Ein Komet am Tennishimmel: Alles über Lilli Tagger
Auf dem Weg nach oben: Lilli Tagger
Die Hoffnungen sind durchaus berechtigt. Diese Hoffnungen, dass Österreich bald schon wieder eine Topspielerin stellt, die vorne, und zwar sehr weit vorne mitmischt.
Lilli Tagger, eben erst 18 geworden, zeigte nicht nur mit dem Sieg bei den French Open im Vorjahr, dass sie bei den Jugendlichen zu den Weltbesten gehört, sondern reüssierte schon bei den Profis. Jüngst bedankte sich die Osttirolerin in Indian Wells mit einem Erstrundensieg für die Wild Card. Dass sie eine solche nun auch in Miami, beim nächsten WTA-1000-Turnier erhielt, ist auch so etwas wie ein Ritterschlag. Auch wenn Manager Alex Vittur, der auch Jannik Sinners Geld verwaltet, ein bisschen seine Hände im Spiel hat – ohne Talent bekommt man keinen Freifahrtschein bei diesen großen Turnieren.
Die Hoffnung
Irgendwann wird sie diese Wild Cards nicht mehr brauchen, Österreichs Top-Trainer Günter Bresnik sieht sie beispielsweise in den nächsten zwei Jahren in den Top 20 (siehe Seiten 30, 31). Und die ehemalige Weltklassespielerin Barbara Schett sagt: „Die hat richtig Power, die kann auch jemanden vom Platz schießen. Sie wird ihren Weg machen, weil sie auch keinen Blödsinn im Kopf hat.“
Heuer lohnten sich die langen Reisen. Bei den Australian Open verpasste sie nach zwei Siegen in der Qualifikation nur knapp den Hauptbewerb, beim gut besetzten ITF-Turnier in Fujairah (Vereinigte Arabische Emirate) holte Tagger den Titel, beim 125er-Event von Mumbai wurde sie erst im Finale gestoppt.
Abgehoben ist Lilli Tagger aber nur mit dem Flugzeug. Unmittelbar nach den Weltreisen konnte sie es kaum erwarten, mit Freunden Skifahren zu gehen. „Den Schläger habe ich daheim nicht angegriffen.“ Sogar mit dem großen „Stallkollegen“ Sinner, der in der Jugend einer der besten Skifahrer war und da sogar Kitzbühelsieger Giovanni Franzoni abgehängt hatte, brauste Tagger schon die Pisten runter. Kein Wunder, dass sie deshalb von Varese, wo sie in der Akademie trainiert, einen Abstecher nach Cortina zu den Olympischen Winterspielen machte, wo der Super-G der Frauen auf dem Programm stand.
Die richtige Weg
Ganz normal bleiben. Das ist ihr Credo. Auch ihre Trainerin, die ehemalige French-Open-Siegerin Francesca Schiavone (2010) will nichts überstürzen. Als Tagger im November 2023 zur Italienerin wechselte, stellte diese einen Stufenplan auf, wie sich ihr Schützling stetig verbessert. Für mich ist sie extrem wichtig. Ich glaube, sie hat in den letzten beiden Jahren einen sehr großen Unterschied für mich gemacht. Sie weiß, wovon sie spricht, aber auch, wann man außerhalb des Platzes mal Spaß haben muss. Spielerisch kann ich enorm viel von ihr lernen, taktisch und mental nehme ich am meisten von ihr mit“, sagt Tagger.
Wertvolle Erfahrungen
Und dank des Umfelds ist auch das Training mehr als nur professionell. Die Vorbereitung auf die Saison absolvierte Tagger in Dubai. „Es waren viele Topspielerinnen da, von denen ich mir viel abschauen konnte. Ich habe zum Beispiel mit Elena Rybakina gespielt. Und von so einer Spielerin kommt der Ball einfach ganz anders zurück. So etwas kann man nicht nachtrainieren. Das sind wichtige Erfahrungen.“
In Indian Wells konnte sie zumindest im ersten Satz die Weltklassespielerin Maria Sakkari fordern, ehe die Griechin doch noch 7:5, 6:0 gewann. Im ersten Satz hatte Tagger ihre Chancen. „Diesen hätte ich eigentlich gewinnen können, auch im zweiten Satz war es enger, als es das Ergebnis aussagt.“
Freuen darf man sich auf Linz. Da wird Tagger aufschlagen. Und auch sie selbst freut sich. „Auf Sand fühle ich mich ziemlich wohl und vor Heimpublikum zu spielen, ist immer etwas Besonderes“, erklärt Tagger. „Es gibt eigentlich nichts Besseres. Als Vorbereitungsturnier für Roland Garros ist es genau richtig. Ich war 2021 einmal beim Turnier, dort wurde ich vom ÖTV als Nachwuchsspielerin des Jahres ausgezeichnet.“
Im Vorjahr entstand in Amstetten, wo sie vom ÖTV eine Wild Card bekam, und in Wien ein Riesenhype um sie. Als French-Open-Siegerin war sie freilich der Star des damals zweitgrößten österreichischen Frauenturniers wie auch danach im LaVille) Obwohl mit Julia Grabher und Sinja Kraus (gewann beide Auflagen) die zu diesem Zeitpunkt wirklich besten Lokalmatadorinnen am Start waren.
