefühl für den Schnee und die Skier bekommen.“

Achtungserfolge

Der 48-Jährige ist sich der Schwierigkeit seiner Mission bewusst. „Skispringen musst du mit 8 Jahren beginnen und nicht erst mit 14. Außerdem muss man schon einige Jahre investieren, um wirklich ein System aufzubauen.“

Immerhin konnte Kuttin in seiner noch kurzen Amtszeit bereits einige Achtungserfolge verbuchen. Chang Xinyue landete im Sommer-Grand-Prix schon einmal auf Rang elf, Li Xueyao war in diesem Winter bereits zwei Mal in den Punkterängen. „Sie sind extrem lernwillig und saugen alles auf“, erklärt Kuttin. Die Kommunikation mit den Athleten gestaltet sich mitunter schwierig, wegen der Sprachbarriere arbeitet der Kärntner fast nur mit Videos. „Das hilft ihnen mehr als jede Erklärung.“

Bereits in naher Zukunft wird Kuttin mit seinen Springerinnen häufiger in Asien sein. Ein Skisprung-Trainingszentrum mit zahlreichen Schanzen ist im Entstehen, auch die Olympia-Bakken sollen schon bald sprungfertig sein. „Man spürt, dass China im Skispringen wirklich etwas bewegen will.“

Manchmal ist die Unterstützung auch einfach nur gut gemeint. Er könne mit den Springerinnen gerne in China im Windkanal testen, wurde Kuttin mitgeteilt. „Was die Aerodynamik betrifft, sind die dort auch super drauf. Aber sie haben halt leider keine Erfahrung mit Skispringern“, sagt Kuttin. Die Tests führte er dann im Windkanal in Stockholm durch.

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