ÖTTV-Präsident tritt zurück: „Wir müssen die Konsequenzen ziehen“

ÖTTV-Präsident Wolfgang Gotschke wird am Samstag sein Amt zurücklegen. Im Interview spricht er über die Aufarbeitung des Missbrauchsfalls und seine Konsequenzen.
Wolfgang Gotschke tritt zurück

Ende Februar wurden im Standard Aussagen von ehemaligen Nachwuchsspielerinnen publik, wonach ein Trainer eines niederösterreichischen Vereins mit Mädchen im Bett gelegen war und mehrfach Grenzen überschritten worden waren. In der Aufarbeitung wurde Kritik am österreichischen Tischtennisverband laut. Im Interview nimmt Präsident Wolfgang Gotschke zu den Vorwürfen Stellung und kündigt für die Präsidenten-Konferenz am Samstag den Rücktritt nach fünf Jahren an.

KURIER: Herr Gotschke, was rate ich einem Freund, der seine Töchter zu einem Tischtennis-Verein schicken will? 

Wolfgang Gotschke: Es tut mir sehr leid, dass der Tischtennisverband so in der Kritik steht. Wir haben mehr als 500 Vereine, in denen viele ehrenamtliche Funktionäre, Trainer, Spieler und Spielerinnen mit großer Leidenschaft arbeiten. Leider ist der Verband aufgrund des Vorfalls in Misskredit geraten. Es gibt keinen Grund zur Sorge – Eltern können ihre Töchter bedenkenlos in die Vereine schicken.

Vorwürfe gegen diesen Trainer waren seit 2024 bekannt. Warum wurde nicht sofort gehandelt?

2024 sind zunächst Gerüchte aufgetaucht. Der damalige Sportdirektor Stefan Fegerl hat gemeinsam mit unserer damaligen weiblichen Vertrauensperson sofort eine Untersuchung eingeleitet. Bereits während dieser Untersuchung haben wir entschieden, den Trainer, der Pooltrainer und nicht beim ÖTTV angestellt war, nicht mehr einzusetzen. In der Untersuchung wurden unter anderem die Trainerin Branka Pasalic, Sportdirektorin Liu Jia, der Trainer sowie die Landesverbandspräsidenten Hubert Dobrounig und Walter Windischbauer kontaktiert. Es ging um sogenannte Distanzprobleme, allerdings gab es unterschiedliche Aussagen. Einerseits wurden Probleme geschildert, andererseits wollten die Mädchen weiterhin mit dem Trainer arbeiten.

Wie ging es dann weiter?

Die Vertrauensperson stellte fest, dass keine der Aussagen eine Grundlage bot, um weitere Maßnahmen zu setzen. Nach Abschluss der Untersuchung entschieden wir dennoch, den Trainer im Verband nicht mehr einzusetzen. Dieses Vorgehen wurde in der Präsidentenkonferenz von allen befürwortet und protokolliert. Ab diesem Zeitpunkt erhielten wir trotz mehrfacher Ersuchen von niemandem Informationen oder Beweise. Wir erfuhren alles aus den Medien.

Wusste der ÖTTV nichts von Aussagen der Mädchen, wie sie zuletzt im „Standard“ veröffentlicht wurden?

Nein. Das ist der Grund, warum die Causa jetzt wieder so hochkocht. Frau Pasalic hat gesagt, sie habe uns 2024 informiert – das stimmt grundsätzlich. Aber die Protokolle zeigen klar, dass die im Standard veröffentlichten Aussagen damals in keiner Weise enthalten waren. Wir haben Details erst durch die Zeitung erfahren und am 12. März eine beschränkte Akteneinsicht der Staatsanwaltschaft erhalten. Der Eindruck, wir hätten das 2024 gewusst und nichts getan, stimmt nicht.

Wie konnte der Trainer bis zuletzt im Nachwuchs arbeiten?

