Sport
22.12.2012

Überlebenskampf auf hoher See

Die härteste Segel-Regatta bringt die Teilnehmer rund um den Globus – und an ihre Grenzen

Seiner Zunge hat Bertrand de Broc viel zu verdanken. Sie hat ihn zur Legende gemacht. Der Franzose war Teilnehmer an der Vendée Globe (Webseite), der härtesten Segel-Regatta der Weltmeere. Er stand auf seinem Boot im antarktischen Gewässer, irgendwo im Nirgendwo, als der Wind die Großschot auf sein Kinn donnern ließ.

Der Franzose biss sich dabei ein Stück seiner Zunge ab, die Nonstop-Umseglung der Welt schien für ihn gelaufen. Doch De Broc nahm sein Herz – genauer: das Stückchen Zunge – in die Hand und griff zur Nadel. Unter der Fernanleitung des Rennarztes nähte er sich das Stück wieder an und segelte weiter, bis ihn ein Materialschaden zur Aufgabe zwang.

Das war vor einigen Jahren. Bertrand de Broc ist nun 52 Jahre alt, eine Ikone seines Sports und gerade im Indischen Ozean zwischen Antarktis und Australien.

Die siebente Auflage der Vendée Globe startete am 10. November 2012. De Broc nimmt heuer zum dritten Mal teil. Das Ziel sah er noch nie. Es sind Geschichten wie diese, die den Mythos des Rennens ausmachen.

Mensch, Boot, Hafen

Die Regatta gilt als eines der letzten großen Abenteuer im Sport und als ultimative Prüfung im Hochsee-Segeln – für Mensch und Material. Die Regeln sind simpel: ein Mensch, ein Boot, ein Hafen.

Start und Ziel des Rennens ist Les Sables d’Olonne an der westfranzösischen Atlantikküste. Dazwischen liegen 46.300 Kilometer. Verboten ist es, fremde Hilfe anzunehmen und das Festland zu betreten.

20 Abenteurer stachen vor über sechs Wochen in See, 13 sind nach etwas mehr als der Hälfte des Rennens noch im Bewerb. An der Spitze liefern einander die Franzosen François Gabart und Armel Le Cléac’h ein Rumpf-an-Rumpf-Duell. Der Sieger darf sich nach fast 90 Tagen auf hoher See über 160.000 Euro freuen, Entwicklung und Bau eines Top-Bootes verschlingen allerdings gut drei Millionen Euro.

Ein Großteil der festgesetzten Route führt durch das unwirtliche Polarmeer. "Eisberge so groß wie Irland", sah der Waliser Alex Thomson, derzeit auf Rang vier.

"Das sind keine Wellen mehr, sondern Berge, so hoch wie die Alpen", gab Gerry Roufs 1997 zu Protokoll. Seither wird der Kanadier vermisst. Nicht wenige bezahlten das Abenteuer mit ihrem Leben. "Den Tod hat man immer im Hinterkopf", sagt Norbert Sedlacek im Gespräch mit dem KURIER. Der Wiener nahm zwei Mal an der Vendée Globe teil, mit einem der kleinsten Budgets. 2005 schied er aus, vier Jahre später erreichte er nach 126 Tagen als Letzter der Durchgekommenen das Ziel.

Au Backe!

Die Strapazen sind enorm: Reparaturen am Boot, Schlafen im Halb-Stunden-Rhythmus, Selbstversorgung. Bernard Stamm musste sich heuer ein Stück seines Backenzahnes abschleifen, um eine Infektion zu vermeiden. Dem Schweizer war ein Stück beim Essen ausgebrochen.

"Nach etwa vier Wochen hast du dich akklimatisiert", erklärt Sedlacek, „doch ausgerechnet dann beginnt dein Körper abzubauen“. Mit 7000 Kalorien pro Tag verbrennen die Segler so viel wie ein Rad-Profi bei einer Tour-de-France-Etappe. "Es ist wie ein Straflager, in dem man 24 Stunden arbeiten muss", sagt Thomson.

Hautnah erleben können die Expedition die Fans. Die Skipper knipsen Fotos und laden Videos hoch, 2005 scheiterte Sedlaceks Idee, seine Fans per SMS auf dem Laufenden zu halten, noch an der technischen Umsetzung.

Bertrand de Broc, die Legende, ist derzeit Elfter. Kürzlich schmerzte sein Arm. "Ich habe ein paar Pillen eingeworfen – alles okay."

Der Franzose hat schon Schlimmeres erlebt.

Alle Videos zum Vendée Globe finden zu im offiziellen Youtube-Channel

Vendee Globe

Die Vendée Globe fand erstmals 1989 statt und wird seitdem alle vier Jahre ausgetragen. Start und Ziel der Non-Stop-Regatta für Einhandsegler der Bootsklasse "Open 60" (Wikipedia) ist Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste.

Österreichs Beitrag

Mit Norbert Sedlacek nahm zwei Mal ein Österreicher am härtesten Segel-Bewerb der Welt teil. 2009 kam der Wiener ins Ziel. Derzeit forscht er an neuen Werkstoffen für die Nautik und plant eine Atlantik-Überquerung in einem 4,8 Meter großen Boot.