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Sport Motorsport
11/07/2021

Spannender als die Realität: Wie Netflix die Formel 1 spaltet

Durch die Doku-Serie „Drive to Survive“ erlebt der Sport einen Aufschwung. Doch nicht alle sind mit der Machart glücklich.

von Florian Plavec

„Dokumentarfilm: Filmform, die eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung anstrebt“

rororo-Sachlexikon Film

Obenstehende Definition zeigt es klar: Ein Dokumentarfilm bildet keineswegs zwangsläufig die Wirklichkeit ab. Mit den Wörtern „möglichst“, „nahe“ und „anstreben“ wird ausgedrückt, dass es der Anspruch eines Doku-Films ist, sich der Realität nur anzunähern. Doch wie weit darf man die Tatsachen verändern oder in einen anderen Kontext stellen? Wie weit darf eine Dokumentation gestaltet werden, dramatisiert, zugespitzt oder verfeinert, ohne als Fiktion zu gelten?

Genau darüber entbrannte in der Formel 1 in den vergangenen Wochen ein heftiger Streit.

Die Rekorde

Der schnellste Kreisverkehr der Welt ist derzeit beliebt wie kaum zuvor. Die TV-Quoten sind hoch, der Grand Prix der USA verzeichnete zuletzt die Rekordzahl von insgesamt 400.000 Zuschauern, 140.000 davon kamen alleine am Rennsonntag; ausverkauft ist auch der Grand Prix von Mexiko (Start 20.00 MEZ/live ServusTV, Sky).

Vor allem beim jungen Publikum konnte die Popularität gesteigert werden. Das Durchschnittsalter eines Formel-1-Fans ist laut Umfrage seit 2017 von 36 auf 32 Jahre gesunken; der Anteil weiblicher Fans hat sich im selben Zeitraum fast verdoppelt; der Zuspruch wuchs vor allem in den USA, Mexiko, Indien und in China.

Die Formel 1 hat sich seit der Übernahme von Liberty Media 2017 Social Media geöffnet und sich mit den Fans vernetzt. Der Hauptgrund für die positive Stimmung hat aber einen Namen: „Drive to Survive“, die Doku-Serie von Netflix.

Es scheint, als wären die Folgen spannender und fesselnder als es die echte Formel 1. „Diese Produktion hat mich und den gesamten Sport bekannter gemacht“, sagte etwa der Australier Daniel Ricciardo. „Wir werden in Amerika auf den Straßen jetzt viel öfter angesprochen.“

Auch Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ist ein Fan der Serie: „Die Leute haben eine Kamera auf sich gerichtet und fangen an, sich wie kleine Schauspieler zu verhalten, wie in Hollywood“, sagte der Wiener der Daily Mail. „Das ist gut für den Sport und gut für Netflix, denn sie wollen die Menschen porträtieren, nicht nur die Stoppuhr.“ Formel-1-Boss Stefano Domenicali schwärmt: „‚Drive to Survive‘ hat einen enormen Einfluss auf die Popularität des Sports. Vor allem bei jenen, die zuvor noch nicht so große Fans waren.“

Die Kritiker

Doch ausgerechnet der WM-Leader übte zuletzt Kritik am Doku-Format mit seinen bisher drei Staffeln zu je zehn Folgen; Max Verstappen wird den Machern der Serie ab sofort nicht mehr zur Verfügung stehen. Gegenüber der Associated Press begründete er, dass in der Serie „Rivalitäten gezeigt werden, die so gar nicht existieren. Das ist Fake.“

Er verstehe „ein gewisses Maß an Dramatisierung, um die Popularität (...) zu steigern. Aber als Fahrer möchte ich nicht Teil davon sein.“ Laut Verstappen werden Aussagen so verdreht, dass sie dem Regisseur in die jeweilige Geschichte passen. „Sie stellen dich immer so dar, wie sie es wollen.“

Auch kritische Fans haben einige Punkte zu bemängeln:

  • Ungenauigkeiten: Mehrmals werden etwa Funksprüche den falschen Szenen zugeordnet. So schimpfte etwa Alex Albon: „Ich habe keinen Grip mit diesen harten Reifen“ – genau zu erkennen ist im Film aber, dass er gerade die gelb markierten Mediums aufgezogen hatte. Lando Norris beklagte bei einem Überholversuch eines Kontrahenten im Force India: „Er wäre fast in mich hineingefahren! Was hat er da versucht?“ Eingespielt wurde der Spruch aber zu einem Überholvorgang mit seinem damaligen McLaren-Teamkollegen Carlos Sainz Junior – um die angebliche Rivalität der beiden Teamkollegen zu unterstreichen. In Wahrheit hatten die beiden ein ausgezeichnetes Verhältnis zueinander.
  • Zuspitzungen: Für die gute Story werden diese Rivalitäten zugespitzt. In Staffel zwei wird etwa versucht, zwischen Ricciardo und Sainz ein extremes Spannungsfeld aufzuzeigen. Tatsächlich messen sich alle Fahrer im sportlichen Wettkampf, doch wer die beiden Charaktere kennt, weiß, dass die Darstellung mehr Fiktion als Realität ist.
  • Soundeffekte: Quietschende Reifen, wo nichts quietschen kann, heulende Motoren, wo nichts heult, krachendes Material bei Unfällen, wo nichts bricht. Soundeffekte à la Hollywood bringen Drama rein – für Puristen zu viel Drama.
  • Vereinfachungen: Damit die Handlung schön flutscht, werden komplizierte Abläufe stark vereinfacht dargestellt. So sieht es etwa aus, als würden die Rennen ohne Einführungsrunde beginnen.

Die Kritik relativiert vor dem Mexiko-Rennen Lokalmatador Sergio Pérez: „Wie sie den Sport verkaufen, ist ein bisschen Drama. Es ist eine Show, aber am Ende des Tages ist es gut für den Sport und gut für die Fans. Also bin ich glücklich damit.“

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