Am letzten Drücker: Mit einem Ausfallschritt verwandelt Mario Stecher (li) Blech in Silber.

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Dramatisches Finish: Stecher holt Silber
02/22/2013

Dramatisches Finish: Stecher holt Silber

Im Zielsprint einer vierköpfigen Spitzengruppe sichert sich der Routinier die Silbermedaille.

von Christoph Geiler, Günther Pavlovics

Der Leibarzt von Mario Stecher hat sich wohl schon wieder am Operationstisch gesehen. So ausgelassen und aufgedreht wie sein steirischer Dauer-Patient da im Auslauf der WM-Schanze von Predazzo herumhüpfte und sich dabei überhaupt nichts um sein lädiertes Bein scherte.

Keine zwei Monate sind erst seit dem letzten Eingriff am rechten Knie vergangen, der achten Operation überhaupt in den letzten Jahren, und was macht dieser Mario Stecher? Er weiß tatsächlich nichts Besseres zu tun, als sein beleidigtes Knie-Gelenk vor die ultimative Zerreißprobe zu stellen.

106 Meter, elf Meter über den K-Punkt, Tageshöchstweite – ausgerechnet der dienstälteste Nordische Kombinierer im Bunde, der Mann mit der längsten Krankengeschichte, sprang bei seinem Comeback sämtlichen Zweifeln und fast allen Konkurrenten auf und davon und legte mit Rang zwei im Skispringen den Grundstein für die Silbermedaille.

Mario Stecher war dann selbst ein wenig von seiner Courage überrascht. "Mir taugt es einfach, dass ich mich nach dieser Verletzung getraut habe, wirklich so weit zu springen", strahlte der 35-Jährige. Denn es war im Jänner wieder einmal ein zu weiter Sprung gewesen, bei dem er sich die letzte Knorpelverletzung zugezogen hatte. "Irgendwann bekommst du dann einfach ein wenig Respekt vor solchen Situationen", sagt der Steirer.

Harter Knochen

Doch Angst ist für Mario Stecher genauso ein Fremdwort wie Aufgeben. Sonst wäre er jetzt gar nicht hier in Predazzo, sonst hätte er nun nicht seine zweite Einzel-Medaille nach 1999 geholt. "Die Karriere war ja nach der letzten OP eigentlich schon beendet", berichtet der Oldie, "aber dann habe ich mir gedacht: Hey, probier’s einfach noch einmal. Nach der Saison wartet eh schon die nächste Operation. Mein Kreuzband ist nach den vielen OPs nämlich viel zu lang und mein Arzt wetzt schon die Messer."

Gedacht. Getan. Gewonnen. Auch wenn Mario Stecher bis zu seinem 106-Meter-Sprung selbst nicht an diesen silbernen Triumph glaubte. Noch 24 Stunden vor seinem Überraschungs-Erfolg hatte der Routinier im KURIER-Interview eine Medaille noch für "absolut utopisch und außer Reichweite" gehalten. Mit einem Ergebnis, wie jenem seiner Schwägerin Marlies Schild, die bei ihrem Comeback nach einer Knie-OP im WM-Slalom von Schladming in die Top Ten gefahren war, wäre Stecher bereits hochzufrieden gewesen.

Langer Atem

Doch der zweite Rang im Springen änderte schlagartig alles und er machte dem steirischen Stehaufmännchen Lust auf mehr. Vor allem weil er sich in seiner jahrzehntelangen Karriere – Stecher feierte 1993 sein Debüt im Weltcup – von einem Überflieger zu einem flotten Langläufer entwickelt hatte. Mit seinen 35 Jahren gilt der Österreicher heute nicht nur als gewiefter Loipen-Stratege, er ist zudem in der Kombination auch als Mann mit dem längsten Atem und dem besten Finish gefürchtet. Stechers beeindruckenden Spurtqualitäten haben Österreichs Kombinierer schon vier Team-Goldmedaillen zu verdanken (2006, 2010 bei Olympia, 2011 zwei Mal bei der WM in Oslo).

