Sport | Wintersport
05.12.2011

Görgl: "Sage nicht zu allem Ja und Amen"

Elisabeth Görgl über Gold und Glücksmomente, Ausreden und Alkohol und welches Leben sie später führen will.

Elisabeth Görgl sieht plötzlich schwarz. Auf ihren Fingern haben sich finstere Flecken ausgebreitet. Sie erschrickt richtig, als sie ihre dunklen Seiten bemerkt: "Woher kommt das jetzt?!"

Das viele Autogrammschreiben mit dem schwarzen Filzstift hat bei Österreichs Sportlerin des Jahres 2011 sichtbare Spuren hinterlassen. "Der November war extrem stressig", seufzt Elisabeth Görgl.

KURIER: Ist es anstrengend, im Mittelpunkt zu stehen?
Elisabeth Görgl: Anstrengend wird's dann, wenn ich am Vormittag trainiere, danach öffentliche Termine habe und es ohne Pause durchgeht. Das wird mir fast zu heftig. Ich bin dann leer und müde, und irgendwann werde ich dann richtig unrund. Andererseits ...

Andererseits?
Andererseits hab' ich mir das alles selbst eingebrockt mit den zwei Goldenen. Ich genieß den Rummel echt, aber irgendwie bin ich froh, dass ich jetzt wieder etwas Abstand habe, hier in Übersee ist es ruhiger.

Stehen Sie denn nicht gerne im Mittelpunkt?
Natürlich freut es mich, wenn die Leute Anteil nehmen an meinen Erfolgen, wenn ich Anerkennung kriege für meine Leistungen . Aber man darf das auch nicht überbewerten. Das ist eine angenehme Nebenerscheinung, aber ich persönlich brauch' das Rampenlicht nicht. Wissen Sie, was für mich wichtig ist?

Verraten Sie's?
Wenn ich ein Rennen fahre, im Ziel abschwinge und dann sagen kann: ,Boah, das war jetzt gut!' Wenn ich selbst spüre, dass ich etwas sehr gut gemacht habe. Das sind die wahren Glücksmomente. Und genau darauf arbeitet man jahrelang hin. Auf den perfekten Lauf.

Gibt es den überhaupt, den perfekten Lauf?
Man versucht zumindest, dahin zu kommen. Mich fasziniert es, mich am Limit zu bewegen, immer wieder meine Grenzen auszuloten und sie weiter nach oben zu schieben. Ich behaupte sogar, das ist die Hauptmotivation, warum ich den Sport mache.

Elisabeth Görgl - eine kleine Grenzgängerin?
Das ist doch in der Natur des Menschen, dass er neugierig und wissbegierig ist. Und wenn man was kann, dann will man es eben immer besser können. Das ist Streben nach Fortschritt.

Apropos Fortschritt: Ist es Ihnen eigentlich schwergefallen, sich nach diesem erfolgreichen Winter wieder zu motivieren?
Vorweg: Für mich waren die Goldenen eine riesige Bestätigung. Und das macht Lust auf mehr. Nur muss ich auch in mich reinhorchen und mich fragen: ,Was brauche ich jetzt?' Ich zum Beispiel hab' nach dem letzten Winter eine Pause gebracht. Am Ende habe ich dann aber früher mit dem Trainieren angefangen als geplant.

Wieso das?
Das ist eben mein Antrieb: Ich will mich immer weiterentwickeln. Wenn du ganz oben stehen willst, musst du in allen Bereichen arbeiten: Skitechnik, Kondition, Material, Mental, Skischuhe, und so weiter.

Klingt, als würden Sie nichts dem Zufall überlassen.
Genau. Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. So weit es in meiner Macht steht.

Wenn Sie so detailverliebt sind, bleibt aber nur mehr wenig Platz für Ausreden, wenn's nicht läuft.
Ich hab' nie Ausreden gesucht. Ausreden mögen vielleicht menschlich sein, aber ich sehe da keinen Sinn dahinter. Man belügt sich ja nur selbst. Mein Ansatz war, dass ich mir gegenüber ehrlich bin und immer abschätze, was los ist. Ich halte auch nichts vom Spruch ,Wenn's laft, dann laft's.'

