Grugger besuchte Mausefalle

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Die Rückkehr auf die Streif beschreibt Hans Grugger als "sehr emotional".

Hans Grugger hat am Mittwoch "ein Hakerl" in der Aufarbeitung seines Horrorcrashs gemacht. Der frühere Skirennläufer ist zusammen mit Freundin Ingrid Rumpfhuber über die Streif gefahren und gerutscht, hat bei der Mausefalle inne gehalten, Emotionen durchlebt, aber keinen Schlussstrich gezogen. "Der Unfall wird für mich nie ganz abgeschlossen sein. Es ist auch nicht mein Ziel, das ganz zu verdrängen. Es ist einfach passiert, ich habe nach wie vor einige Probleme damit. Es begleitet mich", sagte der Salzburger.

Grugger war am 20. Jänner 2011 im Abfahrtstraining bei der Landung nach dem Mausefalle-Sprung zu Sturz gekommen und musste aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen notoperiert werden. Mitte Februar wurde er von der Intensivstation verlegt, Mitte März aus dem Spital entlassen. Am 12. Oktober 2011 und damit 265 Tage nach seinem Horrorsturz stand Grugger erstmals wieder auf Skiern, am 24. April 2012 beendete er offiziell seine Karriere.

Hans Grugger mit Freundin Ingrid Rumpfhuber
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Während der vielen schwierigen Monate stets an seiner Seite war Freundin Ingrid Rumpfhuber. So auch am Mittwoch bei der offiziellen Renn-Besichtigung für die Hahnenkamm-Abfahrt. "Das heute war emotional, aber ich habe schon Schlimmeres in meinem Leben erlebt", sagte Grugger. Er wollte schon letztes Jahr kommen, habe sich psychisch aber nicht bereit dazu gefühlt. "Ich glaube, das war heute der perfekte Tag. Für mich war es extrem wichtig, dass Ingrid dabei war, weil sie mir die ganze Zeit beigestanden ist. Sie hat mich sehr unterstützt, dafür bin ich ihr ewig dankbar. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam wieder ein weiteres Hakerl drunter machen können."

"Da sind schon einige Emotionen hochgekommen"

Am schwierigsten war für den 31-jährigen Grugger bei der Besichtigungsfahrt die erste Passage: "Die ersten 15 Sekunden, weil in der Mausefalle mein Unfall passiert ist. Da sind schon einige Emotionen hochgekommen. Für Ingrid war es fast noch schwieriger als für mich, denn mir fehlt der persönliche Bezug, weil ich keine Erinnerungen mehr daran habe." Vom Unfall weiß er nichts mehr, was darauf folgte, wurde aber wieder wach: "Gefühle und Erinnerungen daran, wie die letzten zwei Jahre verlaufen sind und was ich mir selber angetan habe in der Mausefalle", erzählte er.

Grugger beim Plaudern mit Herren-Cheftrainer Matthias Berthold
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Als Grugger am Mittwoch während des Trainings im Zielraum stand, zuschaute und plauderte, traf er viele seiner früheren Kollegen und Konkurrenten wieder. Mit Klaus Kröll, Georg Streitberger und Max Franz steht er im Kontakt, mit Fritz Strobl war er vergangenen Sonntag in Gastein Skifahren. "Ich habe nicht so viel Zeit zum Skifahren, weil ich für die Sportaufnahmeprüfung trainiere. Aber wenn es sich ausgeht, mache ich es gerne. Ich muss aber gestehen, dass ich nur bei Schönwetter gehe. Bei schlechtem Wetter bin ich in meinem Leben schon genug draußen gewesen", sagte Grugger.

Den Skirennsport verfolgt er natürlich nach wie vor: "Aus mir ist ein richtiger Fernsehsportler geworden. Ich genieße die Skirennen daheim auf der Couch liegend. Es macht sehr viel Spaß, so lange sich keiner auf die Nase legt."

„Das sind doch alles Verrückte“

Hans Grugger kehrt zurück. An den Ort, an dem sich sein Leben verändert hat. Auf die Strecke, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Zwei Jahre nach seinem Sturz in der Mausefalle wird der 31-jährige Gasteiner wieder die Streif in Kitzbühel bewältigen: Zusammen mit seiner Freundin Ingrid Rumpfhuber nimmt Grugger heute an der Besichtigung teil. Der KURIER erreichte Grugger wenige Stunden vor seiner Rückkehr nach Kitzbühel.

KURIER: Herr Grugger, was geht Ihnen so kurz vor Ihrer Reise nach Kitz durch den Kopf?
Hans Grugger: Um ehrlich zu sein: Ich schreibe gerade einen Aufsatz.

Einen Aufsatz?
Eine Erörterung zum Thema 'Der EU-Beitritt der Türken'. Ich lerne für die Studienberechtigungsprüfung. Zwei Fächer hab' ich schon geschafft, jetzt fehlen noch Englisch, Biologie und Deutsch. Für jeden Satz muss ich meine Gehirnwindungen beanspruchen. Aber ich bin froh, dass ich eine Aufgabe habe.