Und auch in Val di Fiemme suchte der Taktik-Fuchs gestern sein Heil wieder im Zielsprint. Als Vierter war er auf die Zielgerade eingebogen, mit einem Energieanfall auf den letzten Metern und einem Hechtsprung über die Ziellinie fing er die Deutschen Eric Frenzel und Björn Kircheisen noch um Haaresbreite ab und stürzte hinter dem Franzosen Lamy-Chappuis als Zweiter ins Ziel. "Knapper geht’s nicht. Ich hab’ am Anfang gedacht, dass ich Vierter geworden bin. Dass es jetzt so ausgegangen ist, das ist schon unglaublich kitschig. Einfach ein Traum."

Mit dieser Silbermedaille krönte Stecher eine beeindruckende Karriere, die 1994 mit dem ersten Weltcupsieg auf dem Holmenkollen begann. "Auf diese Einzelmedaille habe ich lange warten müssen. Gott sei Dank habe ich nicht aufgehört. Es hat sich ausgezahlt, dass ich weitergemacht habe."

GOTTWALD STECHER

Archivbild MARIO STECHER

SKIING-NORDIC COMBINED-STECHER

OLYMPISCHE WINTERSPIELE VANCOUVER 2010 - NORDISCHE

NORDISCHE SKI-WM IN OSLO:NORDISCHE KOMBINATION TEA

Czech Republic Nordic Combined World Cup

Austria's Stecher competes ahead of Fletcher of th

AUSTRIA NORDIC COMBINED WORLD CUP

NORDISCHE SKI-WM IN VAL DI FIEMME: NORDISCHE KOMB

RUSSIA SOCHI 2014 OLYMPIC GAMES

Sternstunden und Tiefschläge

Mario Stecher ist das Stehaufmännchen im ÖSV-Team der Nordischen Kombination. Der Verlauf seiner langen Karriere gleicht einer Achterbahn, unmittelbar vor seiner wohl letzten WM wendete sich für den gebürtigen Steirer wieder einmal alles zum Positiven. Mit 35 Jahren und nur rund eineinhalb Monate nach seiner neunten Knieoperation eroberte er am Freitag im Val di Fiemme Silber im Einzelbewerb von der Normalschanze.

Der am 17. Juli 1977 in Eisenerz geborene Stecher war fulminant in seine Karriere gestartet. Mit nur 16 Jahren avancierte er am Holmenkollen bei Oslo (15.1.1994) zum immer noch jüngsten Sieger der Weltcupgeschichte, seine optimalen Flugeigenschaften ermöglichten einen uneinholbaren Vorsprung für das Laufen.

Seither musste sich der Junioren-Weltmeister von 1994 mehrfach auf neue Regeln einstellen, forcierte das Lauftraining und entwickelte sich nach einigen Rückschlägen ("Die Sprungform ist den Bach runtergegangen") auch in der Skatingspur zu einem der Besten.

Formkrisen

Dank seiner Cleverness und Sprintstärke feierte der Vater zweier Kinder, der mit Carina Raich, der Schwester des Alpin-Stars Benjamin, verheiratet ist, seine schönsten Erfolge. U.a. gemeinsam mit Felix Gottwald jubelte Stecher über Team-Gold bei den Olympischen Spielen 2006 und 2010 und zuletzt über zweifaches WM-Gold mit dem Team in Oslo 2011.

Doch zwischen diesen Sternstunden musste Stecher auch tiefe Wellentäler durchtauchen. Wegen Verletzungen und Formkrisen stand er sogar schon kurz davor, das Handtuch zu werfen. Stecher musste lernen, mit Schmerzen zu leben.

Doch der nun in Arzl im Pitztal lebende Eisenerzer kämpfte sich nach einem 2000, einem Jahr nach der Silbermedaille bei der Heim-WM in Ramsau, erlittenen Kreuzbandriss ebenso wieder zurück wie nach weiteren Knieverletzungen und Tiefs, die etwa die Nominierung für die WM 2003 im Val die Fiemme (Teamgold für den ÖSV) verhinderten. "Da frisst dich innerlich der Neid", gab er später zu. Zehn Jahre danach kann er dank seiner insgesamt neunten Medaille auch dieses Kapitel abhaken.

Stehvermögen

Im Dezember 2005 gelang ihm der erste Weltcupsieg nach siebeneinhalb Jahren, drei Monate später folgte Olympia-Gold. So wie in Turin (Pragelato) bezwang er als Schlussläufer die Konkurrenz in Oslo 2011 gleich zweimal. Erneut nach einer nur wenige Wochen zuvor erlittenen Knieverletzung.

