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Sport
05/04/2020

"Es fragt in Wien auch niemand, warum es Rapid und Austria gibt"

Zum 75. Geburtstag der Sportunion spricht Präsident Peter McDonald über Kinder, Corona und den Fußball.

von Florian Plavec

Peter McDonald (46)  war  von 2015 bis 2016 Generalsekretär der ÖVP und ist heute Vorstand bei Johnson & Johnson.  Seit Juli 2018 ist er  auch (ehrenamtlicher) Präsident der Sportunion, einem der drei Dachverbände des österreichischen Sports neben ASKÖ und ASVÖ. Die Sportunion wurde am 2. Mai vor 75 Jahren gegründet.

KURIER: Herr McDonald, eine Frage zum Aufwärmen:  Wie halten Sie sich während der Corona-Krise fit?

Peter McDonald: Ich bin einer der Nutznießer der Digitalisierungsoffensive, die wir mit der Sportunion gestartet haben. Die Vereine haben die Krise genutzt. Wir haben innerhalb von 14 Tagen auf unserer Homepage Digital Sports gestartet, wo 30 Vereine mittlerweile mehr als 200 Sportangebote für jede Woche aufstellen. Von Rückengymnastik über Krafttraining bis zu Zumba. Und ich versuche, zumindest jeden zweiten Tag mein Homeoffice zu unterbrechen, um neue Dinge zu probieren. Zumba war nicht so meins, Rückenfit hat bei mir sehr gut angeschlagen. Ich bin ja ein Büromensch in meinem Brotberuf. Es macht auch in einer Videokonferenz mehr Spaß, Sport mit anderen zu machen, als allein.

Das kann also ein Reinschnuppern in neue Sportarten sein?

So ist es. Und das ohne großem Aufwand und ohne Kosten. Da gibt’s tolle Geschichten, etwa Triathlon-Training im Wohnzimmer. Auch für Kinder gibt es  erstmals wirklich die Möglichkeit, die tägliche Turnstunde  auf der Homepage der Sportunion.  Sechs  mal 15 Minuten für die Volksschüler, die brauchen kleinere Portionen.

Andererseits: Die Schule fängt bald wieder an, die Turnstunden sind gestrichen.

Ich halte da nichts von Politiker-Bashing. Das Hochfahren ist nicht einfach, ich habe Verständnis dafür, dass man Klassen teilen muss und die Turnsäle als Infrastruktur für den Klassenbetrieb braucht. Aber mit etwas Fantasie und Kreativität kann man entweder ein kleines Fitnessprogramm in den Unterricht integrieren oder auch digital sports in die Klasse oder noch besser ins Freie holen. Kinder brauchen Sport und Bewegung. Das ist nicht nur für mich als Vater von fünf  Kindern sonnenklar, sondern auch jedem Lehrer.

„Wir bewegen Menschen“ ist der Leitspruch der Sportunion. Manche Sportarten mit Körperkontakt bleiben aber mehrere Monate lang verboten. Was kann man für diese Sportler machen?

Das Hochfahren kann nur funktionieren, wenn wir den Sport stufenweise hochfahren, die Gesundheit muss im Vordergrund bleiben. Und das trifft verschiedene Sportarten unterschiedlich. Natürlich kann Digital Sports Vereinssport nicht ersetzen. Wenn man nicht richtig Fußball spielen kann, bleibt ein Stück Wehmut zurück.  Sport ist Teil unserer Lebenskultur, so wie der Sportverein als soziale Einrichtung DNA der Österreicher ist.

Weshalb ist der Sport für eine Gesellschaft so wichtig?

Der Sport ist die beste Lebensschule für Kinder. Was man im Sport lernt, ist die Basis für das gesamte Leben. Leistungsorientierung,  gepaart mit Fairness in einem Teamgefüge. Außerdem ist es auf dem Sportplatz völlig unwichtig, welchen sozialen Hintergrund meine Sportpartner haben. Sport trägt in der Wertevermittlung einer Gesellschaft sehr viel bei.

Hat der Sport den Stellenwert, den er sich verdient?

Ich glaube, dass sich der Sport selbst oft schlecht verkauft, da müssen wir besser werden. Logischerweise stehen die Marcel Hirschers und Dominic Thiems im Vordergrund, aber ich würde mir wünschen, dass wir die vielen Ehrenamtlichen vor den Vorhang holen, die nach einem 40-Stunden-Job dann noch drei  mal die Woche Kinder auf den Platz raus führen.

Lange Zeit war der  Sport ein Anhängsel der Politik. Wie sehen Sie das aktuell?

Die Politik müsste einmal ein „Jahr des Sports“ ausrufen und alle Aktivitäten dem unterordnen. Warum nicht die mit öffentlichen Geldern erbauten Sportstätten für Sportvereine öffnen? Warum nicht die Sportvereine mehr in die Schulen holen? Erfreulicherweise hat die Politik in der Corona-Krise zumindest ein Zeichen gesetzt. Neben arbeiten und einkaufen gehen war auch Sport die Ausnahme aus der Ausgangsbeschränkung.

Am 2. Mai feierte die Sportunion den 75. Geburtstag. War waren die größten Leistungen?

Die Sportunion zeichnet aus, dass sie werteorientiert auf ihre Tradition setzt, gleichzeitig aber auch immer ein Innovationsmotor war für die Gesellschaft. Die Sportunion hatte sehr früh Damen an der Spitze, und sie hat etwa bereits Anfang der 50er für eine tägliche Bewegungseinheit in der Schule eingesetzt.

Seit Jahrzehnten gibt es die Diskussion um die drei Dachverbände Sportunion, ASKÖ und ASVÖ. Braucht es die wirklich?

Die flächendeckende Versorgung Österreichs mit 15.000 Sportvereinen ist etwas, worum uns viele Länder Europas beneiden. Darauf kann man stolz sein. Wichtig ist es jetzt, hundert Prozent aller Vereine durch die Krise zu bekommen. Gerade jetzt macht es sich bezahlt, dass sich drei Verbände die Betreuung dieser 15.000 Vereine aufteilen, diese österreichweit sicherstellen können und die Interessen der Sportvereine gegenüber der Politik gemeinsam kraftvoll vertreten.  In der Idee, was wir für die Gesellschaft leisten wollen, sind wir uns ohnedies sehr ähnlich. In der Arbeitsweise und im Zugang zum Ziel sind wir unterschiedlich, wie die Gesellschaft auch. Und es fragt in Wien auch niemand, warum es Rapid und Austria gibt.