Ohne Maulkorb: „Wenn man etwas zu sagen hat, kann man das nach wie vor tun“, sagt Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel.

© Reuters/LEONHARD FOEGER

Interview
09/22/2013

Vettel: „Es geht hier immer darum, zu gewinnen“

Der Red-Bull-Star in der Formel 1 steuert WM-Titel Nummer vier entgegen. Im großen Interview spricht der 26-Jährige über Rückschläge, die Gefahr im Cockpit und die Herausforderungen 2014.

von Philipp Albrechtsberger

Nur einem musste Sebastian Vettel zuletzt den Vortritt lassen: Günther Jauch. Der Fernsehmoderator hat laut einer kürzlich veröffentlichten Markenstudie den höchsten Celebrity-Indexwert in Deutschland. Auf Platz zwei folgt Sebastian Vettel.

Es ist eine der wenigen Niederlagen, die der Formel-1-Pilot verschmerzen kann. Der 26-jährige Deutsche, jüngster Dreifach-Weltmeister in der Geschichte der Rennserie, meidet das Rampenlicht ohnehin so gut es geht. Mit Privatsponsoren geht der Red-Bull-Pilot sorgfältig um, an lukrativen Angeboten mangelt es nicht.

Im Bilde ist Sebastian Vettel dennoch – seit wenigen Wochen auch in Österreich. Für den Online-Reifenhändler Tirendo (www.tirendo.at) stellte er sich vor die Kamera, der Spot läuft erstmals auch im österreichischen TV. Die wachsende Popularität bekam nun auch José Mourinho zu spüren: Vettel löste den exzentrischen Fußballtrainer ab als weltweiten Markenbotschafter des Rasierer-Herstellers Braun.

Im Gegensatz dazu verfügen Vettels schärfste Rivalen der Rennbahn, Mercedes-Star Lewis Hamilton und Ferrari-Chefpilot Fernando Alonso, über jeweils gut ein Dutzend Privatsponsoren.

Akribie & Perfektion

„Verpflichtungen kosten Zeit. Da ist mir Freizeit lieber“, sagt Vettel. Wesentlich mehr Zeit als auf den roten Teppichen dieser Welt verbringt er auf dem grauen Asphaltstreifen im Fahrerlager der Formel 1.

Vettel wird als akribischer Arbeiter beschrieben und als fordernder Chefpilot. Er soll einer der Letzten sein, die das Ingenieurbüro am Abend verlassen. Das macht sich bezahlt: Vor dem Großen Preis von Singapur am Sonntag hat Vettel im WM-Klassement 53 Punkte Vorsprung auf Alonso. Geht es nach den Experten, ist ihm die Weltmeisterschaft kaum noch zu nehmen. Mit WM-Titel Nummer vier hätte Sebastian Vettel nur noch Juan Manuel Fangio (fünf) und Michael Schumacher (sieben) vor sich.

KURIER: Herr Vettel, Sie müssen es wissen: Was macht einen Formel-1-Champion aus?
Sebastian Vettel: Ich kann nicht für die anderen Formel-1-Fahrer sprechen, sondern nur für mich. Es zählt eine Mischung aus Spaß, Ehrgeiz und Ernsthaftigkeit.

Bei Ihnen scheint es seit ihrem Aufstieg in die Formel 1 ständig bergauf zu gehen. Fürchten Sie Ihre erste Krise?
Angst habe ich keine vor einer Krise. Aber Schwierigkeiten gehören zu einem Sportlerleben und sind dazu da, dass man sie bewältigt.

2009, in Ihrem zweiten vollen Jahr in der Formel 1, sind Sie bereits Vizeweltmeister geworden. Haben Sie Platz zwei dennoch als Misserfolg gesehen?
Im Nachhinein war es ein Erfolg, aber ich gebe zu: Ich bin ziemlich niedergeschlagen gewesen, als ich mathematisch den Titel nicht mehr gewinnen konnte. Es geht in der Formel 1 immer darum, zu gewinnen.