Nach Abschluss der Untersuchung war die Causa für den ÖTTV abgeschlossen. Der Trainer arbeitete noch ein halbes Jahr in Tulln weiter, im selben Verein, in dem auch Liu Jia tätig war. Gegen Ende dieser Zeit tauchte ein angeblicher Liebesbrief des Trainers auf, den der ÖTTV nie gesehen hat. Auch ein Termin mit der Organisation 100% Sport, die diesen Brief angeblich hatte, kam nicht zustande. Der niederösterreichische Verband hat den Trainer nicht mehr als Sportdirektor eingesetzt. Danach war er etwa ein halbes Jahr nicht aktiv. Im Sommer 2025 wurde in Tulln ein neuer Vorstand gewählt, der den Trainer wieder engagierte.

Wie konnte das passieren?

Erst im November 2025 wurde ich darauf aufmerksam, als das Nationalteam zufällig in einer Halle auf den Trainer traf. In der Folge berichtete eine Zeitung über ein angebliches Video, in dem der Trainer mit Jugendlichen auf erotischen Internetseiten surfen soll. Daraufhin haben wir Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Es gab davor keine Anzeige von Eltern, Trainern oder Landesverbandspräsidenten – nur der ÖTTV hat gehandelt.

Hatte der ÖTTV keine Möglichkeit, beim Verein einzugreifen?

Nein. Der ÖTTV hat kein Durchgriffsrecht auf Vereine, da unsere Mitglieder die Landesverbände sind. In der Präsidentenkonferenz im November 2025 kam die Idee auf, den Trainer zu sperren, aber juristisch ist das nicht möglich. Man hat sich daher auf eine Empfehlung geeinigt, ihn während laufender Ermittlungen nicht einzusetzen.

Es geht um den Verein des Vizepräsidenten Conrad Miller. Hätten Sie mehr Einfluss ausüben müssen?

Ich habe mehrfach versucht, auf ihn einzuwirken, insbesondere nach der Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und später nach dem Standard-Artikel. Ich habe ihn gebeten, den Trainer aus dem Betrieb zu nehmen – aber ich bin damit nicht durchgekommen. Aber auch der Verein hatte keine weiteren Infos.

Es wird oft die eventuell fehlende strafrechtliche Relevanz betont. Muss es im Nachwuchs nicht höhere moralische Werte geben?

Ich will mich nicht auf das Strafrecht zurückziehen. Hätten wir die jetzt bekannten Aussagen gekannt, hätten wir sofort Anzeige erstattet. Es ist verständlich, dass es für Betroffene schwierig ist, sich zu äußern – aber irgendwann muss jemand konkret werden. Wir hatten eine geschulte Vertrauensperson, es gab jedoch keine klaren Aussagen.

Wie kann das verhindert werden?

Wir haben einen Care-&-Compliance-Ausschuss beschlossen, der extern besetzt werden soll. Es braucht eine unabhängige Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können. Offensichtlich fehlt es an Vertrauen – nicht nur in den ÖTTV, sondern auch in die Landesverbände.

Was bedeutet der Förderstopp des Sportministeriums finanziell? 

Betroffen sind zusätzliche Förderungen, etwa für Projekte wie Parkinson-Tischtennis und die Dream-Teams-Förderung für Frauensport. Die Situation ist schwierig, aber wir werden liquiditätsmäßig drüberkommen.

Am Samstag ist Präsidentenkonferenz. Wird es persönliche Konsequenzen geben?

Wir sollten den Weg frei machen für etwas Neues. Eigentlich wollten wir eine geordnete Übergabe und eine gemeinsame Lösung mit Neuwahlen. Die Situation hat sich jedoch zugespitzt, auch durch medialen Druck und persönliche Angriffe. Ich für meinen Teil habe beschlossen, in der Sitzung der Präsidentenkonferenz zurückzutreten. Diese Entscheidung ist endgültig.

Was werfen Sie sich selbst vor?

Dass ich es nicht geschafft habe, die Lager im ÖTTV zu einen. Aber der Vorwurf, ich hätte in der Trainer-Causa nicht korrekt gehandelt, ist aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt. Dass ich in der Causa die Agenden des ÖTTV nicht ordnungsgemäß vertreten habe, stimmt nicht.

Aber es geht um die Agenden der Spielerinnen …

Natürlich! Diese Diskussion haben sie nicht verdient. Tischtennis ist ein sauberer Sport, der durch diesen Fall in Misskredit geraten ist. Es liegt an uns allen, das Vertrauen wiederherzustellen. Daran muss man arbeiten. Weil: So sind wir nicht.

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