Rad-Star Gall vor dem Giro: "Das Podium muss mein Ziel sein“
Das letzte Höhentrainingslager führte Felix Gall bereits in das Land seiner Radfahrer-Träume. Am Ätna in Sizilien stimmte sich der Osttiroler auf den Giro d’Italia ein, der am 8. Mai in Bulgarien startet.
Der Startschuss zum 109. Giro d„Italia erfolgt am 8. Mai in Nessebar in Bulgarien, am 31. Mai endet die Italien-Rundfahrt in Rom. Auf die Fahrer warten dabei 3.466 Kilometer und 48.600 Höhenmeter.
Die ersten drei Etappen finden allesamt in Bulgarien statt, auf dem 16. Teilstück macht der Giro einen Abstecher in die Schweiz.
2025 gewann der Engländer Simon Yates die Gesamtwertung.
Giro statt Tour
Felix Gall verzichtet heuer auf ein Antreten bei der Tour de France, sein Decathlon-Team setzt beim Saisonhöhepunkt auf den französischen Jungstar Paul Seixas (19). Österreichs Sportler des Jahres 2023 soll beim Giro d’Italia und im Herbst bei der Vuelta die Erfolge einfahren.
Für den 28-Jährigen ist es der zweite Start beim Giro, 2022 belegte er den 50. Platz. „Damals wollte ich nur ins Ziel kommen und hatte nicht ansatzweise die Leistungsfähigkeit, die ich jetzt habe.“
KURIER: Sie haben in dieser Saison einen anderen Fahrplan und bereits im Mai mit dem Giro d’Italia einen Höhepunkt. Hat das etwas in der Vorbereitung geändert? Felix Gall: Ich habe grundsätzlich jetzt nicht so viel anders gemacht als in den letzten Jahren. Aber natürlich muss man sich ein bisschen anpassen: Ich bin im Training früher als sonst größere Umfänge gefahren, war öfter im Höhentrainingslager und bin auch mit meinem Gewicht bereits niedriger als sonst um diese Jahreszeit.
Felix Gall nimmt zum zweiten Mal nach 2022 den Giro d'Italia in Angriff
Wissen Sie denn, wo Sie stehen? Sie haben heuer nur die UAE-Tour und die Katalonien-Rundfahrt bestritten?
Ich weiß, dass ich fit und gut drauf bin, das lässt sich auch an meinen Wattzahlen ablesen. Ich war bei den beiden Rundfahrten bei den Bergetappen vorne dabei, das tut immer gut, weil es eine Bestätigung ist, dass die Vorbereitung gepasst hat. Grundsätzlich bin ich sicher viel relaxter als früher.
Wenn jemand Fünfter bei der Tour de France war und Achter bei der Vuelta, wo muss, wo soll dann die Reise hingehen beim Giro?
Die Top Ten sind inzwischen sicher nicht mehr mein Anspruch. Das wäre mir nach dem letzten Jahr zu wenig. Ich habe wieder einen Schritt nach vorne gemacht, daher ist meine Schlussfolgerung: Das Podium bei einer Grand Tour muss mein Ziel sein. Ich weiß, das ist ein hohes und ambitioniertes Ziel, aber es ist auch realistisch, wenn alles perfekt läuft. Und ich habe heuer ja zwei Chancen.
Sie lassen die Tour de France aus und starten bei der Vuelta in Spanien.
Ich bin die Vuelta mittlerweile zwei Mal gefahren, aber immer mit der Müdigkeit der Tour de France in den Beinen. Da bin ich heuer wirklich gespannt, was dort möglich ist ohne die Belastung der Tour. Wenn ich den Sommer ganz bewusst rennfrei halte, mich erhole und mich gezielt auf die Vuelta vorbereite.
Felix Gall (*27.2. 1998) machte Schlagzeilen, als er 2015 als erster Österreicher Junioren-Weltmeister auf der Straße wurde. Dieser Erfolg verhalf dem Osttiroler später auch zu seinem ersten Jungprofivertrag.
