Hans Grugger kehrt regelmäßig an die Mausefalle zurück, wo er 2011 schwer stürzte.

© APA/HANS KLAUS TECHT

Sport Wintersport
01/21/2020

Hans Grugger: "Dankbar, dass ich ein normales Leben führen darf"

Vor 9 Jahren stürzte der Abfahrer auf der Streif ins Koma. Wie geht’s ihm heute? Wie hat der Sturz sein Leben verändert?

von Christoph Geiler

Man möchte eigentlich meinen, dass Hans Grugger einen weiten Bogen um Kitzbühel macht. Nach allem, was ihm dort widerfahren ist. Ein fataler Sturz an der Mausefalle hätte den Abfahrer 2011 beinahe das Leben gekostet. Wochenlang lag er im Koma, es dauerte Monate, bis sich der Salzburger wieder ins Leben zurückgekämpft hatte.

Trotzdem käme es Hans Grugger nie in den Sinn, auch nur ein schlechtes Wort über Kitzbühel zu verlieren. Regelmäßig kehrt er an die Stelle zurück, die seine Karriere so jäh beendet hatte.

Heute wird der 38-Jährige mit Bekannten wieder über die Streif fahren, fast auf den Tag genau neun Jahre nach seinem folgenschweren Unfall. Und er wird, wie jedes Jahr, seinen Ersthelfern einen Besuch abstatten. „Der 20. Jänner ist für mich nicht negativ besetzt“, sagt Grugger, der im November sein Geografie- und Sportstudium abgeschlossen hat und ab Herbst als AHS-Lehrer arbeiten will.

Was löst der Jahrestag bei Ihnen aus?

Der 20. Jänner ist für mich schon ein besonderer Tag. Weil dieser Tag und dieser Sturz einiges in meinem Leben verändert haben. Aber ganz ehrlich: Ich blicke heute sehr dankbar auf diesen Tag zurück.

Inwiefern dankbar?Ich bin einfach nur dankbar, dass alles so schön ausgegangen ist. Dankbar, dass dieser Sturz in Kitzbühel passiert ist und nicht auf einer anderen Strecke, wo die Rettungskette möglicherweise nicht so perfekt funktioniert hätte. Ich verbinde mit diesem Tag absolut nichts Schlechtes und bin auch in keiner Weise böse. Ich bin nur dankbar und glücklich, dass ich heute ein normales Leben führen darf.

Werden Sie an diesem Tag denn sentimental?

Wenn ich jetzt nur an den 20. Jänner 2011 denke, dann überhaupt nicht. Mir fehlt da einfach komplett die Erinnerung. Bei mir hat’s fünf, sechs Wochen gelöscht, ich erinnere mich dann erst wieder an die Therapie in Hochzirl. Genau das, was dort passiert ist, berührt mich aber heute noch immer extrem. Dort ist mir auch klar geworden, welches Glück ich eigentlich hatte.

Wie meinen Sie das?Bei der Therapie in Hochzirl waren auch Leute, die nur den kleinen Finger bewegen konnten. Wo die Ärzte und die Angehörigen schon happy sind, wenn ein zweiter Finger dazukommt. Und ich bin nach vier Wochen wieder als relativ Gesunder aus dem Krankenhaus gegangen.

Wie geht’s Ihnen eigentlich dabei, wenn Sie heute Ihren Sturz sehen?

Auch wenn sich das jetzt vielleicht etwas komisch anhört: Ich habe keinen persönlichen Bezug zu diesem Sturz.

Das klingt wirklich komisch.

Schon wie ich das erste Mal das Video gesehen habe, habe ich keinen Zusammenhang zu mir hergestellt. Ich weiß zwar, dass ich es bin, der da stürzt und liegt, aber das Einzige, was ich sehe, ist, dass derjenige, der da gestürzt ist, heute gesund ist. Und nur das zählt.

Apropos gesund: Spüren Sie denn noch irgendwelche Nachwirkungen im Alltag?Ich kann ehrlicherweise nicht sagen, ob die Probleme ganz verschwunden sind. Auf alle Fälle habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich sehr gut damit umgehen kann. Ich merke schon, dass es für den Körper anstrengend ist, wenn ich Stress habe. Wie zum Beispiel im Herbst, wo ich meine Master-Arbeit geschrieben habe, Prüfungen hatte und zur gleichen Zeit unser Sohn auf die Welt gekommen ist. Das spüre ich dann schon. Aber wer weiß, ob das überhaupt mit dem Sturz zusammenhängen muss?

Stört es Sie, dass der Name Hans Grugger heute in erster Linie mit dem Sturz auf der Streif in Verbindung gebracht wird und nicht mit Ihren vier Weltcupsiegen?

Offenbar war ich zu wenig erfolgreich. Sonst hätte man mich heute anders in Erinnerung und würde nicht nur über den Sturz reden. Natürlich wäre es mir lieber, wenn sie sagen würden: „Der Hans Grugger, das ist der ehemalige Weltmeister.“ Es stört mich jetzt nicht, dieser Sturz ist halt Teil meiner Geschichte. Ich kann damit gut leben. Aber es ist dann schon auch wieder cool, wenn ich Leute triff, die mich auf meine vier Siege ansprechen.

Wie wird das wohl bei Ihren künftigen Schülern sein?

Meine Kollegen beim Studium haben schon noch gewusst, wer ich bin. Interessanter wird’s, wenn ich unterrichte. Ich glaube, da kennen mich nur mehr die Eltern.

Abschließend: Wie intensiv verfolgen Sie den Weltcup?

Wenn sich’s ausgeht, schauen wir uns schon die Rennen an. Manchmal bin ich richtig erschrocken, wenn ich die Abfahrer sehe. Die fahren alle wie die Henker, dann denke ich mir: „Das sind alles Gestörte, alles Verrückte.“ Ich kann mir heute nicht vorstellen, dass ich auch einmal so unterwegs war.

Wenn Mario Mittermayer-Weinhandl von seinem „Baby“ spricht, dann gerät er regelrecht ins Schwärmen. „Knackig“ präsentiere sich heuer die Streif, versichert der Rennleiter der Hahnenkammabfahrt, „kompakt“, sei die Piste und überhaupt  wäre anlässlich des 80-Jahr-Jubiläums des Klassikers in Kitzbühel alles „supertoll.“

Für Mittwoch ist der erste von zwei Trainingsläufen  auf der Streif geplant, schon da werden mehr Zuschauer im Ziel sein als bei manchen Weltcuprennen. Über das gesamte Rennwochenende hoffen die Kitzbüheler auf 80.000 Besucher und mehr. Und der ORF auf ähnlich gute Quoten wie zuletzt in Wengen. Dort hatte die Lauberhornabfahrt immerhin die Millionen-Zuseher-Marke geknackt.

Bereits am vergangenen Wochenende fanden rund um Kitzbühel erste Rennen statt. Dabei konnte Stefan Brennsteiner Selbstvertrauen tanken. Der Pinzgauer gewann zwei hochkarätig besetzte FIS-Riesentorläufe in Kirchberg und ließ dabei unter anderem den deutschen Weltcupsieger Stefan Luitz und seinen Mannschaftskollegen Roland Leitinger hinter sich.

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