Der Startschuss
Doch wie ist es zu diesem Aufstieg gekommen? Schon als 13-Jährige wagte die Osttirolerin den Schritt nach Italien, wo sie seit Kurzem in Varese lebt. „Am Anfang war es schwer, ich konnte kein Wort Italienisch. Das hat sich freilich geändert.“ Die Familie würde sie oft besuchen, heim komme sie eher selten. „Natürlich fehlt mir Lienz ein bisschen.“
Dass sie im Mittelpunkt des Interesses steht, stört sie weniger. Und Druck spürt sie auch wenig. „Man muss das einfach ausblenden. Jeder hat seine Zeit, bei einem kommt sie früher, bei einem anderen später. Man muss nur seine Linie beibehalten.“
Die Stärken
Mental sei sie sehr stark, erzählt auch das Umfeld. Kein Wunder bei dem Stallkollegen, der lange die Nummer eins war und sich mit dem Spanier Carlos Alcaraz ein Duell an der Spitze liefert. „In mentalen Bereich kann ich mir viel von Jannik Sinner abschauen“, sagt Tagger, die in Spanien auch schon mit dem Superstar trainierte.
Social Media ist für sie noch kein Problem wie für einige andere Profis. „Noch bin ich nicht so weit und nicht so in der Öffentlichkeit, dass mich manche fertigmachen können. Bis jetzt ist alles gut gegangen“, sagte sie im August am Rande des Turniers in Amstetten.
Ein anderes Vorbild ist die Nummer eins bei den Frauen, die Belarussin Aryna Sabalenka. Die zwar nicht das gleiche Team hat, aber wie sie „alles ein bisserl lockerer und mit Humor“ nimmt.
Die Rückversicherung
Dominic Thiem hat Tagger zwar nicht genannt, doch eines verbindet sie mit Österreichs jahrelangem Sportaushängeschild – die Rückhand. „Ich habe ursprünglich die Rückhand beidhändig gespielt. Mit zehn Jahren wollte ich auf die einhändige Rückhand umstellen, aber mein Trainer und mein Papa fanden die Idee nicht gut. Also habe ich weiter beidhändig gespielt. Aber immer, wenn niemand geschaut hat, habe ich trotzdem die einhändige Rückhand eingebaut – und hatte dabei richtig Spaß“, erzählte Tagger in einem Interview mit dem Österreichischen Tennisverband. „Zwei Jahre später hatte ich mit meinem Trainer eine Wette: Ich habe gesagt, wenn ich das Turnier gewinne, stelle ich auf die einhändige Rückhand um. Wenn ich verliere, höre ich auf zu nerven und spiele einfach beidhändig weiter. Ich habe das Turnier gewonnen – und meine Rückhand umgestellt.“ Der Erfolg sollte ihr Recht geben.
Die Familie
Dass Tagger beim Tennis landete, ist freilich kein Zufall. In der Familie dreht sich alles um die Filzkugel. Die Eltern waren selbst Tennisspieler und irgendwann sagte Stephan: „ Jetzt verwende ich so viel Zeit mit diesem Tennis und es gefällt mir so. Warum machen wir nicht etwas draus?“ In der Folge haben er und Sabine Tagger viel zugunsten der Karriere von Lilli geopfert. Und werden freilich nun belohnt. Ihr Sprössling ist auf dem Sprung in die Top 100 und hat mittlerweile rund 200.000 Dollar an Preisgeldern verdient.
Was sind Lilli Taggers Ziele für das Jahr 2026? „Wir haben sehr konkrete Ziele und wissen, was wir erreichen wollen, trainieren im Vorfeld intensiv und versuchen, das dann in der Saison umzusetzen. Francesca Schiavone hat nach meinem Juniorinnensieg bei Roland Garros letztes Jahr gesagt, dass sie mich 2026 im Grand-Slam-Hauptfeld sieht. Ich habe das damals nicht geglaubt, aber nach dem Jahr 2025 ist das auch für mich ein Ziel, das wir verfolgen sollten.“
Das sollte gelingen, bis Mai, bis zum Start der French Open hat Tagger nicht allzu viele Punkte zu verteidigen. Dort ist sie seit dem Vorjahr schon ein Star. „Sie hat alles dafür getan, dass sie früh Profi wird und hat auch das ideale Umfeld gefunden, damit sie das umsetzt, was sie immer wollte“, sagt ÖTV-Frauenchefin Marion Maruska.
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