Das klingt so, als ob Sie mittlerweile schon sehr weit weg vom Rennsport wären.
Unglaublich, wie schnell das geht. Ich bin echt sehr weit weg. Wobei: Wie ich jetzt die Bilder aus Wengen gesehen habe, hab' ich mir schon kurz gedacht: 'Bah, wär' das jetzt lässig.' Andererseits ...

... andererseits?
Andererseits bin ich richtig erschrocken, wenn ich die Abfahrer sehe. Die fahren alle wie die Henker. Wenn ich mir diese Abfahrten heute anschaue, dann denke ich mir: 'Das sind alles Gestörte, alles Verrückte.' Ich kann mir heute nicht vorstellen, dass ich auch einmal so unterwegs war. In diesen Momenten bin ich wieder froh, dass ich nicht mehr dabei bin und nicht mehr herunter muss.

Sie sind heute das erste Mal seit Ihrem Unfall wieder auf der Streif. Haben Sie eine Ahnung, was Sie dort erwartet und wie Sie reagieren werden?
Ich hab' keine Ahnung, wie das auf mich wirken wird. Aber ich gehe jetzt nicht davon aus, dass ich dort Tränen vergießen werde.

Warum nicht?
Weil ich ja weiß, dass alles gut ausgegangen ist. Ähnlich war’s, wie ich mir das erste Mal das Video von meinem Sturz angeschaut habe. Das eigentlich Schwierige daran war, die Starttaste zu drücken, weil ich nicht gewusst habe, was die Bilder in mir auslösen. Das Video selbst war kein Problem: Ich habe keinen Zusammenhang zu mir hergestellt. Ich weiß zwar, dass ich es bin, der da stürzt und liegt, aber das Einzige, was ich sehe, ist, dass derjenige heute gesund ist.

Dramatisch: Nach seinem Horrorsturz am 20. Jänner 2011 lag Hans Grugger tagelang im Koma
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Wie haben Sie denn den Jahrestag verbracht?
Ich habe meinen Flugretter angerufen. Ich werde ihn jetzt auch in Kitzbühel wieder treffen. Das war mir ein großes Bedürfnis, mit den Leuten zu reden, denen ich mein Leben zu verdanken habe. Es ist beeindruckend, was diese Menschen leisten. Und was den 20. Jänner betrifft: Der Tag ist nicht negativ besetzt.

Sondern?
Ich habe diesen Tag positiv in Erinnerung. Wobei: Erinnerung ist übertrieben, in meiner Wahrnehmung ist das halt ein schöner Tag. Weil ich die Chance bekommen habe, dass ich weiterleben darf. Ich sehe die ganze Geschichte nur als Glück.

Inwiefern Glück?
Bei der Therapie in Hochzirl ist mir bewusst geworden, was für Glück ich eigentlich gehabt habe. Da kommen Leute rein, die nur den kleinen Finger bewegen können, wo die Ärzte und die Angehörigen schon happy sind, wenn ein zweiter Finger dazukommt. Und ich bin nach vier Wochen wieder als relativ Gesunder aus dem Krankenhaus gegangen.

Apropos Gesundheit: Leiden Sie noch unter Spätfolgen?
In meinem Alltag geht es eigentlich gut. Wo’s noch hapert, ist die Feinmotorik. Auch meine Aufmerksamkeit und meine Konzentrationsfähigkeit sind noch nicht ganz da. Das kann fünf Jahre dauern, sagen die Ärzte.

Wo sehen Sie denn Ihre berufliche Zukunft?
Ich will Sport und Geografie auf Lehramt studieren und irgendwann Lehrer werden. Im Moment trainiere ich für die sportliche Aufnahmeprüfung. Das ist gar nicht so einfach: Vor allem die Übungen am Reck und das Schwimmen sind zach.

Hätte denn der künftige Lehrer Hans Grugger mit dem ehemaligen Schüler Hans Grugger eine Freude gehabt?
Ich weiß nicht recht. Meine Einstellung zum Lernen war nicht immer vorbildhaft. Ich hab' halt nur das Skifahren im Kopf gehabt, die Schule war ein lästiges Muss. Mit 15 hast du auch keine Ahnung, dass du danach vielleicht eine Ausbildung brauchst. Hätte ich doch damals gescheiter gelernt.

Rasant: Hans Grugger feierte in seiner Karriere vier Weltcupsiege. Je zwei Mal gewann er in Abfahrt und Super-G
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Sind Sie trotzdem zufrieden mit dem, was Sie als Rennläufer erreicht haben?
Im Großen und Ganzen schon. Ich habe immerhin vier Rennen gewonnen, war öfter auf dem Podest. Aber sicher habe ich mehr als andere die schlechten Seiten des Sports kennengelernt.

Stört es Sie eigentlich, dass heute viele mit dem Namen Hans Grugger nur mehr den Sturz in Kitzbühel in Verbindung bringen und nicht Ihre Erfolge?
Was heißt stören? Natürlich wäre es mir lieber, wenn sie sagen würden: ,Der Hans Grugger, das ist der ehemalige Weltmeister.‘ Der Sturz gehört halt zu meinem Leben dazu, der ist ein Teil von mir und meiner Biografie. Ich kann damit aber gut leben, weil es gut ausgegangen ist.

Erstellt am 23.01.2013