Diesen Satz haben aber viele Sportler im Repertoire.
Stimmt, man hört das oft. Ich kann damit aber nichts anfangen. Dieser Spruch ist doch nur eine oberflächliche Betrachtung. Ich will wissen: ,Warum läuft's?' Oder: ,Wieso läuft's nicht?' Das ist mein Zugang, meine Philosophie.

Haben Sie Ihre Philosophie erst über die Jahre entwickelt oder waren Sie immer schon so? Ihnen ist in jungen Jahren ja der Ruf vorausgeeilt, eine wilde Henne zu sein.
Das hat's geheißen: Wahrscheinlich, weil ich damals rote Haare hatte, alles grad raus gesagt hab' und mein Fahrstil aggressiv war. Das hat alles in dieses Bild hineingepasst. Was die Haarfarbe betrifft, bin ich sicher ruhiger geworden.

Dafür wurden Sie oft als schwieriger Charakter hingestellt: Nervt Sie das?
Ach, das ist schon ein alter Hut. Ich bezeichne mich einfach als Individualistin. Das mögen andere manchmal als schwierig bezeichnen, mein Gott. Ich bin halt eine, die nicht zu allem Ja und Amen sagt. Dazu steh' ich.

Hat man es mit dieser Einstellung einfach?
Ich denke, es ist wichtig, dass man seine Linie hat. Und die Individualität wird auch jedem von uns zugestanden. Darin werden wir von den Trainern auch voll unterstützt. Wir sind als voll mündige Athleten anerkannt, können mit den Trainern auch die Trainingspläne diskutieren. So lernt man auch Dinge wie Eigenverantwortung und Disziplin.

Stichwort Disziplin: Ein Skiprofi muss Opfer bringen in seiner Karriere. Geht Ihnen eigentlich was ab?
Für mich war der Weg genau der richtige. Ohne den Skisport würde mir was abgehen. Ein normales Leben wäre mir zu wenig gewesen. Ich hatte schon meine Phasen, ich war auch in der Disco, bin ausgegangen, habe das auch ausgelebt.

Hört sich nach einem großen Aber an?
Aber zum Beispiel alkoholisch so viel in mich hineinzuschütten, dass ich mich nicht mehr spüre, das hat mir nie getaugt. Ich mag den Zustand des Betrunkenseins nicht. Um locker zu sein, brauche ich das nicht.

Weil Sie im Sport Emotionen erleben, von denen die meisten nur träumen?

Mein Leben ist so spannend, so intensiv. Ich bin froh und dankbar, dass ich das erleben darf. Es ist ein Privileg, Spitzensportler sein zu dürfen. Ich darf das tun, was mir Spaß macht, was mich erfüllt. Das ist viel wert.

Sie sind familiär vorbelastet. Ihre Mutter, Traudl Hecher, war auch eine erfolgreiche Rennläuferin. Ein Vorteil oder doch eine Bürde?
Das war sicher ein gewisser Druck für mich. Aber irgendwann war mir klar: Ich muss mein eigenes Leben leben. Man hat selbst so viele Fähigkeiten und Facetten, die es wert sind, sie auszuleben. Und die haben nichts mit dem Elternteil zu tun. Ich denke: Alles, für das man eine Begeisterung entwickelt, ist eine gute Sache. Musizieren, Malen, es muss ja nicht jeder ein Picasso werden. Es reicht, wenn man das rausholt, was man kann.

Und wie ist es bei Ihnen, haben Sie schon alles rausgeholt, was in Ihnen steckt?
Ich spüre, dass ich mich noch weiterentwickeln kann. Und ich will das noch einige Jahre weitermachen. Zumindest bis Sotschi 2014.

Machen Sie Sich eigentlich schon Gedanken über die Karriere danach?
Mein Fokus ist im Moment ganz auf den Skisport gerichtet. Und dann? Ich bin offen für alles. Vielleicht ergibt sich was in der Musik, ein Job als Berater, als Coach würde mich reizen.

Viele Sportler fallen nach der Karriere in ein mentales Loch. Fürchten Sie, dass Ihnen was fehlen wird?
Ich habe keine Angst vor der Leere. Weil ich mich sehr bewusst mit mir und meinem Leben auseinandersetze. Wenn etwas stirbt, dann kommt was Neues nach, heißt es. Vielleicht ist man nach einer Spitzensportkarriere auch so gesättigt, ist so müde davon, immer wieder Leistung zu bringen, dass man einfach nur ein normales Leben führen will.