Wie aus Graz die Eishockey-Hochburg Österreichs wurde
Philipp Pinter spricht über den Grazer Aufstieg
1:5, 0:7, 1:9 – so endeten vor zwei Jahren die letzten Saisonspiele der Graz99ers gegen Pustertal, Bozen und Fehervar. Die Steirer waren abgeschlagen Letzter.
2026 ist Graz bereits österreichischer Meister und in der heute beginnenden Finalserie der ICE Hockey League gegen Pustertal (19.45 ORF Sport+) Favorit auf den Titel in der mitteleuropäischen Liga. In nur 24 Monaten wurde aus einem lahmen Gaul ein Rennpferd. Speditionsunternehmer Herbert Jerich hat den Klub übernommen und viel Geld in die Mannschaft investiert. Sportchef Philipp Pinter konnte Spieler verpflichten, die früher maximal als Gegner nach Graz gekommen waren. Aber es ist nicht nur das Budget, das sich geändert hat, wie Pinter im Interview erklärt.
KURIER: Das Spiel der 99ers wirkt in den vergangenen Wochen sehr souverän. Wie zufrieden sind Sie?
Philipp Pinter: Ich habe eine große Freude. Vor allem die Art und Weise, wie wir auftreten, gefällt mir extrem. Das war vor eineinhalb oder zwei Jahren ein Wunschgedanke. Dass das so schnell funktioniert, hätte ich mir nicht erträumen lassen. Dazu kommt der Hype in Graz.
Wie erleben Sie die Stimmung rund um das Team angesichts der hohen Erwartungen?
Der Druck ist in Graz massiv, weil die Zielsetzungen – vor allem auch von unserem Präsidenten – sehr offensiv formuliert sind. Gleichzeitig muss man sehen, wie stark und ausgeglichen die Liga ist. Viele Teams haben budgetär aufgestockt, die Konkurrenz ist extrem dicht. Das zeigt sich auch in den Play-offs: Mannschaften wie Laibach oder Pustertal waren zwischenzeitlich Tabellenführer, wir auch. Umso stolzer macht mich die Entwicklung bei uns: die Konstanz der Teamleistung, die vielen ausverkauften Spiele, der gestiegene Zuschauerschnitt.
Vor zwei Jahren war Graz Letzter in der Liga. Was hat sich geändert?
Alle im Verein arbeiten in dieselbe Richtung. Oft sieht man nur Spieler und Trainer, aber dahinter stehen Marketing, Backoffice und viele weitere Bereiche. Alle sprechen mittlerweile dieselbe Sprache. Unabhängig vom Ausgang der Saison ist das für mich schon ein großer Erfolg für das Grazer Eishockey.
Es wurde von Präsident Herbert Jerich bereits über eine mögliche Meisterfeier gesprochen. Müssen Sie da bremsen?
In der Mannschaft ist das überhaupt kein Thema. Wir haben riesigen Respekt vor jedem Gegner, egal ob das Fehérvár oder Villach war – und genauso jetzt vor Pustertal. Jeder weiß, dass dieses Team nicht zufällig ins Finale gekommen ist. Dass ein Spieler an eine Meisterfeier denkt, kann ich zu 100 Prozent ausschließen.
Also kein Vorwurf an den Präsidenten?
Natürlich gibt es organisatorische Überlegungen für ein mögliches Szenario, das ist in einem professionellen Umfeld normal. Unser Präsident hat unglaublich viel Leidenschaft, investiert Zeit und auch Geld. Er sorgt auch für Teambuilding, bindet Familien ein, organisiert Essen. Das ist enorm wichtig für die Kultur im Verein.
Wie schwer wird es gegen Pustertal?
Wir wissen genau, wie gut Pustertal ist – sie haben Tiefe im Kader und einen starken Tormann. Auch wenn wir den Grunddurchgang gewonnen haben: In den direkten Duellen waren es immer knappe Spiele.
Wie schwierig war für Ihre Mannschaft die lange Pause von zehn Tagen vor dem Finale?
Ideal ist sie nicht, das muss man ehrlich sagen. Wir haben schon in den Serien zuvor gemerkt, dass wir nach Pausen ein Spiel brauchen, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Das erste Spiel war da oft unser schwächstes. Trotzdem bin ich überzeugt, dass unsere Trainer einen sehr guten Job machen, um die Intensität hochzuhalten. Ein Vorteil kann sein, dass angeschlagene Spieler Zeit zur Regeneration bekommen. Aber wir haben in der Pause auch versucht, dass die Spieler den Kopf frei bekommen.
Der Bunker ist ausverkauft
Wenn Sie auf die letzten zwei Jahre zurückblicken: Welche waren die wichtigsten Bausteine für den Erfolg?
Nach dem ersten Jahr, das eigentlich keine schlechte Saison war, aber im Viertelfinale ein bitteres Play-off-Ende hatte, haben wir uns sehr kritisch hinterfragt. Wir hatten damals viele neue Spieler, vielleicht haben wir bei manchen Entscheidungen zu früh gehandelt. Daraus haben wir gelernt. Ein Schlüssel war sicher, einen starken österreichischen Kern aufzubauen. Das ist uns gelungen und wurde heuer noch verbessert. Aber etwas anderes war auch wichtig.
Was denn?
Ein ganz zentraler Punkt ist die Kommunikation. Wir arbeiten sehr transparent, definieren klare Rollen und bauen Vertrauen auf. Jeder Spieler weiß, was von ihm erwartet wird. Und er muss auch entscheiden, ob er diese Rolle akzeptiert. Dazu kommt das Zwischenmenschliche: Wertschätzung, Ehrlichkeit, ein gutes Umfeld – auch für die Familien. Unser Präsident spielt da eine große Rolle. Wenn sich die Spieler wohlfühlen, sind sie bereit, alles zu geben. Auch unser Scouting ist strukturierter und durchdachter geworden. Wir hinterfragen unseren Status quo jeden Tag: Was gestern gut war, muss morgen nicht mehr reichen. Diese Feedbackkultur ist extrem wichtig.
War der Trainerwechsel im November von Harry Lange zu Daniel Lacroix ein entscheidender Moment?
Natürlich war das eine wichtige Phase. Auch davor wurde gute Arbeit geleistet, und unser vorheriger Trainer war von Anfang an in die Entwicklung eingebunden. Aber irgendwann wurde die Entscheidung getroffen, etwas zu verändern. Mit Dan Lacroix hat sich dann noch einmal etwas entwickelt. Er hat eine funktionierende Mannschaft übernommen, aber die Art und Weise, wie er an Details gearbeitet hat, wie er Spieler weiterentwickelt und das Team noch enger zusammengeschweißt hat, war beeindruckend.
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