Sind Sie gelassener geworden, was Rückschläge betrifft?
Natürlich wird man durch die Erfahrung und durch das Wissen um die eigenen Stärken etwas gelassener. Aber Gelassenheit bedeutet nicht, dass man lockerlässt.

Im kommenden Jahr rückt der neue Turbomotor in den Mittelpunkt, Red Bull ist nur Kunde und kein Motorenhersteller wie Ferrari oder Mercedes. Fürchten Sie um die Vormachtstellung Ihres Teams?
Wir fangen alle bei Null an, und bestimmt sind die Top-Teams wieder ganz oben auf der Liste. Ich vertraue in die Fähigkeiten von Renault.

Inwieweit kann ein Fahrer auf die Entwicklung eines neuen Autos Einfluss nehmen?
Er kann seine Wünsche im Vorfeld äußern, aber entscheidend ist etwas anderes.

Was denn?
Dass der Fahrer bei seiner ersten Ausfahrt den Ingenieuren das richtige Feedback gibt.

Erklären Sie uns die Faszination eines Formel-1-Autos aus Sicht des Fahrers.
Die unglaubliche Geschwindigkeit mit den daraus resultierenden Fliehkräften ist kaum vorstellbar. Außerdem fasziniert mich immer noch die komplexe Technik eines solchen Formel-1-Boliden.

Demnächst startet der viel beachtete Kinofilm „Rush“, in dem es um das WM-Duell zwischen Niki Lauda und James Hunt geht. Konnten Sie den Film vorab sehen?
Leider noch nicht. Aber ich werde ihn mir ansehen, sobald ich die Gelegenheit habe. Bisher habe ich nur Positives gehört.

Lauda gilt als der perfektionistische Vorzeigesportler, Hunt als der verwegene Lebemann. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Ihnen Lauda näher ist als Hunt?
Lauda ist mir deshalb näher, weil ich ihn persönlich kennengelernt habe, über James Hunt kann ich leider nichts sagen, weil ich ihn nur aus Erzählungen und aus dem Fernsehen kenne.

Die Formel 1 war damals für viele ein Himmelfahrtskommando. Seit Ayrton Senna 1994 ist niemand mehr tödlich verunglückt. Spielt die Gefahr im Cockpit überhaupt noch eine Rolle?
Man ist sich der Gefahr immer bewusst, aber Angst ist ein schlechter Beifahrer. Respekt gehört dazu. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt auf der Strecke ohnehin nicht. Man ist ständig damit beschäftigt, aus der Situation das Beste zu machen.

Die Professionalisierung hat dazu geführt, dass Fahrer für kritische Aussagen immer öfter gerügt werden. Auch Sie hat es schon getroffen. Wie gehen Sie damit um?
Wenn man etwas zu sagen hat, kann man das nach wie vor tun. Es wird heute nur außerhalb des Fahrerlagers stärker aufgeblasen.

Ihr Teamkollege Mark Webber zieht sich am Ende dieser Saison aus der Formel 1 zurück. Ihre Partnerschaft war eine der schärfsten, aber auch prägendsten der letzten Jahrzehnte. Was werden Sie ihm nach dem letzten Rennen sagen?
Ich werde ihm alles Gute für die Zukunft wünschen. Er hat mich über die Jahre hart gefordert. Auch dank ihm bin ich hungrig geblieben.

Und vermutlich werden Sie dann vierfacher Weltmeister sein!
Das ist derzeit viel zu früh. Ich darf mich damit nicht beschäftigen. Auch wenn das vielleicht abgedroschen klingt: Ich gehe Rennen für Rennen an. Ein Formel-1-Grand-Prix ist zu komplex.

Vettels Rivalen spielen auf Zeit

Wer kann Sebastian Vettel stoppen? Das ist die Frage, um die die Formel 1 seit mehr als drei Jahren kreist. Heuer vermutlich niemand. Zu souverän zieht der Deutsche seine Kreise, zu stabil läuft sein Dienstwagen, der RB9.

