Sport | Wintersport
18.01.2018

Heikles Thema: Der Fall des Idols Toni Sailer

Vor 44 Jahren im Fokus, seit neun Jahren tot. Der schwierige Umgang mit der Aufklärung.

Franz Beckenbauer bleibt Kitzbühel fern. Er mied den Weltcup-Trubel schon zu Zeiten, als er noch ein Haus in Kitz besaß und als d i e Lichtgestalt des deutschen Sports galt. Der als FIFA-Präsident abgehalfterte Joseph Blatter, der einst für die Zeitnehmung am Hahnenkamm zuständig war, taucht dort seit Jahrzehnten nicht mehr auf.

Investigativer Journalismus ist zum größten Feind vermeintlich Unantastbarer geworden. Just in der Hahnenkamm-Woche – welch medialer Zufall – hat es nun auch Österreichs (2009 verstorbenen) Jahrhundertsportler Toni Sailer erwischt. Nicht wegen finanzieller Ungereimtheiten, sondern im Zusammenhang mit der #MeToo-Debatte steht Kitzbühels größter Stolz posthum am Pranger.

Sailer wird vorgeworfen, in Zakopane eine Polin sexuell auf das Übelste misshandelt zu haben. Im Staatsarchiv liegt belastendes Material aus Polen aus dem Jahr 1974. Damals war Sailer ÖSV-Rennsportleiter und Zakopane Schauplatz von Weltcup-Torläufen gewesen, ehe in Vysoky Tatry (CSSR) das Finale stattfand.

Mir verweigerten die CSSR-Behörden ein Visum, zumal ich erst wenige Wochen davor bei der Heeressport- und Nahkampfschule abgerüstet hatte. Erst als Ski-Weltcup-Präsident Serge Lang mit einer Absage des Finales drohte, durfte ich einreisen. Für die Durchfahrt nach Polen und die Berichterstattung aus Zakopane war es aber zu spät.

Im Vysoky Tatry, woPiero GrosGesamtweltcupsieger undHansi HinterseerhinterGustav ThöniDritter wurde, fehlte Sailer. Er saß noch in Zakopane im Häf’n. Später wollte Sailer auf das Thema nie mehr angesprochen werden. Wer es doch tat, wurde vom ÖSV zur Persona non grata erklärt wie der Illustrierten- und vormalige KURIER-Polizei-ReporterBernd Dörler.

Auf der Fahrt in die slowakische Tatra wurde ich mehrmals von Uniformierten gestoppt und zum Zahlen gezwungen. Obwohl ich mich im KURIER-Dienstauto penibel an Tempolimits gehalten hatte. Auch deshalb blieb ich skeptisch gegenüber dem Ostblock und dessen denunzierenden Methoden. So war es üblich, dass Geheimdienste weibliche Lockvögel als Spitzel in Hotels setzten, wenn dort Fußballklubs aus dem Westen abstiegen.

Sailer ging – das ist aus heutiger Sicht die Soft-Version – einer Prostituierten in die Falle. Mit dieser Vermutung darf das Verhalten des Ski-Idols, den Frauen auf der halben Welt angehimmelt hatten, nicht bagatellisiert werden. Dennoch: Statt über jemanden zu richten, der sich nicht mehr wehren kann, ist es wichtiger, sich der Aufklärung aktueller Fälle zu widmen, um neuerlichem Missbrauch vorzubeugen. Kandidaten dafür gibt es laut der AufdeckerinNicola Werdenigg"bestürzend" genug. Sie war übrigens 1976 in der Ära Sailer Olympia-Vierte geworden.