Vor den aktuellen Titelkämpfen musste er sich wegen eines Knorpelschadens sogar einem Eingriff unterziehen - erneut kam der Gewinner von zwölf Weltcup-Bewerben rechtzeitig zurück. Mit einem 106-m-Sprung legte er den Grundstein, im Langlauf bewies er trotz einer Wettkampfpause Stehvermögen und Sprintstärke.

Stecher bringt Spitzenleistungen, beschwerdefrei ist er aber keineswegs. "Auf der Schanze tut nichts weh, aber normal laufen kann ich nicht. Ein Lauftraining (ohne Ski, Anm.) ist kein Thema."

Jason ist wieder der King der Kombinierer

Ein amerikanischer Franzose – oder französischer Amerikaner? – ist seit 2010 der Kombinator des Winters. Jason Lamy-Chappuis wurde vor 26 Jahren in den USA, der Heimat seiner Mutter geboren. Doch schon 1991 übersiedelte die Familie in die Heimat des Vaters, in den französischen Jura. 2004 tauchte er im Weltcup auf, 2006 – mit 20 Jahren – gewann er seinen ersten Weltcupbewerb. Und er sorgte als Vierter bei den Olympischen Spielen in Turin für einiges an Aufsehen.

Seit 2010 gewann er drei Mal in Folge den Gesamtweltcup, 2010 krönte er sich auch zum Olympiasieger. 2011 ging auch in Oslo ein WM-Titel an ihn. Lamy-Chappuis war immer ein ausgezeichneter Skispringer. Vor zwei Jahren trat er auf der Skiflugschanze in Planica gegen die Spezialspringer an und wurde Achter.

Lamy-Chappuis sprang schon mit vier Jahren von Schanzen. Er ist fasziniert vom Fliegen. Seine Homepage hat "Flying Jason" im Stil eines Flughafens entwerfen lassen. Mittlerweile ist er aber auch in der Loipe einer der Allerbesten der Welt.

Trotzdem sagt er: "Nach meinem Sprung war ich frustriert, mehr als eine Minute Rückstand war sehr viel." Doch er machte nicht nur 1:13 Minuten Rückstand auf den Halbzeitführenden Klemetsen gut, sondern mischte mit ausgezeichnetem Material an den Füßen die gesamte Konkurrenz auf.

Schon am Vortag hatte er die Langläufer beobachtet und sich eine Taktik für die letzte Abfahrt ins Ziel zurecht gelegt, die dank seiner Rennski auch aufging. Dennoch sagte er: "Die Zielgerade wurde immer länger, ich hatte Krämpfe. Aber zum Glück ist es sich ausgegangen."

www.flying-jason.com

Mario Stecher

Geboren: 17.7.1977 in Eisenerz (St)Wohnort: Arzl im Pitztal (T)Größe/Gewicht: 1,78 m/62 kgFamilienstand: verheiratet mit Carina Stecher-Raich, Söhne David und LuisVerein: WSV EisenerzHobbys: Motocross, BergeHomepage: www.mario-stecher.at

Größte Erfolge:Olympia (3 Medaillen - 2/0/1): Gold Team Turin 2006 und Vancouver 2010 sowie Bronze Team Salt Lake City 2002 5. Einzel Vancouver 2010, 6. Einzel Salt Lake City 2002

WM (2/3/1): Gold Team Oslo 2011 Normalschanze und Großschanze, Silber Sprint Ramsau 1999, Normalschanze Val di Fiemme 2013 und Team Lahti 2001, Bronze Team Trondheim 1997

Weltcup: 12 Siege (zuletzt Jänner 2010); Gesamt-2. 1997/98 Jüngster Sieger im Weltcup (mit 16 Jahren am 15.1.1994 in Oslo/Holmenkollen)

Junioren-WM: Gold Einzel 1994 und Team 1995

Einzel-Medaillengewinner des ÖSV

Die Einzel-Medaillengewinner des ÖSV in der Nordischen Kombination bei Ski-Weltmeisterschaften (noch keine Goldmedaille):

Silber (4): Klaus Sulzenbacher (1991 Val di Fiemme), Mario Stecher (1999 Ramsau und 2013 Val di Fiemme), Felix Gottwald (2003 Val di Fiemme)

