ÖSV-Star Anna Gasser: "Ich bin die Letzte, die übrig ist"

Olympia-Profi: Anna Gasser gewann 2018 und 2022 Gold im Big Air.
Anna Gasser hat den olympischen Snowboard-Big-Air 2018 und 2022 gewonnen. Bis dato gibt es keine andere Olympiasiegerin in dieser Disziplin. Im KURIER beschreibt sie ihren olympischen Weg und welche Bedeutung er für ihren Sport hat.

Von Anna Gasser

Jetzt geht es also wieder los. Zum Glück weiß ich mittlerweile, was auf mich zukommt. Ich versuche, meine letzten Olympischen Spiele zu genießen, aber man ist trotzdem nervös. Olympische Spiele boten mir und meiner Community eine riesige Chance, unseren Sport zu präsentieren. Wir Snowboarder haben in Österreich nicht die mediale Präsenz, die andere Sportarten haben. Und es ist schön, dass während Olympia dann das Interesse größer wird und das ganze Land mitfiebert.

Das Spezielle an Olympia ist, dass du als riesiges Team hinfährst und als Sportler in Kontakt mit so vielen anderen Sportarten kommst. Du lernst neue Leute kennen und saugst diese ganz eigene Stimmung, diesen Flair auf. Ich bin sehr dankbar, dass ich das jetzt schon zum vierten Mal erleben darf.

2014: Von 0 auf 100

Das erste Mal, in Sotschi 2014, war alles sehr viel für mich. Da habe ich gar nicht gewusst, wie ich mit der Situation umgehen soll. Das hat mich mental sehr gefordert, aber mittlerweile kann ich das Ganze sehr gut einordnen. Ich war kompletter Rookie. Damals gab es nur den Slopestyle-Bewerb, keinen Big Air. Ich war in der Außenseiterrolle. Dann gewann ich die Qualifikation und auf einmal stieg die Aufmerksamkeit von 0 auf 100. Ich kannte mich überhaupt nicht mehr aus.

2018: Abliefern müssen

Beim zweiten Mal, 2018 in Pyeongchang, war ich dann die Top-Favoritin, ich hatte im Vorfeld wirklich alles gewonnen. Das waren wahrscheinlich meine schwersten Olympischen Spiele, weil ich die Goldmedaille unbedingt wollte und einen extremen Druck auch von außen verspürte. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht gewinne, habe ich verloren. Nach dieser Goldmedaille dachte ich mir, schlimmer geht es nicht mehr.

OLYMPISCHE SPIELE PEKING 2022: BIG AIR SNOWBOARD FINALE FRAUEN/GASSER

Gold in China für Anna Gasser

2022: Alles anders

In Peking, 2022, das waren die Covid-Winterspiele. Da war das gesamte Umfeld ein anderes. Wir haben die Kontakte vermisst und den speziellen Flair. Aber ich habe mich nicht als Top-Favoritin gesehen, aber eben als Mit-Favoritin, die Chance auf eine Medaille war auf alle Fälle da. Ich bin froh, dass es geklappt hat.

2026: The last dance

In der Zeit seit Peking 2022 hat sich sehr viel geändert. In den letzten Jahren haben aus meiner Zeit so gut wie alle mit dem Contestfahren auf dieser Ebene aufgehört. Ich bin von dieser älteren Generation die letzte, die übrig geblieben ist. Dass ein Generationenwechsel stattgefunden hat, sehe ich als gutes Zeichen für diesen Sport. Es muss einfach so sein, dass irgendwann einmal die Jungen nachpreschen!

Damit hängt auch eine extreme Progression zusammen, die in den letzten vier Jahren passiert ist. Ich freue mich, dass ich mich noch einmal motivieren und pushen konnte, dass ich mit meinen Tricks noch einmal mithalten kann. Die Top-Favoritin bin ich dieses Mal sicher nicht mehr. Aber ich habe die Tricks, die Chance lebt und ich werde alles versuchen, sie zu nutzen. Vielleicht sogar diesmal im Slopestyle, das hätte noch einen höheren Stellenwert für mich als im Big Air.

Danke, Snowboarden!

Snowboarden bedeutet Leidenschaft für mich. Ich lege meine ganze Energie da hinein, mein ganzes Herz – es ist einfach ein Teil von mir. Ich snowboarde fast immer, wenn ich Zeit habe – mit extrem viel Spaß und Freiheit. Wettkämpfe sind für mich nicht das Wichtigste am Snowboarden.

Wichtig ist für mich, dass ich alles vergessen kann, wenn ich fahre. Dass ich viel Spaß habe. Snowboarden ist Community, es ist aber für mich auch Weiterentwicklung. Ich kann mich verbessern und mich jeden Tag aufs Neue herausfordern.

In gewisser Weise bin ich – gerade auf so einer großen Bühne wie Olympia – auch Botschafterin für meinen Sport. Ich hoffe, dass ich Menschen inspiriert habe, einen unkonventionelleren Weg zu gehen. Österreich ist meiner Meinung nach sehr auf Ski und Fußball konzentriert. Und ich habe den Eindruck, dass Snowboarden heute mehr als Sport gesehen wird als früher.

Gleichzeitig ist Snowboarden eben auch ein Lifestyle. Das macht unseren Sport so besonders. Und das merkt man auch auf dieser großen olympischen Bühne. Da geht es nicht „jeder gegen jeden“, sondern da gehört viel Community und auch Freundschaft dazu.

Dass Olympia für den Sport diese Plattform bietet und wir das der Welt zeigen konnten, ist wirklich großartig. Manchmal stehe ich oben am Start und bin ganz selig, ein Teil von alledem zu sein.

Nicht das Ende

Das werden definitiv meine letzten Olympischen Spiele sein. „Karriereende“ klingt aber schon hart. Ich weiß nicht genau, wie es weitergeht. Aber ich weiß auf alle Fälle, dass ich weiter snowboarden werde. Ich freue mich schon darauf, mehr Zeit zu haben, um andere Dinge im Snowboarden zu erleben, andere Bewerbe zu fahren, die für mich ein bisschen mehr mit dem Spirit des Snowboardens zu tun haben, da tut sich gerade viel in unserem Sport. Man bewegt sich wieder ein wenig weg von der FIS, mehr in Richtung Lifestyle. Und das war ja anfangs auch der Grund, warum ich mit dem Snowboarden überhaupt angefangen habe.

Ich freue mich auf mehr Freiheit und darauf, Bewerbe zu fahren, in denen ich mich mehr als Snowboarderin fühle als zuletzt.

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