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Sport
06/24/2012

Walter Mayer und ein rätselhafter Todesfall

Ex-Dopingtrainer und seine Ärztin kümmerten sich um einen behinderten Steirer. Er starb unerwartet - was war schuld?

Am Donnerstag wird in Innsbruck ein Ehrenbeleidigungsprozess über die Bühne gehen. Walter Mayer, ehemaliger Skandaltrainer von Weltruhm, verklagt einen ehemaligen Servicemann des Skiverbandes, weil der vor Gericht bezeugte, Mayer habe 2002 bei Olympia dem Langläufer Hoffmann eine Infusion verpasst. Ein weiteres Kapitel eines juristischen Nachspiels in einer schier unendlichen Dopingsaga.

Ein ungleich traurigeres Kapitel, in dem der Name Walter Mayer auftaucht, blieb der Öffentlichkeit bislang vorenthalten. Der KURIER hat es aufgearbeitet.

Seltsame Zusammenhänge

Am 6. Oktober 2011 stirbt der Steirer Felix Primschitz in einem Grazer Krankenhaus. Er wird nur 22 Jahre alt. Im Obduktionsbericht heißt es: Linksherzinsuffizienz – das Herz ist dadurch nicht mehr in der Lage, die Gewebe des Körpers mit ausreichend Blut und Sauerstoff zu versorgen. Felix Primschitz litt am Prader-Willi-Syndrom – einem Gendefekt, der Kleinwüchsigkeit, Muskelschwäche, Fettsucht und eingeschränkte Intelligenz verursacht.

Ein Bekannter des Verstorbenen hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Die zuletzt (seit Sommer 2010) behandelnden Ärzte seien verantwortlich für den Tod des jungen Steirers. Das Verfahren wurde eingestellt. KURIER-Recherchen offenbaren nun höchst seltsame Zusammenhänge rund um die Tragödie – sie führen zu einem bestens Bekannten aus der Dopingszene. Walter Mayer.

Der ehemalige Skibetreuer hat Felix Primschitz über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt und mit ihm quasi den gesamten Oktober 2008 zugebracht. Offizielle Version: Gemeinsame Aufenthalte im Freien sollten beiden helfen, Mayer bei der Überwindung seiner Alkoholprobleme, Primschitz beim Bekämpfen der Auswirkungen seiner Krankheit.

Felix wurde mit den unter Sportlern so beliebten Substanzen Epo, Testosteron und Wachstumshormon behandelt und hat sie auch zum Teil mitgeführt, als er mit Mayer unterwegs war. Beteiligt an der Behandlung von Felix Primschitz war Julia R., Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik. Julia R. pflegte ein gutes Verhältnis zu Mayer und betreute diesen auch als Patienten.

Bemerkenswert: Epo spielt in der Behandlung von Prader Willi keine Rolle, wie Olaf Rittinger, ein auf das Syndrom spezialisierter Mediziner, dem KURIER erzählt. Dafür ist Epo das beliebteste Dopingmittel unter Ausdauersportlern. Zudem: Die Behandlung mit Wachstumshormon an erwachsenen Prader-Willi-Patienten (nach Abschluss des Längenwachstums) ist im deutschsprachigen Raum nicht vorgesehen, "da ausreichend Beweise für die Effektivität fehlen", erläutert Experte Rittinger.

Es gebe zwar einzelne Studien an erwachsenen Patienten, wonach Muskelzuwachs festgestellt wurde, doch würden "sicher behandlungswürdige Begleit- und Folgekrankheiten in den Vordergrund treten." Felix Primschitz war, als er unter der Obhut von Mayers Medizinerin Wachstumshormon bekam, ein Erwachsener.

Brennende Fragen

Und Testosteron? Ebenfalls höchst problematisch. Es kann unter anderem zu einer beeinträchtigten Pumpleistung der linken Herzkammer führen. Laut Untersuchung durch einen Wiener Internisten vom 12. September 2008 zeigte das Herz von Felix Primschitz noch keinerlei Auffälligkeiten: "Die linke Kammer normal groß, allseits gute Pumpleistung." Drei Jahre später stirbt der junge Mann an Linksherzinsuffizienz.

Waren also die Testosteronbeigaben schuld am Tod des jungen Mannes? Wurde zu viel und zu oft Testosteron verabreicht? Und warum wurden dem Kranken Epo und Wachstumshormon gegeben, Stoffe, die ebenfalls schwerwiegende Folgen haben können?

Bemerkenswerte Antworten

Walter Mayer wollte sich auf KURIER-Anfrage nicht zur Causa Primschitz äußern. Die Medizinerin Julia R. hingegen gibt an, unter ihrer Behandlung von Juni 2007 bis März 2010 sei Herr Primschitz "ein organisch gesunder Mann" gewesen und liefert bemerkenswerte Antworten auf die Fragen nach den erklärungsbedürftigen Behandlungen.

Antworten, die sie auch über eine Internetplattform publizieren ließ, für die auch Walter Mayers Anwältin schon publizistisch aktiv war. Beim Verteidigen des prominenten Mandanten war die Nachwuchsjuristin bis dato mäßig erfolgreich. Mayer wurde Ende August 2011 nach dem Anti-Doping-Gesetz zu 15 Monaten Haft verurteilt (drei davon unbedingt). Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sowohl Mayers Anwälte als auch die Staatsanwaltschaft haben berufen.

Ein paar Wochen nach dem Urteil starb Felix Primschitz. Medikamente könnten am frühen Tod Schuld gewesen sein, gibt seine ehemalige Ärztin Julia R. zu. "Doch sicher nicht die von mir verschriebenen beziehungsweise verabreichten."

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