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Sport Wintersport
11/23/2019

Der lange Schatten der Lichtgestalt Marcel Hirscher

Hirscher befindet sich zwar in Ski-Pension, doch der Rekordmann ist noch immer allgegenwärtig.

von Christoph Geiler

Als Manuel Feller nach dem Riesentorlauf in Sölden das schwache Abschneiden der österreichischen Ski-Herren analysieren musste, sprach er vielen Kollegen und Trainern aus der Seele. „Wir wollten das Thema Marcel eigentlich gleich einmal abschließen“, erklärte der 27-jährige Tiroler und ließ mit seiner Aussage tief blicken. Wohlwissend, dass dieses Unterfangen ähnlich schwierig ist, wie auf Abfahrtsskiern einen Slalom zu bestreiten.

Aus den Augen, aus dem Sinn – dieses Motto scheint für einen achtfachen Gesamtweltcupsieger nicht zu gelten. Schon gar nicht in einer Skination wie Österreich. Marcel Hirscher lässt sich nicht einfach wegwischen wie eine Schneeflocke von der Skibrille. Auch wenn sich der 30-Jährige seit seiner offiziellen Rücktrittserklärung am Abend des 4. September im Salzburger Gusswerk rar gemacht und bis auf zwei Ausnahmen (Atomic Media Day, Sportlergala) die Öffentlichkeit gemieden hat, so ist er doch allgegenwärtig.

Gesprächsthema

Bis ins ferne Levi reicht der lange Schatten der Lichtgestalt. Zum einen, weil es eben Hirscher war, der vor einem Jahr den ersten Saisonslalom im hohen Norden gewonnen und damit seinen Kollegen zwangsläufig eine hohe Messlatte gelegt hat. Zum anderen ist der Österreicher in Lappland natürlich auch wegen seiner Biografie Gesprächsthema beim Après-Ski.

Ab 25. November ist dieses Buch im Handel erhältlich, in dem Marcel Hirscher offenherzig Einblicke in seine Karriere und in sein Seelenleben gewährt. Der 30-Jährige spricht darin unter anderem über Morddrohungen gegen ihn und seine Familie, über sein gestörtes Verhältnis zu den Olympischen Spielen und sein Leben als Volksheld und Person der Öffentlichkeit (siehe rechts).

Und wenn der erfolgreichste Skiläufer in diesem Jahrtausend seine Laufbahn in Buchform Revue passieren lässt, dann finden sich seine früheren Kollegen fast schon automatisch wieder in jener Rolle wieder, die sie all die letzten Jahre bekleiden mussten – im zweiten Glied.

Fragezeichen

Marcel Hirscher scheint die aktuelle ÖSV-Ski-Generation einfach nicht so schnell loszulassen. Schon als der Annaberger noch aktiv war und einen Erfolg nach dem anderen einfuhr, mussten seine Kollegen ständig Fragen nach dem Superstar beantworten. Jetzt, wo er nun weg ist, sehen sich die Matts und Fellers erst recht wieder mit Marcel Hirscher konfrontiert. Nach dem Motto: Wer, bitteschön, kann und soll denn nun die Fahnen der stolzen Skination hochhalten? Wo doch jetzt der Seriensieger nicht mehr dabei ist?

Man kann verstehen, dass dieses Thema für die Protagonisten zusehends mühsamer wird. „Ich mag diese Fragen eigentlich gar nicht mehr beantworten“, sagt etwa Herren-Chef Andreas Puelacher, der in den zweieinhalb Monaten seit Hirschers Rücktritt praktisch in jedem Interview auf den Ski-Pensionisten angesprochen wird.

Erinnerungen

Es ist aber auch schwierig, ja geradezu unmöglich, sich dem achtfachen Gesamtweltcupsieger komplett zu entziehen. Nahezu an jedem Ort, den der Skiweltcup ansteuert, werden Erinnerungen an Marcel Hirscher und dessen Heldentaten wach: Adelboden (9 Weltcupsiege), Alta Badia (8), Val d’Isère (7), Kranjska Gora (6), Zagreb (5), Schladming (4), Levi (3), Bansko (2) – gleich auf acht Weltcuppisten ist der 30-jährige Österreicher aus Annaberg der Rekordgewinner.

Aber auch ohne seinen Erfolgsgaranten verfolgt das österreichische Herren-Team in diesem Winter ambitionierte Ziele. „Unser Anspruch muss sein, die beste Slalommannschaft zu haben“, sagt Andreas Puelacher vor dem Rennen am Sonntag in Levi.

Aus dem Herren-Cheftrainer spricht dabei keineswegs nur Zweckoptimismus. Denn gerade im Slalom sollte Hirschers Fehlen weit weniger ins Gewicht fallen als in der österreichischen Problemdisziplin Riesentorlauf, in der in Sölden kein ÖSV-Läufer in den Top Ten gelandet war.

Sieganwärter

Immerhin stellt Österreich im Slalom mit Michael Matt und Marco Schwarz den Zweiten und den Dritten der Weltmeisterschaft von Åre. Beide können in dieser Disziplin auch schon Weltcupsiege vorweisen, dazu kommt Manuel Feller, der im Slalom ebenfalls schon auf dem Stockerl gestanden ist.

Der Tiroler Jungpapa rechnet damit, dass zumindest in diesem Winter noch ständig Vergleiche mit Marcel Hirscher gezogen werden und sich die österreichischen Läufer wohl immer wieder mit dem Namen und den Taten des Ski-Pensionisten konfrontiert sehen. Und dann?

„Ich hoffe, das ist irgendwann vorbei“, sagt Feller.

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