Der Mann der Stunde: Max Verstappen

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Sport Motorsport
07/30/2019

Wie Max Verstappen Mercedes und Ferrari das Fürchten lehrt

Nach zwei Siegen in den jüngsten drei Rennen nimmt der Red-Bull-Pilot in der Formel-1-WM weiter Fahrt auf.

von Philipp Albrechtsberger

Am Ende kannten die Sieger kein Erbarmen. Der Triumph von Max Verstappen am Sonntag in Hockenheim hat auch bei Motorenlieferant Honda Spuren der Erleichterung und Anflüge der Ekstase hinterlassen. Auf Twitter schrieben die sonst so demütigen Japaner nach dem zweiten Saisonsieg innerhalb von nur drei Rennen: „Das sind GP2-Siege 2019.“ Eine feine, klug formulierte Spitze, gerichtet gegen Formel-1-Pensionist Fernando Alonso.

Sie traf ihn am Tag seines 38. Geburtstages. Der Spanier war es, der in der Vergangenheit die Leistungsschwäche seines McLaren-Autos stets am Honda-Triebwerk festgemacht hatte. Legendär sein Funkspruch: „GP2-Motor!“ Dazu muss man wissen: Die GP2 (mittlerweile in Formel 2 unbenannt) ist eine Nachwuchsrennserie, den Triebwerken fehlen rund 300 PS auf jene, die in der Königsklasse zum Einsatz kommen.

Zur Genugtuung gesellte sich bei Honda und Red Bull auch jede Menge Selbstvertrauen. „Wir waren schneller als Mercedes“, sagte Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko und ließ vor dem Rennen in Ungarn am Sonntag mit einer Kampfansage aufhorchen: „Es gibt keine Strecke mehr, vor der wir uns fürchten müssen.“

Tatsächlich hat das österreichische Team die Schwächen aus den vorangegangenen Saisonen beseitigt und gemeinsam mit Honda ein Auto gebaut, das unter allen Umständen (Hitze in Spielberg, Regen in Hockenheim) und auf allen Streckentypen siegfähig erscheint.

„Es gab nicht einen Schlüssel zum Erfolg, sondern viele Bausteine“, sagt Marko. Nicht nur auf der Strecke bewies die Renngemeinschaft ihre Klasse. Die Boxencrew übertraf bei einem Stopp von Verstappen den eigenen Weltrekord: 1,88 Sekunden benötigte man für das Ab- und Aufstecken von acht Reifen.

In der aktuellen Form ist der Rennstall spätestens 2020 ein ernst zu nehmender Titelkandidat, die Rolle des ersten Mercedes-Jägers hat man heuer bereits Ferrari abgenommen. An eine Wende im WM-Rennen glaubt freilich (noch) niemand. Doch immer wenn die Silberpfeile bisher Schwächen zeigten (Hamilton: „Ich bin auch nur ein Mensch“), war Verstappen zur Stelle.

Noch heuer wird der Niederländer im Alter von nur 22 Jahren seinen 100. Grand Prix bestreiten. Die Erfahrung kommt beim einstigen Wunderkind längst zum Tragen. Kam er 2017 noch bei jedem dritten Rennen nicht ins Ziel, liegt seine Ausfallquote aktuell bei null Prozent. Schlechtestes Resultat 2019 ist ein fünfter Platz. Lob gab es nach dem turbulenten Grand Prix am Sonntag daher auch von seinem Teamchef Christian Horner: „In solchen Rennen sticht er wirklich heraus.“

Das hat längst auch die Konkurrenz erkannt. Mercedes und Ferrari haben in der Vergangenheit bereits mehrmals um die Steuer-Künste des Niederländers geworben. Zumindest bis Ende 2020 steht er noch bei Red Bull unter Vertrag. Doch auch die Österreicher haben sich noch nicht festgelegt, ob sie der Formel 1 ab 2021 angehören wollen, wenn ein neues Reglement die Königsklasse grundlegend verändern wird. Siege sind nicht die schlechteste Entscheidungshilfe.

Es gab viele Gewinner in Hockenheim, aber auch einige Verlierer – der wohl größte war Valtteri Bottas. Der finnische Mercedes-Pilot war nicht der Einzige, der bei den schwierigen Bedingungen die Kontrolle über seinen Boliden verlor, der Zeitpunkt seines Ausrutschers könnte aber kaum fataler sein. Der 29-Jährige steht seit Wochen unter Beobachtung. Es geht um den Verbleib beim besten Formel-1-Team, in der Sommerpause im August soll eine Entscheidung fallen.

Am Sonntag hätte Bottas Werbung in eigener Sache machen können. Als sein Teamkollege Lewis Hamilton strauchelte, lag es an ihm, beim Heimrennen der  Deutschen einen Silberpfeil auf das Podest zu bringen. Doch auf der Jagd nach Lance Stroll und Daniil Kwjat in den unterlegenen Rennwagen von Racing Point beziehungsweise Toro Rosso, rutschte er von der Strecke in die Bande.

Der Blick auf den WM-Stand mag blenden. Mercedes hat komfortable 148 Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger, der sechste WM-Titel in Folge scheint Formsache. Bottas hat   auch in seinem vierten Jahr beim Werksteam  großen Anteil daran. Doch die Verantwortlichen haben  – nicht unberechtigte –  Zukunftssorgen. Verlässt Hamilton, 34, nach der Saison 2020 mit WM-Titel Nummer sieben die Formel 1, brauchen sie adäquaten Ersatz. Dass der fünffache Rennsieger Bottas diese Rolle ausfüllen kann, wird immer unwahrscheinlicher. Erster Ersatzkandidat ist Esteban Ocon. Doch der Franzose, derzeit ohne fixes Cockpit, braucht dringend Rennkilometer. Er könnte sie 2020 im Wagen von Bottas sammeln.