Wegweisend war sein Wechsel 2022 zum heutigen Decathlon-Team. Seither geht„s in der Karriere von Felix Gall steil bergauf.
2023 gewann er erst eine Etappe bei der Tour de Suisse, um später bei seiner ersten Tour de France gleich die Königsetappe zu gewinnen - 2023 wurde er deshalb in Österreich zum Sportler des Jahres gewählt.
Bei der Tour de France landete Felix Gall auf den Rängen 8 (2023), 14 (2024) und 5 (2025). Bei der Vuelta belegte er im Vorjahr den achten Rang.
Worauf kommt es bei einer dreiwöchigen Rundfahrt an?
Ich habe gemerkt und gelernt, dass bei einer dreiwöchigen Rundfahrt die Konstanz das Um und Auf ist. Bei einer Tour de France ist es völlig normal, dass man einmal einen schlechten Tag hat. Entscheidend ist aber, dass man dann trotzdem performt. Dafür braucht man Vertrauen in sich und seinen Körper, und das habe ich inzwischen: Ich weiß, ich bin stark in den Bergen. Und ich habe mich als Fahrer weiterentwickelt.
Woran machen Sie das fest?
Bei der letztjährigen Tour de France waren die ersten zehn Etappen gar nicht nach meinem Geschmack. Viele Flachetappen, viel Unruhe im Feld. Ich habe mich dadurch nicht stressen lassen, sondern bin ruhig geblieben.
Der Giro d'Italia wird Felix Gall alles abverlangen
War das früher anders?
2024 hatte ich schlechte Laune, wenn ich auf so einer Etappe einmal eine halbe Minute verloren habe. Da habe ich mich selbst narrisch gemacht. Letztes Jahr habe ich mich darum nicht so geschert und gesagt: Ist halt so, nehmen wir so hin, abhaken und weitermachen. Dieser Zugang hat mir sehr viel Energie gespart.
Ist das auch eine Form von Reifeprozess?
Das kann man so sagen. Das betrifft aber auch unser Team. Die Teamkollegen wissen inzwischen, wie ich ticke und was ich brauche.
Sie haben sogar nach Ihrem Etappensieg bei der Tour de France 2023 gemeint, dass Sie immer noch Selbstzweifel plagen. Hat sich das mittlerweile gelegt?
Die Dichte ist so groß im Fahrerfeld, irgendwer fährt da immer brutal schnell. Und man kann dann sehr schnell das Gefühl kriegen, dass die anderen viel stärker sind. Mittlerweile traue ich mir viel mehr zu als noch vor zwei, drei Jahren: Ich weiß, dass ich das auch drauf habe, ich habe es ja schon öfter bewiesen. Dadurch bin ich viel gelassener geworden. Trotzdem ist es immer wieder beruhigend, wenn du die ersten Rundfahrten im Jahr hinter dich bringst und die Ergebnisse stimmen. Man braucht das schon auch immer schwarz auf weiß.
Nimmt Sie die Konkurrenz inzwischen anders wahr?
Gregor Mühlberger fährt seit heuer für unser Team und er hat nach den ersten Rennen gemeint, er hätte noch nie so viel Respekt im Fahrerfeld erlebt. Das betrifft unser Team, aber auch mich persönlich. Natürlich hängt das auch davon ab, wie man sich aufführt. Wenn man immer der Arsch ist, wird man nicht so viele Freunde im Feld haben.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den drei großen Rundfahrten Tour de France, Giro und Vuelta?
Der Unterschied zwischen Tour und Vuelta ist enorm, vor allem was das Stresslevel betrifft. Das Drumherum ist anders, auch die Fahrweise passt sich dem an. Der Giro ist für mich ein bisschen eine Unbekannte, weil es schon einige Jahre her ist, dass ich ihn gefahren bin. Von daher wird es eine interessante Erfahrung, weil ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt.
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