Da hilft es wohl nur, auf bessere Zeiten zu warten. Und die sollen bereits ab 2014 kommen. Denn da steht der Formel 1 einer der größten technischen Umbrüche in der 63-jährigen Geschichte der Rennserie bevor: Die V8-Saugmotoren mit 2,4 Liter Hubraum wandern ins Museum und werden durch V6-Turbomotoren (1,6 Liter) ersetzt. An der gewaltigen Leistung ändert die Verkleinerung freilich nichts: Den Formel-1-Fahrer katapultieren weiterhin 760 Pferdestärken in rund 2,5 Sekunden von null auf Tempo 100.

Geringer Verbrauch

Die neuen Triebwerke sind zwar um 40 Kilogramm schwerer, verbrauchen dennoch um 40 Prozent weniger Treibstoff. Für die Motorenhersteller Renault, Ferrari, Mercedes sowie ab 2015 Honda war das die Hauptbedingung, um der Königsklasse erhalten zu bleiben bzw. – im Fall von Honda – wieder einzusteigen.

Die Motoren der neuen Turbo-Ära sind Meisterwerke der Ingenieurskunst. Im Gegensatz zur aktuellen Generation gibt es zwei zusätzliche Energiequellen. Die eine Einheit wandelt Bremsenergie um (ähnlich dem derzeitigen KERS-System), die zweite generiert Leistung aus der Wärme des Turboladers. Allein dadurch stehen den Piloten weitere 160 PS zur Verfügung. „Ich empfinde Demut bei dieser Ingenieursleistung“, sagt Ex-Weltmeister Alain Prost, der Markenbotschafter von Renault.

Diese Ingenieursleistung hat ihren Preis: Die zehn Motoren pro Rennstall und Jahr kosten die Kundenteams rund zwanzig Millionen Euro. Bereits jetzt stöhnen die kleineren Teams ob der finanziellen Mehrbelastung: „Das nächste Jahr wird das teuerste“, sagt Caterham-Boss Tony Fernandes. „Da läuft etwas fundamental falsch.“

Doch die Preise stehen. Die Hersteller wollen sich dadurch zumindest einen Teil der Entwicklungskosten wieder hereinholen.

Als Erster präsentierte Renault im Juni das Triebwerk der Zukunft. Der „Renault Energy F1“ soll Vettel und sein Team auch in den kommenden Jahren auf Titelkurs halten. Der österreichische Rennstall mit Sitz in England genießt bei Renault oberste Priorität. Denn anders als Ferrari und Mercedes verfügen die Franzosen über kein Werksteam.

Große Hoffnung

Genau darin steckt die Hoffnung der Konkurrenten. Der größere, schwerere Turbo-Motor verlangt eine völlig neue Konstruktion der Autos. Bei Ferrari und Mercedes werden Chassis und Motor in unmittelbarer Nähe gefertigt. Zwischen den Fertigungsfabriken von Renault und Red Bull Racing liegt jedoch der Ärmelkanal.

Vettel pokert sich zur Pole

Der dreifache Formel-1-Weltmeister und überlegene WM-Leader Sebastian Vettel ist auch in Singapur voll auf Kurs. Der 26-jährige Deutsche vom Red-Bull-Team entschied am Samstag das Qualifying für den Nacht-Grand-Prix in Singapur für sich und startet am Sonntag (14.00 Uhr) zum bereits 41. Mal in seiner Karriere aus der Pole Position.

Landsmann Nico Rosberg (Mercedes) wurde mit nur 91 Tausendstel Rückstand Zweiter, der Franzose Romain Grosejan (Lotus-Renault) landete auf Rang drei. Vettels australischer Teamkollege Mark Webber holte Platz vier.

Poker

Vettel konnte es sich leisten, ordentlich zu pokern. Denn der Dominator der vergangenen Jahre stieg schon mehrere Minuten vor dem Quali-Ende aus seinem Boliden, um Reifen fürs Rennen aufzusparen und zu schonen. Mit etwas Glück ging der Poker auf, schon ohne Helm in der Garage und an den Fingernägeln kauend beobachtete Vettel, wie Rosberg an seiner Topzeit vorbeischrammte.