Bronze (6): Harald Bosio (1933 Innsbruck), Klaus Ofner (1991 Val di Fiemme), Felix Gottwald (2001 Lahti, 2003 Val di Fiemme, 2005 Oberstdorf, 2011 Oslo)

Unglaublich kitschig

Mario Stecher (AUT/Vizeweltmeister): "Ich bin froh. Es war bis zum Schluss ein lässiges Rennen. Ich dachte am Anfang, dass ich Vierter geworden bin, aber es ist Gott sei Dank die Medaille geworden. Es war ganz, ganz knapp. Es ist ein Traum, vor sechs Wochen bin ich daheim gelegen und habe mir gesagt: 'Jetzt höre ich auf.' Und jetzt das, das ist schon unglaublich kitschig."

Christoph Bieler (AUT/WM-Achter): "Es war ein brutal hartes Rennen und ewig lang. Für mich war es um eine Spur zu schnell, weil ich mit dem Mario mitgegangen bin. Es ist wunderschön, dass Mario Vizeweltmeister geworden ist. Ich vergönne es ihm von ganzem Herzen, er hat so viel mitgemacht in den vergangenen Jahren. Es zeigt, was für ein Kämpferherz er hat und was für ein Topsportler er ist."

Bernhard Gruber (WM-13.): "Es war extrem schwer. Ich wollte zum Magnus Moan auflaufen, aber er hat Schwierigkeiten gehabt. Ich wollte dann mit Jason Lamy Chappuis mitgehen, aber das habe ich nicht geschafft. Ich bin recht zufrieden mit dem Langlauf, aber ich muss es halt über das Springen machen. Ich erwarte mir mehr. So ein Fehler genau beim Wettkampfsprung darf nicht passieren. Man muss nur weit springen und schön laufen, sich auf die wesentlichen Sachen konzentrieren. Ich habe Mario die Medaille zugetraut, denn ich habe schon im Training gemerkt, dass er wieder zurück ist. Er ist ein Fuchs, ich vergönne ihm diese Medaille von ganzem Herzen."

Willi Denifl (WM-20.): "Ich wollte mehr, habe alles probiert und riskiert, es ist mir aber leider nicht aufgegangen. Es war mir doch zu schnell im Langlauf. Die Gruppe war zu schnell, da macht nicht nur der Kopf, sondern auch die Füße zu. Mir taugt es voll, dass Mario die Silbermedaille gewonnen hat."

Christoph Eugen: "Das sind oft so Geschichten, die das Leben schreibt, die nicht vorhersehbar sind. Dass der Mario, die Medaille macht - und vor allem schon den Sprung, den er herausgehaut hat, das war unglaublich. Ich habe am Turm oben Saltos geschlagen."

Zum Zielsprint: "Das war brutal. Die beste Werbung für die Kombination. Er ist mit einem guten Schuss von der Abfahrt gekommen und es hat ihm der Jason ein bisschen zugemacht, so hat er nicht den ganzen Schwung mitnehmen können. Silber ist gut - nach 1999 wieder eine Einzelmedaille - es gibt nicht so viele ÖSV-Athleten, die eine Einzelmedaille gemacht haben."

Nordische Kombination

Name Land Zeit
1. Jason Lamy Chappuis (FRA) 29:13,2 (11. Springen/6. Langlauf)
2. Mario Stecher (AUT) +0,2 (2. Springen/17. Langlauf)
3. Björn Kircheisen (GER) +0,3 (12. Springen/2. Langlauf)
4. Eric Frenzel (GER) +0,5 (6. Springen/12. Langlauf)
5. Haavard Klemetsen (NOR) +16,2 (1. Springen/35. Langlauf)
6. Taihei Kato (JPN) +24,7 (5. Springen/18. Langlauf)
7. Marjan Jelenko (SLO) +32,3 (4. Springen/29. Langlauf)
8. Christoph Bieler (AUT) +35,5 (3 Springen./36. Langlauf)
9. Akito Watabe (JPN) +36 (14. Springen/10. Langlauf)
10. Magnus Krog (NOR) +47,4 (29. Springen/4. Langlauf)
Weiter:
13. Bernhard Gruber (AUT) +1:01,0 (10. Springen/22. Langlauf)
20. Wilhelm Denifl (AUT) +1:29,9 (9. Springen/38. Langlauf)
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