© EPA/Hamad I Mohamed / Pool

Sport Motorsport
11/30/2020

Nach dem Wunder von Bahrain: Die acht Schutzengel der Formel 1

Romain Grosjean überlebte am Sonntag mit viel Glück – aber auch wegen ausgefeilter Sicherheitsmaßnahmen.

von Florian Plavec

Auch am Tag danach war das „Wunder von Bahrain“ Thema Nummer 1 in der Formel 1. Einer Riesenportion Glück und ausgefeilten Sicherheitsmaßnahmen ist es zu verdanken, dass Romain Grosjean den Feuerunfall in Bahrain mit Verbrennungen an den Handrücken überlebt hat. Schon am Dienstag soll er das Krankenhaus verlassen, im zweiten Rennen am Sonntag in Bahrain wird er durch den Brasilianer Pietro Fittipaldi (24) ersetzt, den Enkel des zweifachen Weltmeisters Emerson Fittipaldi.

Mit 224 km/h war Grosjean in die Leitplanke gekracht, die dabei zerbrach. Sein Auto wurde in zwei Teile gerissen und ging in Flammen auf. 26 Sekunden lang saß der Franzose im bis zu 900 Grad heißen Feuer. Formel-1-Arzt und Erstretter Ian Roberts berichtet, dass sogar das Visier an Grosjeans Helm geschmolzen war. Ein Unfall dieser Art hätte früher den sicheren Tod des Piloten bedeutet.

Der Tod fuhr mit

Sicherheit und Formel 1, das war jahrzehntelang ein Widerspruch. In den ersten 25 Jahren des Sports gab es genau vier vorgeschriebene Sicherheitsmaßnahmen: 1952 wurde der Sturzhelm Pflicht, 1959 der Überrollbügel hinter dem Fahrer, 1969 der Sicherheitsgurt, 1973 der deformierbare Tank.

1975 wurden eine Kopfstütze hinter dem Fahrer und ein Feuerlöscher Pflicht. Seit 1976 sind die Füße des Piloten hinter der Vorderachse. 1979 wanderte der Benzintank hinter den Fahrer. Das machte die Autos schmäler und war nebenbei der perfekte Feuerschutz.

Doch erst die tödlichen Unfälle von Ayrton Senna und Roland Ratzenberger 1994 in Imola änderten alles. Rennarzt Sid Watkins, der beide Piloten sterben sah, und FIA-Präsident Max Mosley traten die Flucht nach vorne an. Die Sicherheit wurde zum wichtigsten Thema.

Heute sind Formel-1-Boliden die ausgeklügeltsten Autos der Welt. Sicherer wurde der Sport vor allem wegen folgender acht Merkmale:

  • Halo Romain Grosjean war einer der größten Gegner des Kopfschutzes, der sich seit 2018 über den Fahrer spannt. Seit Sonntag ist das anders. Ohne den Titanbügel von sieben Kilogramm hätte der Franzose mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Der „Heiligenschein“ muss heranfliegenden Reifen standhalten und einem Gewicht von rund zwölf Tonnen widerstehen.
  • Monocoque 1981 fand die Kohlefaser Einzug in den Motorsport. Der Werkstoff ist leicht und gleichzeitig stabil. Seit 1984 gibt es verpflichtende Crash-Tests. In ihren Überlebenszellen scheinen die Fahrer unverwundbar zu sein. Das Monocoque ist rundum mit Zylon umwickelt, einem Stoff, der auch für schusssichere Westen verwendet wird.
  • Helm Der „Halo“ wurde als Reaktion auf schwere Unfälle eingeführt. Etwa auf jenen von Felipe Massa, der 2009 durch eine Metallfeder schwer am Kopf verletzt worden war. Heute sind auch die Helme mit einer Zylonschicht geschützt, die Visiere wurden verstärkt. Seit 2014 tragen die Fahrer Beschleunigungssensoren in den Ohrstöpseln, die die Stärke des Aufpralls aufzeichnen. Die Chips sind so groß wie ein halbes Reiskorn und kosten nur 10 Euro.
  • Overall Der Rennanzug muss 60 Sekunden lang Temperaturen von an die 1.000 Grad Celsius standhalten – das ist heißer als brennendes Benzin. Zudem muss gewährleistet sein, dass die Rennfahrer bei Hitzerennen nicht dehydrieren. Unter dem Overall tragen die Piloten eine feuerfeste lange Unterwäsche. Aus einem ähnlichen Stoff ist auch die Gesichtsmaske.
  • HANS Versuche mit Airbags schlugen im Rennsport fehl. Die Lösung im Kampf gegen Nacken- und Schädelbasisverletzungen heißt HANS. Der „Head and Neck Support“ ist seit 2003 Pflicht. Er sitzt den Fahrern auf den Schultern, und ein Seilzug verhindert, dass der Kopf bei einem Crash zu weit nach vorne geschleudert wird.
  • Cockpitwand Mit dem Kohlefaser-Monocoque waren die Beine sicher, aber nicht mehr der Nacken. Nach den Unfällen von Senna und Ratzenberger in Imola wurden die seitlichen Cockpitwände nach oben gezogen. Nun umschließt ein 75 Millimeter dicker Kragen Kopf und Nacken der Fahrer.
  • Datenrekorder Seit 1996 ist ein Datenschreiber (Accident Data Recorder) an Bord, der den Unfall in Echtzeit transparent macht. Innerhalb weniger Minuten wissen die Experten, wie das Unglück geschehen ist und können daraus auch für die Zukunft lernen. Generell gilt: Je kürzer ein Unfall ist, desto gefährlicher ist er, weil die Verzögerung abrupter erfolgte.
  • Räder Bei Unfällen von Heinz-Harald Frentzen 2000 und Jacques Villeneuve 2001 wurde jeweils ein Streckenposten von einem herumfliegenden Rad erschlagen. Seitdem sind die Räder mit je zwei Seilen am Chassis befestigt.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.