© REUTERS/ISSEI KATO

Sport
08/31/2021

Gold-Jubel bei den Paralympics: "Wie ein Baby das Leben lernen"

Fünf Österreicher haben bei den Paralympics in Tokio schon sechs Medaillen geholt. Fast alle vereint, dass in der Rehabilitation nach Unfällen durch den Sport Ziele für das neue Leben fanden.

"Es gibt immer einen Weg, aus einer schwierigen Situation das Maximum herauszuholen." Es klingt nach einem Lebensmotto, was Walter Ablinger am Dienstag in Tokio gesagt hat. Er habe es erst gar nicht glauben können, dass er beim Einzelzeitfahren mit dem Handbike der Schnellste in seiner Behindertenklasse H 3 war.

Walter Ablinger hat bei den Paralympics, den Olympischen Spielen für Behinderte, eine Goldmedaille gewonnen – wie schon 2012 in London im Straßenrennen. Der 52-jährige Oberösterreicher durfte am Fuße des höchsten japanischen Berges (3776 Meter) feiern, auf dem "Fuji Speedway" – wo vor einem Monat Anna Kiesenhofer Olympiasiegerin im olympischen Straßenrennen wurde.

Walter Ablinger aus Rainbach bei Schärding hat Zimmermann gelernt und ist seit einem Arbeitsunfall, bei dem er 1999 von einem Dach stürzte, querschnittgelähmt. "Danach musst du anfangen wie ein Baby, das Leben zu lernen. Da ist der Sport dann eine Stütze."

Er wurde aber mehr. Vor zwölf Jahren legte er sich ins Handbike. "Vier Jahre habe ich gebraucht, um mit den österreichischen Topathleten mitzuhalten", erinnert er sich. Am Dienstag konnte keiner mit ihm mithalten. "Sobald das Helmband zu ist, bin ich in einer anderen Welt. Dann bin ich wie ein Rennpferd, einfach nur Vollgas", sagte Ablinger.

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Sport als Reha

20 Minuten vor Ablinger hatten Thomas Frühwirth und Alexander Gritsch in der Klasse H4 die Plätze zwei und drei erreicht. "Die Strecke mit den vielen Höhenmetern und den technisch sehr anspruchsvoll zu fahrenden Kurven hat mir alles abverlangt", sagte der 41-jährige Steirer Frühwirth.

Sie alle vereint, dass sie nach Unfällen in der Reha Sport betrieben haben und dieser dann zu einem Ziel im neuen Leben wurde. "Sport ist für viele eine Motivation, wieder ins Leben zurückzufinden", sagt Maria Rauch-Kallat. Die 72-jährige Ex-Ministerin ist Präsidentin des Österreichischen Paralympischen Committees (ÖPC) und in Tokio vor Ort. Sie erinnert sich auch an ihre blinde Tochter, die von einer Schulwoche mit dem Segelschein zurückkam: "Den hat sie stolz hergezeigt. Für eine pubertierende 15-Jährige war das ein gewaltiger Sprung nach vorne."

Für viele der Athleten in Tokio war der Sport der Weg zurück ins Leben. Ablinger: "Mir haben meine Werte geholfen, meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit und nicht zuletzt der Sport." Florian Brungraber, der Silberne im Triathlon sagt: "Ich lernte in der Reha unterschiedliche Sportarten kennen, startete 2014 bei ersten Para-Handbike-Rennen und probierte Triathlon. Da erkannte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Talent in mir."

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Kein fauler Hund

Alexander Gritsch musste sich ebenfalls mit einem Leben im Rollstuhl anfreunden. Zwei Jahren nach dem schweren Verkehrsunfall meint sein Freund, dass er "kein fauler Hund sein soll und sich einen Sport auswählen" solle. Der Tiroler nahm das Handbike, und die Faszination Sport ließ ihn nicht mehr los. "Niemand kann garantieren, dass ich mein Ziel erreiche, aber wenn man nicht aufgibt, hat man sein Ziel nie verloren."

Tokyo 2020 Paralympic Games - Cycling Road

Josef "Pepo" Puch, zweifacher Silberner von Tokio, hingegen war immer schon begeisterter Reitsportler. Bei seinem schweren Reitunfall war seine Tochter sechs Monate alt. Er hatte eine inkomplette Querschnittlähmung. Das Ziel lautete: "Sie soll mich nicht im Rollstuhl sehen." Nach Monaten erreichte er, dass er wieder seine Hand bewegen konnte. Er schaffte es, eingeschränkt wieder gehen zu können. Und er setzte sich wieder aufs Pferd.

  • Josef "Pepo" Puch

Zwei Mal Silber, Reiten: Der in Graz geborene Wahl-Schweizer Josef "Pepo" Puch holte im Dressurreiten auf Sailor’s Blue zwei Medaillen. Der 55-Jährige war Vielseitigkeitsreiter, bis er sich 2008 bei einem Sturz Brüche im Bereich des dritten und vierten Halswirbels und eine inkomplette Querschnittlähmung zuzog. Er schaffte es, eingeschränkt wieder gehen zu können. 

  • Florian Brungraber

Silber, Triathlon: Der 37-Jährige aus Lasberg in der Nähe von Freistadt im oberösterreichischen Mühlviertel kam nach 750 Metern Schwimmen, 20 Kilometern im Handbike und 5 Kilometern im Rennrollstuhl als Zweiter ins Ziel. Brungraber hatte mit 26 Jahren einen Unfall mit einem Paragleitschirm, bei dem er sich eine inkomplette Querschnittslähmung im Bereich de Lendenwirbel  zuzog.

  • Thomas Frühwirth

Silber, Handbike: Der 40-jährige als Edelsbach bei Feldbach in der Steiermark holte im Einzelzeitfahren mit dem Handbike wie schon vor fünf Jahren in Rio die Silbermedaille. 2004 hatte der gelernte Kfz-Mechaniker während einer Urlaubsfahrt in Polen einen Unfall mit dem Motorrad. Die Folge war eine inkomplette Querschnittlähmung. Seit 2008 ist er im Behindertensport.

  • Alexander Gritsch

Bronze, Handbike: Der 39-Jährige aus dem Tiroler Ort Tarrenz wurde am Dienstag bei seinen ersten Paralympics hinter seinem Landsmann Frühwirth Dritter. Nach einem Autounfall im Jahr 2005 ist er ab dem 12. Brustwirbel gelähmt. Bei einem Steakessen legten 15 Freunde je 1.000 Euro auf den Tisch, um dem Polizisten ein renntaugliches Handbike aus Kohlefaser zu finanzieren.

  • Walter Ablinger

Gold, Handbike: Der 52-Jährige aus der Nähe von Schärding gewann am Dienstag in seiner Behindertenklasse. 2012 und 2016 hatte er jeweils Silber im Einzelzeitfahren errungen, 2021 ist es Gold im Straßenrennen. Der gelernte Zimmermann stürzte 1999 bei einem Arbeitsunfall vom Dach 3,5 Meter in die Tiefe. Seither ist der dreifache Familienvater vom 10. Brustwirbel abwärts gelähmt. 

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