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Sport Wintersport
09/04/2019

Eine Ski-Legende tritt ab: Mein Jahrzehnt mit Marcel Hirscher

Vor zehn Jahren bat der KURIER Hirscher zum ersten Termin. Ein persönlicher Rückblick von Wolfgang Winheim.

von Wolfgang Winheim

Marcel Hirscher wählte in Kooperation mit dem Salzburg-Tourismus das "Gusswerk" in der Stadt Salzburg zum Schauplatz seiner skihistorischen Medien-Show. PR fürs Salzburger Land hatte der Hotelfachschüler – unbewusst – schon im Sommer vor zehn Jahren gemacht, als er und sein Vater mit einem KURIER-Team Richtung Stuhlalm aufbrachen und der schmächtige Marcel dort oben, mit dem Dachstein-Massiv im Hintergrund, von seiner Kindheit zu schwärmen begann.

Dabei hatte man auf der von Marcels Eltern bewirtschafteten Hütte in 1.500 Meter Höhe anfänglich nicht einmal Fließwasser und Strom gekannt. Fad sei ihm trotzdem nie geworden, erzählte das damals noch pickelgesichtige Bürscherl, auf zwei Felsen deutend. Zwischen denen habe er während seiner ersten "Höhentrainingslager" immer wieder auf einem Drahtseil balanciert. Ohne runterzufallen?

"Ja natürlich", antwortete Marcel mit einem Selbstbewusstsein, das ihn schon als Jungspund auszeichnete.

Marcel Hirschers Karriere in Bildern:

Seinem Ausrüster Atomic und dem Fotografen zuliebe schleppten Vater und Sohn sogar Slalomskier hinauf auf die Alm. Worauf prompt ein Rindvieh an der Bindung zu schnuppern begann. Was sich seither hinsichtlich des Zusammenspiels zwischen Ski, Bindung und Bindungsplatte an Entwicklung tat, geht auf keine Kuhhaut.

Ein echter Tüftler

Marcel war immer ein besonderer Tüftler auf dem Materialsektor. Auch solcherart vermochte er anfängliche körperliche Mängel zu kompensieren. "Auf mehr als 70 Kilo bring ich’s net", meinte er. Zehn Kilo mehr sind es mit viel Krafttraining dann doch geworden. Trotzdem zu wenig, um sich auf Gleitpassagen mit schweren Abfahrtsburschen à la Aksel Lund Svindal oder Dominik Paris messen zu können.

Ehe wir die Hirschers im Sommer 2009 besuchten, hatte ich (den soeben selbst zurückgetretenen) ÖSV-Alpindirektor Hans Pum informiert. Worauf der meinte: "Da habt’s euch den Richtigen ausgesucht. Der Kloane wird a ganz a Großer." Von Serviceleuten einiger Firmen wiederum war zu hören: Der Hirscher-Vater sei "a ganz a Schwieriger".

Der schnauzbärtige, ehemalige Holzfäller und nunmehrige Annaberger Skischulbetreiber Ferdinand Hirscher erwies sich – konträr zum strengen Aussehen – als freundlicher, zugänglicher, bescheidener Mann. Der mich einmal zum Rennenschauen ins Annaberger Heim einlud. Die aus Den Haag stammende Mama Sylvia kochte Tee. Marcels jüngerer Bruder Leon saß vor dem Computer und Papa Ferdinand griff immer wieder zum Handy, wenn Marcel aus Beaver Creek anrief. Seit ich Ohrenzeuge der Gespräche wurde, weiß ich, dass man auch nach 30 Reporter-Saisonen auf Weltcuppisten noch kein Ski-Fachmann ist.

Dem Ferdl, wie ihn Marcel nennt, reichte eine kurze TV-Einblendung einer vermeintlich harmlosen Passagen, um seinen Junior zu warnen. "Dort fahrst ma bitte ja net voll" Um dann nach Ende des Telefonats seufzend zu sagen: "A Gemeinheit diese Torkombination. Bei der passiert garantiert no was."

Tatsächlich hatte Vater Hirscher aus 8.750 Kilometer Entfernung mehr gesehen und geahnt als der (österreichische) Kurssetzer vor Ort in Colorado. Denn eine halbe Stunde später blieb der Kärntner Speedspezialist Max Franz auf eben dieser Stelle schwer verletzt liegen.

Der Torlaufspezialist Marcel indes hat den Rat befolgt, sich mit Rang 31 begnügt und im selben Winter trotzdem die erste seiner acht Gesamtweltcup-Trophäen gewonnen.

Ob nach den 67 Weltcupsiegen, nach neun Goldmedaillen oder nach den wenigen Niederlagen – der Salzburger geriet nie öffentlich aus der Fassung, war stets begehrt bei Mikrofanträgern. Schlagfertig wie Hermann Maier, diplomatisch fair wie Benjamin Raich. Was Marcel von seinen beiden Jugend-Vorbildern unterschied? Das beklemmende Gefühl, wenn er im Weltcup wo wohnen musste, wo Täler zu eng oder Felsen zu hoch sind. "Länger als fünf Tage halte ich’s an so einem Ort net aus. Aber bitte schreib das net. Sonst sind die Veranstalter bös." Also sei festgehalten. Die Berge drohten dem halben Holländer nur fernab von Dachstein und Tauern auf den Kopf zu fallen. Aber nie im Salzburger Land.

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