"Das war ein komisches Gefühl, wenn Du da stehst und nichts mehr machen kannst", berichtete Vettel. Der Red-Bull-Star könnte damit seinen dritten Singapur-Sieg in Serie feiern und einen weiteren großen Schritt in Richtung seines vierten WM-Triumphes en suite machen.

Denn seine ersten Verfolger Fernando Alonso (Ferrari), Lewis Hamilton (Mercedes) und Kimi Räikkönen (Lotus) landeten in der Quali nicht im absoluten Spitzenfeld. Hamilton wurde Fünfter, Alonso Siebenter und Räikkönen sogar nur 13..

"Ich bin mit Sicherheit sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Das Auto ist das ganze Wochenende schon fantastisch. Im Rennen erwarte ich eine sehr anstrengende Hitzeschlacht", sagte Vettel. "Sebastian war halt megaschnell. Aber es wäre schon witzig gewesen, wenn ich Sebastian die Pole weggeschnappt hätte", meinte Rosberg.

Auch Helmut Marko, der steirische Motorsportchef von Red Bull, war erleichtert. Mit Hinblick auf Sonntag meinte Marko optimistisch: "Wenn Sebastian den Start hinkriegt, dann glaube ich, dass er das Rennen in seiner üblichen Manier nach Hause fahren wird. Aber wir haben unsere Gegner noch nie unterschätzt."

Vor dem 13. der 19 WM-Rennen führt Vettel mit 222 Punkten überlegen vor Alonso (169), Hamilton (141) und Räikkönen (134).

Räikkönen-Start fraglich

Hinter dem Einsatz von Kimi Räikkönen beim Großen Preis von Singapur steht wegen einer Rückenverletzung noch ein Fragezeichen. "Durch die schmerzstillende Spritze hat er nichts gespürt, aber wir müssen es die Nacht beobachten und sehen, wie es am Sonntag aussieht", sagte Lotus-Teamchef Eric Boullier und zeigte sich nicht so optimistisch wie sein Top-Fahrer.

Räikkönen, der im Qualifying nicht über Platz 13 hinausgekommen war, geht fest von einem Start aus. "Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem Problem gefahren bin und es wird wahrscheinlich nicht das letzte Mal sein. Aber ich werde in der Startaufstellung sein, und wir werden versuchen, das Maximum herauszuholen", sagte der Finne, nachdem er bereits im zweiten Durchgang der K.o.-Ausscheidung auf dem hell erleuchteten Marina Bay Street Circuit ausgeschieden war.

Endstand im Qualifying in Singapur:
1. Sebastian Vettel GER Red Bull 1:42,841
2. Nico Rosberg GER Mercedes 1:42,932
3. Romain Grosjean FRA Lotus 1:43,058
4. Mark Webber AUS Red Bull 1:43,152
5. Lewis Hamilton GBR Mercedes 1:43,254
6. Felipe Massa BRA Ferrari 1:43,890
7. Fernando Alonso ESP Ferrari 1:43,938
8. Jenson Button GBR McLaren 1:44,282
9. Daniel Ricciardo AUS Toro Rosso 1:44,439
10. Esteban Gutierrez MEX Sauber keine Zeit
Out nach Q2:
11. Nico Hülkenberg GER Sauber 1:44,555
12. Jean-Eric Vergne FRA Toro Rosso 1:44,588
13. Kimi Räikkönen FIN Lotus 1:44,658
14. Sergio Perez MEX McLaren 1:44,752
15. Adrian Sutil GER Force India 1:45,185
16. Valtteri Bottas FIN Williams 1:45,388
Out nach Q1:
17. Paul di Resta GBR Force India 1:46,121
18. Pastor Maldonado VEN Williams 1:46,619
19. Charles Pic FRA Caterham 1:48,111
20. Giedo van der Garde NED Caterham 1:48,320
21. Jules Bianchi FRA Marussia 1:48,830
22. Max Chilton GBR Marussia 1:48,930
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