Pappkameraden: Pertl mit dem schönen Jenson und dem coolen Kim

© KURIER/Rainer Eckharter

Persönliche Premiere
06/21/2015

Formel 1 im Test: Ist Kimi wirklich so cool?

Vorurteile und Erwartungen auf dem Prüfstand: Nach Jahrzehnten des Fernsehkonsums zum ersten Mal vor Ort in Spielberg.

von Christina Pertl

Seitdem ich mich erinnern kann, wurde in meiner Familie Formel 1 geschaut. Zum Saisonauftakt mitten in der Nacht; zum Ungarn-Grand-Prix im Hochsommer in Opas Garten; in guten wie in traurigen Zeiten; in brüllend lauten wie in effizient leisen Phasen der rasanten Raserei – drei Jahrzehnte lang.

Bei einem Grand Prix vor Ort war ich aber nie. Bis jetzt. Bis zu meiner Premiere in Spielberg. Zeit, die angesammelten Vorurteile und Erwartungen an den glamourösesten Kreisverkehr der Welt auf den ganz persönlichen Prüfstand zu stellen.

Die wichtigste Frage: Lohnt sich das? Oder bekommt man an der Strecke wirklich so wenig vom Rennen mit?

Das ist wie so oft eine Frage der Perspektive, sprich: der Ticketkategorie. Wer bei Start und Ziel sitzt, ist hautnah dabei. Von hier aus kann man Lewis Hamilton und Co. direkt in den Boxen zuschauen, man riecht die verbrannten Bremsen, sieht, wie jeder Handgriff der Teams beim Reifenwechsel perfekt eingespielt ist, oder wie Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene von Williams-Fahrer Felipe Massa fast über den Haufen gefahren wird. 445 Euro kostet aber dieser Ausblick, gleich viel wie von den Tribünen rund um die erste Kurve, von denen man dank der Spielberger Hügellandschaft große Teile der Strecke sehen kann. Natürlich wüsste man vor Ort ohne die Videoleinwände nicht zu jeder Zeit des Rennens, wer gerade in Führung liegt.

Sind die Autos wirklich so unglaublich schnell?

Ja. Beeindruckend, wenn es mit mehr als 300 km/h in Richtung erste Kurve geht, noch faszinierender, wie spät da erst gebremst wird. Sobald der erste Regentropfen fällt, zeigt sich, wie sehr die Fahrer am Limit unterwegs sind und wie schmal der Grat zwischen Grip und Kiesbett ist.

Sind die Motoren wirklich so leise?

Jein. Es wird erzählt, dass einem bei den Motoren der Vergangenheit die Ohren geblutet haben. Auch die heutigen Formel-1-Autos sind so laut, dass man sich auf der Tribüne nicht ungestört unterhalten kann. Die Kollegen aus der GP2-Serie sind aber um einiges lauter, genauso wie die Klassiker der Legenden-Parade.

Sehen die Formel-1-Stars aus wie im Fernsehen?

Nein. Die meisten wirken in Natura viel kleiner. Die Pappaufsteller, die im Durchgang zum Fahrerlager aufgestellt sind, könnten in vielen Fällen die größeren Brüder der Formel-1-Stars sein. Ausnahme: Felipe Massa. Der wirkt ja auch im TV nicht wie ein Riese.

Sind 2015 wirklich so wenige Fans gekommen?

Nein. Es ist nicht die Völkerwanderung rund um den Ring zu beobachten, von der bei der Premiere im Vorjahr berichtet wurde, aber zumindest beim Qualifying sind trotz durchwachsenen Wetters die Tribünen gut gefüllt. Für das Rennen am Sonntag werden immerhin 65.000 Zuschauer erwartet.

Ist an der Strecke wirklich alles so teuer?

4,50 Euro für ein Bier, drei für eine Wurstsemmel, sechs für einen Schnitzelburger. Billig ist anders. Wucher aber auch.

Treiben sich im Fahrerlager wirklich nur Models herum?

Nein, abgesehen von den zünftig steirisch gekleideten Grid Girls natürlich. Wer aber Österreichs Society und Motorsport-Legenden wie Niki Lauda, Helmut Marko oder Gerhard Berger hautnah sehen möchte, wird nicht enttäuscht. Doch Laufsteg-Models sehen anders aus.

Sind am Campingplatz wirklich alle besoffen?

Zu späterer Stunde: Ja.

Ist Kimi Räikkönen wirklich so cool?

Ja, ist er. Der finnische Ferrari-Pilot wird nicht umsonst "Iceman" genannt. Kurze Antworten sind sein Stilmittel, am besten leise dahingenuschelt. Der 35-jährige Weltmeister von 2007 macht kein Hehl daraus, dass ihn viele Journalistenfragen nicht interessieren. "Bullshit" sagte er einem italienischen Journalisten ins Gesicht, der einen spekulativen Artikel über Räikkönens Vertrag geschrieben hatte.

Ist Jenson Button wirklich so ein charmanter, gut aussehender Gentleman?

Ja. Der 35-jährige Brite kann über die Performance-Probleme seines McLaren sprechen und dabei trotzdem aussehen, als würde er seiner Ehefrau Jessica eine Liebeserklärung machen. "Schatz, ich bin zwar nicht so schnell, dafür fahre ich vorsichtig." Oder so ähnlich.

Sieht Bernie Ecclestone wirklich wie eine kleine, alte Dame aus?

Nein, auch wenn sich über die Justin-Bieber-Frisur streiten lässt. Für einen 84-Jährigen ist die kleine Formel-1-Größe aber beeindruckend fit. Er erscheint, gibt innerhalb einer Minute drei Interviews und vier Autogramme und verschwindet wieder in seiner schwarzen Limousine.