Im Fokus: Sebastian Vettel

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Sport | Motorsport
06/22/2019

Pro & Contra: Ist Sebastian Vettel ein großer Formel-1-Pilot?

Der deutsche Ferrari-Star sorgt für Schlagzeilen – als Ehemann sowie als in die Kritik geratener Champion.

Er ist der Mann der Stunde in der Formel 1. Zwar führt Sebastian Vettel weder die Formel-1-Weltmeisterschaft an, noch darf sich der Deutsche in seinem Ferrari große Chancen auf den Sieg beim Großen Preis von Frankreich am Sonntag ausrechnen.

Der 31-Jährige bleibt zudem weiter sieglos in der Saison 2019. Die Rennkommissare bestätigten am Freitag in Le Castellet die Strafe, die Vettel den Sieg in Kanada vor zwei Wochen gekostet hatte. Das von seinem Rennstall vorgelegte Beweismaterial sei nicht ausreichend für eine Aufhebung der Zeitstrafe, hieß es in der Begründung.

Die Sanktionierung löste nicht nur Debatten um die Regelauslegung in der Königsklasse aus, einmal stand auch Vettel selbst in der Kritik bei Formel-1-Fans. Wie gut ist der vierfache Weltmeister tatsächlich? Darüber diskutiert die Motorsportgemeinde, seitdem der Deutsche mit Ferrari versucht, in die Erfolgsspur zu finden. Auch im KURIER herrscht darüber Uneinigkeit.

Glücklich und zufrieden erschien der 31-Jährige dennoch in Südfrankreich – weil erstmals auf seinem Finger ein Ehering funkelte. Nach dem viel diskutierten Rennen im kanadischen Montreal hat Vettel im engen Familienkreis seine langjährige Freundin Hanna geheiratet.

  • PRO

Wer eine wesentlich bessere Siegquote vorweisen kann als Niki Lauda und mit Alain Prost sowie mit Ayrton Senna nahezu gleichauf liegt, der ist mehr als nur ein Passagier in der  weiten Welt der Formel 1. Wer mit Ferrari in vier Jahren   mehr Grand Prix (13) gewonnen hat als der über alle Rennserien geschätzte Fernando Alonso (11) in fünf Saisonen, der hat sich einen Platz  in der Ruhmeshalle seines Sports längst verdient.

Im Schnitt gewinnt Sebastian Vettel fast jedes vierte Rennen. In der ewigen Bestenliste der Königsklasse ist der Deutsche auf Rang drei vorgefahren – was   auch an der sukzessiven Ausweitung des Rennkalenders liegt. Doch davon profitiert auch  Langzeitrivale Lewis Hamilton, die Nummer zwei der Rangliste. Im Briten  fand Vierfach-Champion  Vettel zuletzt mehrfach seinen Meister.

Das liegt nur bedingt am Können des Fahrers. Hamilton  kann Vettel deshalb in Fehler hetzen, weil er das bessere Team   hinter sich weiß und im verlässlicheren Auto sitzt. Am Kommandostand von Mercedes werden öfter richtige – und noch wichtiger: fast nie falsche – Entscheidungen getroffen.
Dass in Vettel noch immer das gewisse Etwas schlummert, konnte er gerade erst  in Montreal beweisen – und zwar mehrfach. Die Poleposition-Runde war weltmeisterlich, die Fahrzeugbeherrschung nach dem Ritt über die Wiese keine einfache Übung. Auch ohne Siegespokal darf sich der 31-Jährige als Gewinner des Kanada-Wochenendes fühlen. Jedenfalls emotional.

Was Vettel auszeichnet

Dass gerade Vettel, der die sozialen Medien konsequent ignoriert, mit dem Umstellen der Tafeln für den Erst- und Zweitplatzierten tagelang das dominierende Thema im Web war, ist eine passende Pointe. Die Formel 1 ist viel mehr als die Aneinanderreihung von Bestmarken und Trophäen. Sie lebt von der Emotion. Und genau die entfacht Sebastian Vettel wie kaum ein zweiter Pilot seiner Generation. Es ist daher durchaus alarmierend, wenn Vettel anmerkt, dass die Formel 1 „nicht mehr der Sport ist, in dem ich mich verliebt habe“.

Philipp Albrechtsberger

  • CONTRA

Natürlich, Sebastian Vettel hat Großtaten vollbracht. Er war der jüngste Grand-Prix-Sieger, er hat 52 Rennen gewonnen und vier Titel geholt. Doch an einen Michael Schumacher kommt er ebenso wenig heran wie an einen Lewis Hamilton. Er hat weder die Anzahl ihrer WM-Titel noch deren Klasse.

Denn: Sebastian Vettel war während seines Erfolgslaufs zur richtigen Zeit  im richtigen Team. Red Bull dominierte vier Jahre lang, die  Österreicher setzten voll auf den charismatischen Jungstar und degradierten Teamkollege Mark Webber zur Nummer 2. Vettel blühte auf und fuhr eindrucksvoll seine Titel ein.

Was Vettel falsch macht

Doch danach konnte sich Vettel nicht auf das neue Reglement umstellen,  gegen Teamkollege Ricciardo sah er 2014 schlecht aus, und seit 2015 fühlt er sich bei Ferrari nicht wirklich  wohl. Vettel schaffte es nie, das Team der Scuderia so hinter sich zu scharen, wie es einst Schumacher gelang.
Immer größer wurde der Druck der (italienischen) Medien und Fans – und Vettel machte vor allem unter Druck verheerende Fehler. Wo ein Hamilton im Zweifelsfall zurückzieht (und im Rennen bleibt), bleibt Vettel kompromisslos aggressiv – und fliegt raus. Im Vorjahr hätte er ohne Eigenfehler locker den Titel holen können.

Doch ...
... in Baku verbremste er sich im Kampf um den Rennsieg und verlor die Punkte;
... in Frankreich fuhr er Bottas ins Auto;
... in Hockenheim rutschte er als Führender von der Strecke;
... in Monza kollidierte er mit Hamilton;
... zudem crashte er mit Verstappen (in Japan) und Ricciardo (in den USA).

Und auch die aktuelle Diskussion um seine Bestrafung in Kanada hätte Vettel sich erspart, hätte er sich  unter Hamiltons Druck nicht schon wieder verbremst. Mit 31 Jahren ist Vettel im besten Alter für einen Rennfahrer. Doch Ex-Weltmeister Jackie Stewart urteilt hart: „Er hat seinen Zenit überschritten. Er hat nicht mehr diesen hundertprozentig klaren Kopf wie früher.“

Florian Plavec